APPLES NEUES MULTIMEDIA-TABLET: iPAD
Lesen in allen Farben
Buch- und Zeitschriftenverlage haben das iPad sehnsüchtig erwartet. Den etablierten Lesegeräten droht ernsthafte Konkurrenz.
So entspannt hat Steve Jobs noch nie ein neues Produkt präsentiert. Der Apple-CEO nimmt in einem gemütlichen Sessel Platz, lehnt sich zurück und blättert in seiner Bibliothek (siehe Videoclip rechts). Der altmodische Rahmen ist kalkuliert. Jobs möchte mit dem Tablet-Computer „iPad“ nichts anderes als den Buchmarkt aufmischen. Das iPad kann zwar noch einige andere Dinge, aber die interessanteste und einzige wirklich neue Funktion steckt in dem mitgelieferten Programm „iBooks“. Sie präsentiert E-Books wie in einem Bücherregal, und man kann sie direkt aus der Anwendung herunterladen – in iTunes für Bücher.
Anders lesen mit iBooks
Wie liest man im iPad? Ganz anders als in den bisher erhältlichen Readern. Diese versuchen möglichst nahe an das Buch zu kommen: mit speziellen Monitoren, mit langer Laufzeit – aber eben mit nichts anderem als der Anzeige von Schrift.
Der iPad ignoriert diesen Zugang und geht einen anderen Weg: Neben einer Auswahl individuell einstellbarer Schriften gibt es Videos, die sich in Seiten einbinden lassen. Die Seiten lassen sich schnell und langsam umblättern, genauso springt man durch Antippen vor und zurück zum nächsten Kapitel. Schon aus der Präsentation bei der Apple-Keynote am 27. Jänner 2010 wurde deutlich: Noch nie waren E-Books so bunt, so haptisch, so attraktiv, so sexy wie in iBooks.
Wie augenfreundlich der iPad zu VielleserInnen ist, muss sich zeigen. Die ersten Geräte werden ab April in den USA ausgeliefert, nach Europa kommt der iPad erst im Sommer. Aber während bisherige Reader immer versuchten, eine möglichst akkurate Papiersimulation zu liefern, sind es die KonsumentInnen längst gewöhnt, täglich stundenlang auf Monitoren zu lesen, die oft bei Weitem nicht die Qualität des IPS-Panels haben, das im iPad eingebaut ist und sehr spitze Lesewinkel (für ein LCD-Display) zulässt.
Fünf mögliche Erfolgsgründe
Die US-Website Flavorwire hat den iPad aus der Sicht von „LeserInnen“ analysiert und nennt fünf Gründe, warum der iPad den E-Book-Markt verändern wird:
E-Book-Preise: Der iBook-Store setzt auf variable Preise und ignoriert die von Amazon eingeführte 9,99-Dollar-Grenze. Das wird den Verlagen gefallen, die für neue Titel gern höhere Preise hätten und deshalb E-Book-Neuerscheinungen oft monatelang blockieren, um die Buchausgabe nicht zu kannibalisieren.
Format: Der iBook-Store wird Bücher nicht in einem proprietären, sondern im meistverbreiteten Format (ePub) verkaufen. Der Amazon-Kindle nützt zum Vergleich ein proprietäres Format (AZW). Noch ist nicht klar, ob sich ein unter iBooks geladenes Buch dann auch auf anderen Readern (Sony, Barnes & Noble) lesen lässt. Aber sollten die Inhalte wirklich ungeschützt geladen werden können, wird Amazon unter Druck kommen – und die Bücherwelt womöglich ihren eigenen „MP3-Standard“ erhalten.
Bildschirm: Das Apple-Tablet hat kein einfärbiges E-Ink-Display wie andere Reader, sondern einen Farbschirm. Es muss sich erst zeigen, wie die Augen auf dieses Display bei längerem Lesen reagieren. Klar ist aber: Lesen in allen Farben ist möglich, von Büchern, aber auch von Zeitschriften.
Partner: Der iBook-Store wird von Anfang an mit vielen Titeln starten. Große US-Verlage sind von Anfang an dabei. Hoffentlich dürfen auch kleinere Buchverlage ohne große Hürden mitmachen. Bei iTunes hat diese Entwicklung einige Jahre gedauert.
Hardware-Preis: Das Basismodell (US-Preis: 499 Dollar) ist relativ nahe an einem Kindle (259 Dollar). Und mit dem iPad kann man noch ganz andere Dinge tun als lesen. Richtig interessant ist allerdings erst das 3G-Modell, das für den Download kein WLAN voraussetzt. Dieses kostet dann allerdings deutlich mehr.
Steve Jobs erwähnt in seiner Präsentation, man habe „auf den Schultern von Amazon“ weitergearbeitet. Viele Beobachter gehen einen Schritt weiter und schätzen, dass der iPad das Ende der ersten Generation von E-Book-Readern bedeuten wird. Fest steht: Steve Jobs hat am 27. Jänner aus seinem Lesesessel heraus neue Farben ins Lesen und in die Literacy gebracht!


