Lesen in allen Fächern

Von Martina Starz

Texte, die im Unterricht der Sachfächer verwendet werden, haben es in sich: Sie weisen eine hohe Informationsdichte auf, strotzen vor Fachbegriffen, Abkürzungen und ungewohnten Wörtern. Außerdem sind die Sätze oft verschachtelt und lang. Solche Texte stellen nicht nur weniger kompetente LeserInnen vor Probleme. Das Verstehen dieser Texte setzt neben der „normalen“ Literacy auch eine fachspezifische Lesekompetenz voraus – und diese muss im jeweiligen Fachunterricht erworben werden.

Bub inmitten von Büchern

Der deutsche Professor Josef Leisen ist überzeugt: „Das Lesen von Sachtexten ist zweifellos ein Thema aller Fächer. Zukünftige Lehrkräfte müssen unbedingt in der Didaktik und Methodik des Leseverstehens von Sachtexten ausgebildet werden.“ So schreibt er im Vorwort des Buches „Sachtexte lesen im Fachunterricht der Sekundarstufe“ (siehe Kasten rechts).

Die Chemielehrerin Elisabeth Kulnigg meint: „Als Lehrerin eines naturwissenschaftlichen Faches gehe ich eigentlich davon aus, dass meine SchülerInnen – zumindest in der Sekundarstufe II – ,lesen’ können, in dem Sinn, dass sie in der Lage sind, dem Text eigenständig Bedeutung zu entnehmen. In der Praxis bin ich aber immer wieder erstaunt, welche zum Teil großen Schwierigkeiten auftreten, wenn es um das eigenständige Erschließen von naturwissenschaftlichen Sachtexten geht.“

Warum ist es für die SchülerInnen so schwierig, Fachtexte zu verstehen? Wo liegen die Ursachen? Und sind sich die Biologie-, Chemie-, Physik-, MathematiklehrerInnen dessen überhaupt bewusst?

Elisabeth Kulnigg hat sich mit diesem Thema eingehend beschäftigt und ein umfangreiches Skriptum mit Überlegungen zu Lesezielen, Lesestilen und Lesestrategien sowie praktischen Anwendungsbeispielen für den Chemieunterricht erstellt (s. Kasten).

Mit Stil zum Ziel

Grundsätzlich ist es wichtig, möglichst genaue Leseaufgaben und -ziele zu setzen sowie geeignete Lesestrategien auszusuchen und anzubieten. Eine Schwierigkeit ist jedenfalls, dass Sachtexte im naturwissenschaftlichen Unterricht oft schwer lesbar sind. Sie wecken auch nicht immer das Interesse der SchülerInnen, sondern provozieren eher die Fragen: „Warum müssen wir das eigentlich lesen? Und wie sollen wir das schaffen?“ Genau darauf brauchen sie eine Antwort!

Gelesen wird im (Fach-)Unterricht aus vielen Gründen, z. B.:

  • um sich mit einem bestimmten Thema vertraut zu machen
  • zur Vorbereitung von Referaten, Projekten, Versuchen etc.
  • zur gezielten Informationssuche
  • zur Klärung von Unklarheiten etc.

Je nach Leseziel stehen verschiedene Lesestile zur Auswahl, die auch in Kombination anwendbar sind. Lesestile wären z. B. das suchende Lesen (Scanning), bei dem gezielt nach zuvor festgelegten Informationen gesucht wird, oder das orientierende Lesen (Skimming), wobei man einem Text die wesentlichen Informationen entnehmen möchte.
Will man einen Text möglichst vollständig verstehen, so liest man ihn detailliert (intensiv, total) oder zyklisch, wenn es sich um komplexere Textsorten handelt.

Von der richtigen Strategie

Ist man sich nun über das Ziel und den Stil im Klaren, braucht man noch eine Lesestrategie: Die richtige Strategie – bzw. das passende Bündel von Strategien – erleichtert das Erschließen und die Sinnentnahme von Texten. Hiervon gibt es viele und nicht wenige werden ohnehin im Unterricht angewendet: Man kann etwa Fragen stellen und beantworten, den Text neu strukturieren und gliedern, Schlüsselwörter und bestimmte Informationen farblich hervorheben, den Text in ein Bild oder ein Diagramm umsetzen, ihn zusammenfassen oder mit anderen Texten vergleichen. Bei der Wahl der Strategie(n) sollte man neben Leseziel und Schwierigkeitsgrad des Textes auch immer die Lesekompetenz der SchülerInnen bedenken.

Elisabeth Kulnigg hat in ihrem Skriptum die verschiedenen Strategien und ihre Anwendungen anhand von konkrete Arbeitsmaterialien im Chemieunterricht sehr gut erklärt (s. Kasten rechts.)

Zur Person

Porträt Elisabeth Kulnigg

Elisabeth Kulnigg hat an der Karl-Franzens-Universität in Graz Chemie (Spezialgebiet: Biochemie) und Chemie-Lehramt (Nebenfach: Physik) studiert und die Studien als Dr. phil. (sub auspiciis) und Mag. rer. nat. abgeschlossen. Nach einigen Jahren Berufspraxis in der pharmazeutischen Industrie ist sie seit 1984 als Professorin und viele Jahre als Chemie-Kustodin am Goethe-Gymnasium (BG und BRG Wien XIV, Astgasse 3) tätig. Im Rahmen der Lehrtätigkeit konnte sie zahlreiche, auch fächerübergreifende Projekte mit SchülerInnen durchführen. Als Autorin der Lehr- und Lern-CD-ROM „Chemie hoch vier“, die unter anderem das erste und bislang einzige österreichische elektronische Chemiebuch beinhaltet, konnte sie wertvolle Erfahrungen im Einsatz neuer Medien sammeln sowie ihre Informations- und Organisationskompetenz erweitern.

Prof. Josef Leisen

Auf der Website www.leseverstehen.de stehen viele – auch praktische – Beiträge von Prof. Josef Leisen zum Thema bereit, zum Beispiel sein Vortrag „Sachtexte lesen“, den er im Dezember 2009 in Köln gehalten hat und der einen guten und übersichtlichen Einstieg ins Thema darstellt.