LITERACY GEHT JEDEN AN
Lesen in allen Fächern
Texte, die im Unterricht der Sachfächer verwendet werden, haben es in sich: Sie weisen eine hohe Informationsdichte auf, strotzen vor Fachbegriffen, Abkürzungen und ungewohnten Wörtern. Außerdem sind die Sätze oft verschachtelt und lang. Solche Texte stellen nicht nur weniger kompetente LeserInnen vor Probleme. Das Verstehen dieser Texte setzt neben der „normalen“ Literacy auch eine fachspezifische Lesekompetenz voraus – und diese muss im jeweiligen Fachunterricht erworben werden.
Der deutsche Professor Josef Leisen ist überzeugt: „Das Lesen von Sachtexten ist zweifellos ein Thema aller Fächer. Zukünftige Lehrkräfte müssen unbedingt in der Didaktik und Methodik des Leseverstehens von Sachtexten ausgebildet werden.“ So schreibt er im Vorwort des Buches „Sachtexte lesen im Fachunterricht der Sekundarstufe“ (siehe Kasten rechts).
Die Chemielehrerin Elisabeth Kulnigg meint: „Als Lehrerin eines naturwissenschaftlichen Faches gehe ich eigentlich davon aus, dass meine SchülerInnen – zumindest in der Sekundarstufe II – ,lesen’ können, in dem Sinn, dass sie in der Lage sind, dem Text eigenständig Bedeutung zu entnehmen. In der Praxis bin ich aber immer wieder erstaunt, welche zum Teil großen Schwierigkeiten auftreten, wenn es um das eigenständige Erschließen von naturwissenschaftlichen Sachtexten geht.“
Warum ist es für die SchülerInnen so schwierig, Fachtexte zu verstehen? Wo liegen die Ursachen? Und sind sich die Biologie-, Chemie-, Physik-, MathematiklehrerInnen dessen überhaupt bewusst?
Elisabeth Kulnigg hat sich mit diesem Thema eingehend beschäftigt und ein umfangreiches Skriptum mit Überlegungen zu Lesezielen, Lesestilen und Lesestrategien sowie praktischen Anwendungsbeispielen für den Chemieunterricht erstellt (s. Kasten).
Mit Stil zum Ziel
Grundsätzlich ist es wichtig, möglichst genaue Leseaufgaben und -ziele zu setzen sowie geeignete Lesestrategien auszusuchen und anzubieten. Eine Schwierigkeit ist jedenfalls, dass Sachtexte im naturwissenschaftlichen Unterricht oft schwer lesbar sind. Sie wecken auch nicht immer das Interesse der SchülerInnen, sondern provozieren eher die Fragen: „Warum müssen wir das eigentlich lesen? Und wie sollen wir das schaffen?“ Genau darauf brauchen sie eine Antwort!
Gelesen wird im (Fach-)Unterricht aus vielen Gründen, z. B.:
- um sich mit einem bestimmten Thema vertraut zu machen
- zur Vorbereitung von Referaten, Projekten, Versuchen etc.
- zur gezielten Informationssuche
- zur Klärung von Unklarheiten etc.
Je nach Leseziel stehen verschiedene Lesestile zur Auswahl, die auch in Kombination anwendbar sind. Lesestile wären z. B. das suchende Lesen (Scanning), bei dem gezielt nach zuvor festgelegten Informationen gesucht wird, oder das orientierende Lesen (Skimming), wobei man einem Text die wesentlichen Informationen entnehmen möchte.
Will man einen Text möglichst vollständig verstehen, so liest man ihn detailliert (intensiv, total) oder zyklisch, wenn es sich um komplexere Textsorten handelt.
Von der richtigen Strategie
Ist man sich nun über das Ziel und den Stil im Klaren, braucht man noch eine Lesestrategie: Die richtige Strategie – bzw. das passende Bündel von Strategien – erleichtert das Erschließen und die Sinnentnahme von Texten. Hiervon gibt es viele und nicht wenige werden ohnehin im Unterricht angewendet: Man kann etwa Fragen stellen und beantworten, den Text neu strukturieren und gliedern, Schlüsselwörter und bestimmte Informationen farblich hervorheben, den Text in ein Bild oder ein Diagramm umsetzen, ihn zusammenfassen oder mit anderen Texten vergleichen. Bei der Wahl der Strategie(n) sollte man neben Leseziel und Schwierigkeitsgrad des Textes auch immer die Lesekompetenz der SchülerInnen bedenken.
Elisabeth Kulnigg hat in ihrem Skriptum die verschiedenen Strategien und ihre Anwendungen anhand von konkrete Arbeitsmaterialien im Chemieunterricht sehr gut erklärt (s. Kasten rechts.)


