GRAPHIC NOVELS
Romane in Wort und Bild
Früher galten Bildgeschichten als „Schund“, heute macht die Graphic Novel dem Roman Konkurrenz. Mit wenigen Worten und sprechenden Bildern lassen sich auch schwierige Themen vermitteln: Art Spiegelman erzählt vom Holocaust, Marjane Satrapi von ihrer Jugend zu Kriegszeiten im Iran, Craig Thompson vom Erwachsenwerden im Bible Belt der USA.

- Ausschnitt aus der Graphic Novel „Persepolis“ von Marjane Satrapi © Ueberreuter
Schurken als Helden, Geschichten in Sprechblasen und kleine bunte Bilder: Als „Schmutz und Schund“ waren Comics in der Zweiten Republik verpönt. Sie würden Fantasie und Geist töten und die jungen Leserinnen und Leser gar zum Verbrechen verführen, wetterten die Gegner, sammelten eine Million Unterschriften wider die Comics und konnten doch keine Gesetzesnovelle durchsetzen: Zensur.
Von Trash bis Kunst
Seit den Versuchen der Fünfzigerjahre, die „Schundheftln“ von den Jugendliche fernzuhalten, hat sich einiges getan. Das Bewusstsein für das Genre hat sich ebenso weiterentwickelt wie das Genre selbst. Wie beim Buch gibt es beim Comic alles: von Trash über Unterhaltung bis Kunst. Die Graphic Novel macht dem Roman Konkurrenz: bei erwachsenen ebenso wie bei jungen Leserinnen und Lesern.
Während Comics in dünnen Heftchen und Serien daherkommen, gilt die Graphic Novel meist als längere Geschichte aus Wort und Bild in einem Band, der in sich abgeschlossen ist. Geprägt wurde der Begriff von Will Eisner, der sein Buch „Ein Vertrag mit Gott“ als „Graphic Novel“ bezeichnete, um es von Wegwerf-Comicheftchen abzugrenzen. „Relevanz der Themen“ und „Innovation der Darstellung“ sind seine Kriterien für die Graphic Novel. Andere Zeichner und Autoren wehren sich gegen den Begriff und bevorzugen auch für umfangreichere Werke die Bezeichnung „Comic“.
Nachtseite des Superhelden
Oft stammen die Helden der Graphic Novels aus klassischen Comic-Universen. Eine der bekanntesten Graphic Novels ist „Batman – Die Rückkehr des Dunklen Ritters“ von Frank Miller: ein Sonderband in Buchform aus dem Jahr 1986, der außerhalb der Chronologie der Batman-Comicserie angesiedelt ist. Hier ist Batman kein junger Verfechter des Gerechten, sondern ein verbitterter alter Mann. Mit innovativer Erzählweise und Grafik setzte Miller neue Maßstäbe für den Comic.
Im selben Jahr erschien Art Spiegelmans Opus Magnum „Maus“: die Geschichte seines Vaters Wladek, eines polnischen Juden, der Auschwitz überlebt hat. Im Buch erzählt der Vater selbst dem Sohn „Artie“ seine Lebensgeschichte in mehreren Sitzungen, Gegenwart und Erinnerung verschränken sich. Mit einem zeichnerischen Kunstgriff stellt Art Spiegelman die nötige Distanz her, um vom Grauen zu erzählen: Die Juden sind Mäuse, die Nazis Katzen. „Maus“ erhielt den Pulitzer-Preis und krempelte das Genre um: Comic wurde zur Kunstform.
„Nicht nur für Kinder“
Spätestens mit diesen Erscheinungen war klar: „Bildgeschichten“ waren nicht nur für Kinder. Und Graphic Novels nicht nur für Comic-Fans interessant. Heute kann man Graphic Novels in Comicläden und in Buchhandlungen kaufen. Neben spezialisierten Verlagen wie Reprodukt, Avant, Cross Cult, Edition 52 und Edition Moderne mischen immer mehr Belletristikverlage mit. Die Gesamtausgabe von „Maus“ ist bei Fischer als Taschenbuch erschienen. Eichborn hat heuer Ray Bradburys Romanklassiker „Fahrenheit 451“ als Graphic Novel aufgelegt. Suhrkamp hat die Herausgabe von Graphic Novels angekündigt.
Politisch und persönlich
Ueberreuter hat eine der wichtigsten Graphic Novels der letzten Jahre im Programm: „Persepolis“, die zweibändigen autobiografischen Erinnerungen der Iranerin Marjane Satrapi. Sie erzählt in klaren, naiv anmutenden Schwarz-Weiß-Bildern politische und persönliche Geschichte: von ihrer Kindheit während der islamischen Revolution, ihren Teenagerjahren in der entstehenden Islamischen Republik, dem gescheiterten Versuch, allein als Jugendliche im Wiener Exil Fuß zu fassen, der Rückkehr in die entfremdete Heimat. „Persepolis“ wurde 2007 erfolgreich verfilmt.
Autobiografische Jugenderinnerungen sind eine beliebte Gattung innerhalb der Graphic Novel. Ein Meisterwerk der Coming-of-Age-Storys ist Craig Thompsons illustrierter Roman „Blankets“, der bei Carlsen in einer prächtig gestalteten Hardcover-Ausführung neu aufgelegt wurde. Thompson erzählt in poetischen Bildern und Sätzen vom Aufwachsen und Erwachsenwerden im Bible Belt der USA, von der ersten Liebe und der ersten Enttäuschung, vom Anpassen und vom Rebellieren. Die feinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen berühren und beweisen die Stärke des Genres: Was Worte nicht sagen können, erzählen die Bilder.





