Ein Jahrhundert in Gedichten

Von Simone Kremsberger

Die Höredition „Lyrikstimmen. Die Bibliothek der Poeten“ versammelt Lyrik von 1907 bis heute. Das Besondere: Die Autorinnen und Autoren selbst geben den Gedichten ihre Stimmen. Das „Hörbuch des Jahres 2009“ bietet ein Jahrhundert in Gedichten und zeigt die Vielfalt von Lyrik.

Coverabbildung des Hörbuchs Lyrikstimmen

In der Literatur ist das Gedicht der Musik am nächsten: Es hat einen Rhythmus, eine Melodie, es trifft im besten Fall den richtigen Ton oder klingt womöglich falsch. Ein Gedicht will vorgetragen werden – und wer könnte das authentischer machen als der Autor, die Autorin selbst?

Der Hörverlag hat ein Jahrhundert Lyrik im Originalton auf CD gebannt: 122 Autorinnen und Autoren, 420 Gedichte. Mehr als fünf Jahre arbeiteten die HerausgeberInnen an dieser Edition, welche die bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Lyriker von 1907 bis in die Gegenwart versammelt.

Ein Spiegel der Zeit

Den Beginn macht Hugo von Hofmannsthal: In einer Aufnahme aus dem Jahr 1907 rezitiert der Jahrhundertwende-Dichter sein Gedicht „Manche freilich“. Die Zeit ist an der Aufnahme nicht spurlos vorübergegangen: Es rauscht und kracht, und wie ein Prediger aus dem Jenseits scheint Hofmannsthal dagegen anzurufen.

Der Wandel der Zeit ist nicht nur an der immer besseren Qualität der Tonaufnahmen über die neun CDs hinweg zu hören, zugleich verändert sich die Art des Vortrags. Das frühe Deklamieren macht allmählich einer weniger getragenen Vortragsweise Platz. Es kommen neue Formen, neue Themen. Manche Gedichte halten der Zeit stand, andere sind in ihr verhaftet und gerade deswegen als Zeitdokumente interessant.

Zum Gedicht die Stimme

Neben alten Tonaufnahmen haben die HerausgeberInnen auch überraschende Funde aufgespürt: Thomas Bernhards Gedichte „Bibelszenen“ und „Geflüster“ sind hier erstmals veröffentlicht. Neben Lyrikgrößen von Bachmann bis Mayröcker, von Celan bis Jandl sind weniger bekannte Autorinnen und Autoren zu entdecken. Auch die Gegenwart kommt nicht zu kurz: Durs Grünbein, Lutz Seiler, Robert Schindel.

Nicht immer sind die DichterInnen die besten VorleserInnen ihrer Texte. Paul Celans Vortragsweise war unter seinen Kollegen in der Gruppe 47 nicht beliebt. Ingeborg Bachmanns Stimme bebte beim Lesen ihrer Gedichte, stets in Gefahr zu brechen. Doch gerade die Eigenart des Vortrags, die individuelle Interpretation und der unverwechselbare Ton geben Auskunft über den Dichter und den Text: Wenn Karl Kraus frech sein „Lied über die Presse“ singt, wenn Mascha Kaléko mit anrührendem Charme ihre Gedichte spricht, wenn H. C. Artmann im perfekten Dialekt sein Publikum zum Lachen bringt.

Reime und freie Verse, Dada und Sprachspielerei, Lautpoesie und Dialektdichtung: Die aufwendige und ausgiebige Höredition, belohnt mit dem Titel „Hörbuch des Jahres 2009“, zeigt die Vielfalt dessen, was Lyrik sein kann.

 
Erstellt von: Elisabeth Wieland am 02.04.2010 14:11 Antwort

Spannende Edition, danke für den Tipp!
Auch die 4 Hörproben auf der Webseite sind super - bitte mehr davon ;-)
Leider haben sie bei meinem Internet Explorer nicht funktioniert (kein Play-Button). Aber in Firefox hat es dann geklappt...

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LITERACY-TIPP FÜR DEN DEUTSCHUNTERRICHT

Hörbuch Lyrikstimmen

Christiane Collorio, Peter Hamm, Harald Hartung, Michael Krüger (Hg.)
Lyrikstimmen
Die Bibliothek der Poeten

122 Autorinnen & Autoren, 420 Gedichte, 100 Jahre Lyrik im Originalton
9 CDs, Laufzeit ca. 642 Min.
Preis: € 50,99 

„Ein Sprachjuwel mit über 400 Karat Lyrik. Eine historische Dokumentation.“
Ausgezeichnet als Hörbuch des Jahres 2009, hr2-Hörbuchbestenliste

HÖRPROBEN

Der Avantgardist Friedrich Achleitner liest „Woart a weng“ (1950).

Die Dichterin Marie-Luise Kaschnitz liest „Hiroshima“ (1958).

Der Dada-Nachfahre Oskar Pastior liest „Flurimalz“ (1989).

Der Slam-Poet Bas Böttcher liest „Dran glauben“ (2007).