BUCHTIPP
Schreibstar gesucht!
Austria sucht das Topmodel, Deutschland den Superstar – und jetzt die Schweiz den Schreibstar! Letzeres ist (noch) Fiktion und Inhalt des neuen Romans von Milena Moser: „Möchtegern“. Darin betreut eine ehemalige Skandalautorin die schreibwütigen TeilnehmerInnen einer TV-Castingshow. Zum Buch gibt‘s einen echten Bewerb: Über eine Website, Facebook und Twitter können LeserInnen Texte einreichen und bewerten lassen.
Das hat gerade noch gefehlt. Da haben wir noch das Heulen der Topmodels in den Ohren und die Oberton-Kiekser der Superstars, nun kommen die Autoren – und statt Catwalk, Challenge, Big-Band-Show: Tippen, Räuspern, Schreibblockade.
Eine TV-Castingshow für Autorinnen und Autoren: Die Idee ist so naheliegend, dass man dankbar darf, dass sie – abgesehen von der Klagenfurter Variante – noch nicht realisiert wurde. Milena Moser hat diese Idee mit Raffinesse und Ironie in einen Roman verwandelt: „Möchtegern“.
Hasbeens und Wannabes
Die Protagonistin ist die skandalumwitternde Autorin Mimosa Mein. Als siebzehnjährige Romandebütantin hat sie mit Sexpassagen ähnlich für Aufruhr gesorgt wie heute Helene Hegemann mit ihrem Plagiat. Nach nomadischen Schriftstellerjahren hat Mimosa seit Jahren nichts veröffentlicht, geht kaum noch aus dem Haus und sagt in einem schwachen Moment Ja: zu dem Angebot, sie als „Hasbeen“ wäre die Idealbesetzung für die Jury einer TV-Castingshow, um schreibende „Wannabes“ zu betreuen.
Und die Wannabes stehen schon in den Startlöchern. Alle in Milena Mosers Romanuniversum, vom Buchhalter bis zur Putzfrau, vom Journalisten bis zur ewigen Studentin, wollen dasselbe: den großen Schweizer Roman schreiben. Sie haben den Sinn gepachtet, sie horten Romane in der Schublade, sie halten die Starbucks-Theken besetzt. Geschäftig kritzeln sie in ihre Moleskines, klappern in ihre Laptops – und bewerben sich voller Hoffnungen für die Show.
Kampf um die Quote
Währenddessen planen die Fernsehmacher das Fertigmachen der Kandidaten – vor laufenden Kameras und mit Unterstützung einer quotenbringend besetzten Jury: der scharfzüngigen Kritikerin namens Schlüpfer, dem Macho-Verleger Gianni und der „Wild Card“ Mimosa, die erst spät realisiert, wo sie da eigentlich reingeraten ist. „Wir spielten mit den Träumen dieser Menschen. So wie eine Katze mit einer halben Blindschleiche spielt. Bis sie nichts mehr hergibt.“
Doch bald verselbständigt sich die Show: Nicht die vorbestimmten Kandidatinnen und Kandidaten ziehen in die Schreibfabrik ein, nicht die Favoritinnen und Favoriten werden zu Publikumslieblingen, und die Ohren des Fernsehredakteurs glühen, wenn Mimosa mit einem Schlagerstar abtaucht, statt zur Jurysitzung zu kommen. Nichtsdestotrotz: Die Show wird ein Hype, die Schweiz steckt im Schreibstarfieber. Da kommt es in der Finalsendung zum Eklat.
Vom Leben und Schreiben
Der Roman ist Mediensatire, Schreibhymne und Geschichtensammlung – er erzählt eine große Show und zugleich von Einsamkeit, von Freundschaft und ein bisschen von der Liebe. Moser erzählt mit feiner Feder, voller Lust an prallen Geschichten und voller Sympathie für menschliche Schwächen.
Die „Möchtegerns“ sind letztlich alle, die etwas wollen. Selbst wenn sie noch nicht wissen, was das eigentlich ist. Milena Moser mag ihre Figuren – und Mimosa Mein, das „Alter Ego“ der Autorin, mag ihre Schützlinge: „Ich wollte ihnen beim Schreiben über die Schulter schauen, und wenn sie nicht weiterkommen sollten, würde ich ihnen aufmunternd zunicken. Schreibt weiter, wollte ich ihnen sagen, schreibt einfach weiter.“
Für echte Möchtegerns
Milena Moser weiß, wovon sie schreibt: Gemeinsam mit Schriftstellerkollegin Sibylle Berg („Der Mann schläft“) und Literaturagentin Anne Wieser betreibt sie eine Schreibschule in der Schweiz. Auch in ihren Roman sind (durchaus brauchbare) Schreibaufgaben eingewebt – und zum Buch gibt es in einer Online-PR-Offensive interessante Gadgets für schreibende LeserInnen.
Eine Website zum Buch und Profile auf Facebook und Twitter laden zum Schreib-Trainingscamp. Schreibende Möchtegerns können Romananfänge einreichen und von einem Literaturkritiker bewerten lassen. Zu gewinnen gibt es einen Tag in Milena Mosers Schreibschule. Zynisch? Ein bisschen. Aber etwas Selbstironie hat noch keinem Möchtegern geschadet.



