Schauplatz Wien

Interview: Thomas Aistleitner

Eine Trilogie beschreibt das Schicksal eines jüdischen Mädchens im Europa der 1920er-Jahre. Literacy.at traf die Autorin Waldtraut Lewin an einem der Schauplätze des Buches.

Waltraud Lewin in der Buchhandlung Lhotzky

Die Buchhandlung Lhotzky ist ein Schmuckstück des zweiten Wiener Gemeindebezirks. Hier treffen sich BuchliebhaberInnen zum Kaffeetrinken und Schmökern, hier lebt das Bewusstsein, dass Wien ein geschichtsträchtiger Ort ist, der immer wieder literarisch abgebildet wird. Diese Literatur liegt hier auf, und auch AutorInnenauftritte gehören zum Programm.

Wir treffen Waldtraut Lewin in der Buchhandlung. Die deutsche Autorin kommt gerade von einem Besuch in einer nahen Schule, wo sie aus „Leonie Lasker, Jüdin“ gelesen hat. Die Trilogie kommt vor allem in Schulen gut an und wird gerne im Unterricht verwendet – Deutsch und Geschichte in einer spannenden Fusion.

Literacy.at: Frau Lewin, haben Sie je in Wien gewohnt?
Waldtraut Lewin: Nein, nie.

Wir befinden uns hier in der Rotensterngasse im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Gleich nebenan ist der Karmelitermarkt. Hier spielen große Teile ihrer Buchtrilogie „Leonie Lasker, Jüdin“, die jetzt als Taschenbuch erscheint. Sie beschreiben nicht nur sehr genau die Stimmung im Wien jener Zeit, auch die Schauplätze sind authentisch.
Die Schauplätze sind allerdings nicht die von heute, sondern von 1924. Da gibt es eine Reihe sehr gut recherchierter Bücher, speziell über Wien. Man hat versucht, die ganze jüdische Theaterszene der Zwischenkriegszeit aufzurollen. Da meine Bücher dort angesiedelt sind, habe ich viel Material gefunden.

Wie lange hat dieses Eintauchen in die Zwanzigerjahre gedauert?

Das Schreiben des Buchs, das in Wien spielt, samt Recherche ungefähr eineinhalb Jahre.

Waltraud Lewin am Wiener Karmelitermarkt
Waltarud Lewin am Karmelitermarkt

Woher haben Sie die tiefen Kenntnisse des Judentums, die Sie in den drei Büchern so spannend darstellen?
Die habe ich gelernt. Ich bin Jüdin, aber wir stammen aus einer sogenannten Verdrängerfamilie. Mein Großvater hat uns einen Ariernachweis organisiert. Auf diese Weise hat die Familie in Deutschland überlebt – mit zugeklebtem Mund. Meine Mutter hat mir das alles erst viel später erzählt, und dann wurde ich hellhörig. In den Fünfzigerjahren bin ich zum Rabbiner gegangen und habe gelernt. Allerdings wollte ich nicht zum Judentum konvertieren. So bin ich „freischaffende Jüdin“ geblieben.

Die Geschichte der Leonie Lasker wird sehr genau dargestellt. Die Schauplätze der drei Bände sind Berlin, Wien und Spanien. Haben Sie die Handlung von Anfang an im Kopf gehabt?
Nur die grobe Einteilung. Ich bin keine Schreiberin, die alles schon vorher weiß. Da würde ich mich beim Schreiben viel zu sehr langweilen. Ich brauche Improvisation, Fantasie. Ich lasse mich von meinen Figuren gerne überraschen. Die sind ja nicht ausgestanzt. Für mich sind sie lebendig.

Apropos Fantasie: Leonie ist auf der Suche nach drei goldenen Buchstaben, die nicht nur für sie, sondern für das Schicksal der Juden entscheidend sein werden. Auch der Golem spielt eine Rolle. Es ist überraschend, in einem Roman über die Zwischenkriegszeit und Nazi-Deutschland Fantasyelemente zu finden.

Für mich ist es entscheidend, dass Fantasy nicht abgehoben ist, nicht in einem imaginären Fantasiereich spielt, sondern in der Wirklichkeit angesiedelt ist. Nur dann finde ich sie wirklich interessant. Die für mich wirklich großen Fantasyschreiber wie E. T. A. Hoffmann gehen ja auch von der Realität aus. Und auch die Golem-Legende ist in der Realität angesiedelt. Womit wir beim Thema sind.

Ohne zu viel zu verraten: Was wird aus den Vorahnungen von Leonies Tante? Weiß man nicht von Vornherein, dass Leonies Mission zum Scheitern verurteilt ist? Was kann der Golem da tun?

Er wird sich den historischen Tatsachen fügen müssen. Wir wissen ja, wie es ausgegangen ist.

Die Bücher spielen in den Jahren 1923, 1924 und 1925. Dennoch steht das, was erst ein Jahrzehnt später passiert, überlebensgroß im Raum.

Es war mir wichtig zu zeigen, wie Europa in einer Zeit, wo man es aus heutiger Sicht nicht vermuten würde, schon ins Faschistische hineingegangen ist. Wer weiß schon, dass es bereits 1923 einen Judenpogrom in Berlin gegeben hat.

Als Leser fragt man sich, wie Leonie überleben wird, wenn es dann wirklich losgeht mit dem Dritten Reich.

Es gibt einen Epilog im letzten Band, der im Jahr 1933 spielt. Mehr verrate ich hier nicht.

Zur Person

Porträt Waltraud Lewin

Waldtraut Lewin, geboren 1937, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin und arbeitete als Opernübersetzerin, Dramaturgin und Regisseurin zunächst am Landestheater Halle und dann am Volkstheater Rostock. Seit 1978 lebt sie als freischaffende Autorin von Romanen, Hörspielen und Drehbüchern, für die sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Für den ersten Band der Trilogie „Leonie Lasker, Jüdin“ wurde sie von jugendlichen Lesern mit dem Preis der „Goldenen Leslie“ ausgezeichnet.

Die Trilogie

Waldtraut Lewin
Leonie Lasker, Jüdin
Die Trilogie zum Aufkommen des Nationalsozialismus in Europa
Ab 12 Jahren
Erscheint am 13. April 2010

Die siebzehnjährige Leonie Lasker wird von ihrer Großmutter Isabelle mit einer ungewöhnlichen Mission betraut: Sie soll drei goldene Buchstaben suchen, die auf ihre in Berlin, Wien und Spanien lebenden Brüder verteilt wurden. Mit Hilfe dieser Zeichen will Isabelle einen Golem errichten, um den Holocaust zu verhindern …

Abbildung des ersten Bandes der Trilogie Leonie Laska, Jüdin

Band 1: Die drei Zeichen
Berlin, 1923: Die Suche nach dem ersten Zeichen führt Leonie ins Scheunenviertel, zum jüdischen Theater ihres Onkels. Als sie sich in ihren Cousin Schlomo verliebt, kommt es zum Zerwürfnis mit ihrem völkisch gesinnten Vater. Den goldenen Buchstaben bringt sie an sich, doch dann wird das Theater Ziel eines Pogroms – und Schlomo zur Zielscheibe der Deutschnationalen ...

Abbildung des Buchcovers: Dunke Schatten

Band 2: Dunkle Schatten
Wien, 1924: Nachdem Schlomo, ihre erste Liebe, erschossen wurde, reist Leonie nach Wien, um dort nach dem zweiten Zeichen zu suchen. Auch hier zeigen sich bereits die düsteren Vorboten des Nationalsozialismus, der Judenhass ist allenthalben präsent. Und immer mehr wird deutlich: Auch für das zweite Zeichen muss Leonie ein großes Opfer bringen …

Abbildung des Covers: Welt in Flammen

Band 3: Welt in Flammen
Granada, 1926: Die Suche nach dem dritten Zeichen führt Leonie ins Spanien der Militärdiktatur. Hier leben Leonies Verwandte – und als Juden stehen sie ganz oben auf der Liste der Staatsfeinde. Kurz nach Leonies Ankunft wird ihr Halbcousin Ramiro verhaftet und gefoltert. Leonie steht vor zwei kaum lösbaren Aufgaben: Sie muss Ramiro befreien, und sie muss einen Weg finden, ihn mitsamt dem Zeichen außer Landes zu bringen …