Trainingsprogramm fürs Lesen und Schreiben

Von Simone Kremsberger

Etwa 15 Prozent aller SchülerInnen im deutschsprachigen Raum leiden unter einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. An der Karl-Franzens-Universität Graz wurde ein Trainingsprogramm entwickelt, das Kindern und Jugendlichen spielerisch besseres Lesen und Rechtschreiben beibringen soll.

Mädchen und junge Frau beim spielerischen Lesenlernen

Tsettel“ oder „Schitzrichter“ – solche Fehler passieren rund 15 Prozent aller SchülerInnen im deutschsprachigen Raum. Kinder und Jugendliche mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche haben Probleme beim sinnerfassenden Lesen und hadern mit der Rechtschreibung. Ähnliche Wörter werden verwechselt, Buchstaben vertauscht oder ausgelassen. Doch Lesen und Rechtschreiben lassen sich trainieren – je früher damit begonnen wird, desto besser sind die Effekte.

Arbeit mit Wortbausteinen

Am Institut für Psychologie der Karl-Franzens-Universität Graz wurde in Kooperation mit dem Lese-Rechtschreib-Institut ein Trainingsprogramm entwickelt, das Kindern und Jugendlichen spielerisch besseres Lesen und Rechtschreiben beibringen soll. Das Rechtschreibprogramm MORPHEUS ist ein computergestütztes Grundwortschatztraining, das die die wichtigsten Rechtschreibbereiche des Deutschen – von Groß-Kleinschreibung über Doppelung bis Dehnung – trainiert und festigt.

„MORPHEUS unterscheidet sich von bisherigen Trainingsansätzen in der stark regelgeleiteten Arbeit mit Wortbausteinen, sogenannten Morphemen. Das Wort ,Erkennung‘ besteht beispielsweise aus drei Morphemen: der Vorsilbe ,Er‘, dem Wortstamm ,kenn‘ und der Nachsilbe ,ung‘. Vor- und Nachsilben können nun beliebig ausgetauscht werden, der Wortstamm „kenn“ bleibt immer gleich geschrieben“, schildert Nadja Kozel, Doktorandin im Rahmen des Projekts. „Ist man sich dieses Prinzips der Wortbausteine bewusst, so erleichtert dies die Rechtschreibung. Es müssen nicht mehr alle Wörter auswendig gelernt werden, sondern diese können einfach vom Wortstamm abgeleitet werden. Zudem kann über dieses Prinzip auch die Groß-Kleinschreibung verbessert werden, da z. B. Wörter mit der Nachsilbe ,ung‘ immer Nomen sind.“

Übung macht den Meister

„Obwohl ein unüberschaubar großes Angebot an Lese-Rechtschreib-Trainings am Markt existiert, wurden nur die wenigsten auf ihre Wirksamkeit überprüft“, sagt Kozel. Diese Lücke füllen die WissenschafterInnen mit Effektivitätsüberprüfungen des neuen Programms. Rund 100 SchülerInnen nahmen bisher als Testpersonen an kostenlosen Trainings über fünf Wochen teil. Die SchülerInnen wurden je nach ihren Bedürfnissen passenden Gruppen zugeteilt und übten mit den TrainerInnen spielerisch Lesen und Rechtschreiben. Nach einer ersten Evaluation wurden sie ein paar Wochen später mit einem Elektroenzephalogramm getestet, um die Auswirkungen des Trainings auf die Hirnaktivierung zu untersuchen. Denn für Personen mit LRS sei, so die Wissenschafterin, eine geringe Aktivität in den sprachrelevanten Arealen des Gehirns charakteristisch. Ein Training erhöhe die Aktivität in diesen Gehirnregionen.

Die Ergebnisse der Überprüfung zeigen: Es konnten jeweils Verbesserungen in Bereichen der Rechtschreibung und des Lesens erzielt werden. Wie lange diese Trainingseffekte anhalten, wird in einer aktuellen Studie untersucht.

Testpersonen gesucht!

Zurzeit werden noch Kinder der 1. bis 8. Schulstufe für ein MORPHEUS-Projekt in Graz gesucht. Was erwartet die Kinder und Jugendlichen beim Training? „Papier-Bleistift-Übungsmaterial sowie kleine Spiele wie z. B. Memory mit Wortbausteinen und spielerische Übungen am Computer“, so Nadja Kozel. „Letzteres kommt natürlich immer sehr gut an bei den Kindern und Jugendlichen.“

 
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Unterrichtsmaterialien
Kopiervorlagen, Orientierungsaufgaben u.v.m.: Hier finden Sie Materialien zur Leseerziehung im Unterricht.

ZUR PERSON

Porträt von Nadja Kozel

Mag. Nadja Kozel ist Projektmitarbeiterin am Institut für Psychologie der Universität Graz. Sie setzte sich bereits in ihrer Diplomarbeit mit Lese-Rechtschreib-Trainingsprogrammen auseinander. Dafür erhielt sie 2009 den Preis der „Initiative Gehirnforschung Steiermark“. (Kontakt)

WEITERE INFORMATIONEN

Das Programm MORPHEUS wird im Förderunterricht im Lese-Rechtschreib-Institut in Graz/Andritz und in Wien sowie von einigen LehrerInnen eingesetzt. Es ist über den Hogrefe Verlag beziehbar.

Arbeitsblätter: Der Erste Österreichische Dachverband Legasthenie stellt zahlreiche Arbeitsblätter und Übungen zum Gratis-Download zur Verfügung, eine Gratis-DVD kann bestellt werden.