„Schulen brauchen einen langen Atem”

Interview: Martina Haunschmidt

Angesichts zunehmender Heterogenität der SchülerInnen wird der Ruf nach individualisierter Leseförderung immer lauter. Univ.-Prof. Dr. Dieter Wrobel von der Universität Würzburg hat sich mit mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt.

Prof. Dieter Wrobel und LSI Karl Blüml
Prof. Dieter Wrobel und LSI Karl Blüml

Wie und unter welchen Umständen kann die individualisierte Leseförderung im schulischen Alltag verwirklicht werden?
Prof. Wrobel: Zunächst war die Individualisierung von Lernen und damit auch von Leseförderung ein Thema für nicht gymnasiale Klassen. Ich möchte aber davon ausgehen, dass individualisierte Leseförderung ein Thema für alle Schülerinnen und Schüler ist. Und wenn in einer Schule diagnostiziert wird, dass die Lesefähigkeiten der Schülerinnen und Schüler defizitär sind, dann liegt es nahe, hier anzusetzen und Leseförderung zu forcieren. Da aber die Leseprobleme ebenso wie die Leseleistungen in aller Regel heterogen sind, macht es wenig Sinn, mit vereinheitlichenden Förderkonzepten zu operieren.

Ist die traditionelle „Klassenlektüre“ Ihrer Meinung nach überholt?
Nein und ja: Zunächst einmal wird immer dort, wo Anschlusskommunikation im Klassenverband über einen literarischen Text sinnvoll und erforderlich ist, eine gemeinsame Textbasis notwendig sein. Also wird auch Klassenlektüre im Deutschunterricht nicht vollends ersetzt werden können. Aber neben die Klassenlektüre muss meiner Ansicht nach ein alternatives Inszenierungsmuster des Lesens gestellt werden. Immer dann nämlich, wenn Leseförderung stattfinden soll, ist es kontraproduktiv, alle Schülerinnen und Schüler ungeachtet ihrer lesebiografischen und sprachlichen Voraussetzungen auf eine gemeinsame Lektüre zu verpflichten. Hier wird es im Gegenteil darum gehen, einen möglichst heterogenen Lektürepool bereitzustellen, um Schülerinnen und Schüler mit der gesamten Breite der gedruckten Texte vertraut zu machen. Es sollten unterschiedliche literarische Genres unter Einschluss von Kinder- und Jugendliteratur, von Sachbüchern, von Comics usw. bereitstehen.

Wie kann Lesen im schulischen Alltag nachhaltig gefördert werden? Welche Konzepte gibt es für systematische Leseförderung?

Nachhaltigkeit ist nur zu erreichen, indem Leseförderung in den Schulalltag integriert wird. Leseförderung ist nichts für Projektwochen, die Tage vor den Ferien oder kurzzeitige Trainingsprogramme. Für eine erfolgreiche Leseförderung brauchen Schulen einen langen Atem und Kapazitäten. Sinnvoll ist es, Leseförderung aus der Zufälligkeit des Engagements einzelner Lehrerinnen und Lehrer zu entlassen und zur Angelegenheit der ganzen Schule zu machen. Die Perspektive lautet daher: Lese-Kultur-Förderung. Hierzu gibt es Konzepte, die zum Beispiel ein fixes Stundenbudget für jede Klasse zur Verfügung stellen, Leseförderung fest in den Stundenplan aufnehmen und die mit den Schülerinnen und Schülern mitwachsen. Denn Leseförderung ist nicht an einzelne Jahrgänge gebunden. Leseevents wie Autorenlesungen, Lesenächte, Büchereibesuche und dergleichen sind sinnvoll, wenn sie in ein Konzept von schulischer Leseförderung eingebunden sind.

Was bedeutet das konkret für die Schulen?
Dies bedeutet zunächst, dass es um den Aufbau eines Bewusstseins geht. Die zentrale Voraussetzung ist meines Erachtens, dass Lehrerinnen und Lehrer aller Fächer, Schulleitungen und Eltern gemeinsam begreifen, dass jede Zeitinvestition in Leseförderung für alle profitabel ist. Wenn sich eine Schule die Leseförderung auf ihre Fahnen schreibt, ist viel gewonnen. Nur man muss damit anfangen, sonst laufen Schulen Gefahr, im Klagegestus über mangelnde Leseleistungen von Schülerinnen und Schülern zu erstarren.

Welche Rolle spielt die Peer Education in der Leseförderung bzw. wie kann sie für die Schule genutzt werden?

Die Rolle der Gleichaltrigen ist im didaktischen Kontext bislang viel zu wenig genutzt worden. Empirisch ist inzwischen geklärt, dass die Peergroup auf das Leseverhalten Jugendlicher großen Einfluss ausübt, aber dieser Einfluss wird noch viel zu wenig genutzt. Peer Education fristet ein Nischendasein in wenigen Unterrichtsmomenten, könnte aber gerade im Kontext von individualisierten Lernformen deutlich stärker eingesetzt werden. So ist zum Beispiel eine Form der schulischen Leseförderung denkbar, die den Rahmen einer Lerngruppe überschreitet und die Schülerinnen und Schüler unterschiedlichen Alters zusammenführt. Etwa als Tandems oder Kleingruppen, bei denen erfahrenere Leserinnen bzw. Leser in einer Lotsenfunktion für Jüngere tätig werden.

Wie schätzen Sie den Einfluss der neuen Medien auf das Leseverhalten von Kindern und Jugendlichen ein?

Mediennutzungsstudien haben gezeigt, dass diejenigen Schülerinnen und Schüler im Vorteil sind, die gelernt haben, bewusst und reflektiert mit Medien umzugehen. Wer dies beherrscht, für den ist keine Konkurrenz zwischen alten und neuen Medien anzunehmen. Aber gerade solche Schülerinnen und Schüler, die neue Medien nutzen und dabei ihr Zeitgefühl verlieren oder diese Medien zur Ersatzwelt werden lassen, die werden ihr Mediennutzungsverhalten zu Ungunsten des Lesens ausrichten.

Wie können Kinder und Jugendliche zum Lesen motiviert werden?

Jedenfalls nicht mit Rezeptdidaktik. Die Lust auf das nächste Buch kann nur durch das vorhergehende Buch geweckt werden. Deshalb ist es ja so wichtig, dass Schülerinnen und Schüler sich lesend erproben können, aus der Vielfalt der Bücher diejenigen finden können, die sie begeistern. Hier wächst der Schule eine neue, dringlicher werdende Aufgabe zu. Und wenn die Schule es schafft, einen weitgehend entschulten, nicht primär von Noten- und Leistungsdruck geprägten Umgang zwischen Menschen und Büchern zu ermöglichen, dann besteht meines Erachtens eine realistische Chance, Lesemotivation zu erzeugen. Das setzt voraus, dass Schulen über Zugänge zur Textvielfalt und zu Büchern verfügen. Das setzt auch voraus, dass Lehrende ihr Textauswahlmonopol aufgeben. Und das setzt schließlich voraus, dass die Schule Ressourcen für diese Art der Entwicklungshilfe bereitstellt.

Zur Person

Porträt Dieter Wrobel

Univ.-Prof. Dr. Dieter Wrobel hat einen Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Würzburg. Er begann seine Berufslaufbahn als Gymnasiallehrer, war Mitglied des Prüfungsamtes für Staatsprüfungen für Lehrämter an Schulen und hatte Lehraufträge an verschiedenen deutschen Universitäten, darunter die Universitäten in Bochum, Siegen und Duisburg-Essen. Er ist Herausgeber der Reihen „Oldenbourg – Textnavigator für Schüler“ und „Oldenbourg – Unterrichtsmaterialien Literatur“ sowie Mitherausgeber der Zeitschrift „Praxis Deutsch“. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit ist das Thema „Individualisiertes Lesen“.

Buchtipp

Abbildung des Buchcovers: Individuell lesen lernen

Wrobel, Dieter
Individuell lesen lernen
Das Hattinger Modell zur nachhaltigen Leseförderung in der Sekundarstufe
166 Seiten
Schneider Verlag Hohengehren 2009
ISBN: 3-8340-0608-4
Preis: € 18,50