Smarter Unterricht

Von Martina Starz

„Liebe SchülerInnen, wir schenken euch ein iPhone, übernehmen die Gebühren und selbstverständlich dürft ihr es im Unterricht verwenden – ihr müsst sogar!” Solches geschah Anfang des Schuljahres in einer Schweizer Schule: Für zwei Jahre ist das iPhone nun ein ständiger Lernbegleiter für eine Klasse 10-Jähriger.

Schüler der Projektschule Goldau mit dem iPhone

Das Projekt wurde freilich nicht bloß initiiert, um den Kindern eine Freude zu machen, sondern es stecken fundierte Überlegungen dahinter: Die Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) ist praktisch immer verfügbar und unter Kindern und Jugendlichen weit verbreitet. So besaßen 2008 in Deutschland 66 % der 10–11-Jährigen ein eigenes Mobiltelefon. Bei den 12–13-Jährigen betrug der Anteil bereits 86 %. Und diese Entwicklung wird wohl weitergehen.

Somit ist der Gedanke eigentlich durchaus nahe liegend, Smartphones in den Unterricht einzubinden bzw. den richtigen Umgang mit ihnen zu lehren. Das liegt auch den Überlegungen zum Projekt zugrunde, schreiben die Projektbetreiber auf ihrer Website: Bisher wird diese Entwicklung von der Schule kaum genutzt und nur selten medienpädagogisch begleitet. Oft werden die Geräte in der Schule einfach verboten. Damit ignoriert die Schule einerseits die didaktischen Potenziale der Smartphones, andererseits verpasst die Schule aber auch die Möglichkeit, Fragen von Sucht und Missbrauch zu thematisieren und eine sinnvolle, kritisch emanzipierte Nutzung aufzuzeigen und einzuüben.

Das iPhone-Projekt an der Projektschule Goldau will hier einen anderen Weg gehen und Erfahrungen zum Einsatz von persönlichen Smartphones in der Primarschule sammeln. Die Erkenntnisse aus diesem im deutschsprachigen Raum bisher einmaligen Pilotprojekt sollen veröffentlicht werden und so die Diskussion zum sinnvollen und verantwortungsvollen Einsatz von ICT in der Schule weiter tragen.

Was bringt das iPhone im Unterricht?

Ein Smartphone birgt echte didaktische Potenziale in sich: es ist Fotoapparat, Sprachlabor, Lexikon, Weltkarte, Diktiergerät und vieles mehr. Und diese Möglichkeiten werden bei dem Projekt genutzt: So werden Lernkarteien in den Fremdsprachen angelegt, Podcasts zum Sprachenlernen, für Diktat und Hörverständnis verwendet, Lerntagebücher und Terminkalender geführt. Die SchülerInnen recherchieren im Internet, fotografieren und machen Vorleseübungen mittels Sprachrecorder.

Ganz wichtig ist aber auch der Unterricht im sozialen Bereich: die SchülerInnen lernen mit einem Smartphone und seinen Möglichkeiten richtig umzugehen, das beginnt bei der „Phonetikette“ und dem richtigen Umgang mit anstößigen Inhalten und geht bis zur Reflexion über das eigene Handy-Verhalten und Suchtgefahren.

Für und wider

Ein solches Projekt ruft natürlich viele Kritiker auf den Plan: gesundheitliche Bedenken werden geäußert, Befürchtungen, dass die Kinder pausenlos telefonieren und sich auf ungeeigneten Websites tummeln können, tauchen auf. Generell mag der Gedanke „Unterricht mit Handy“ Manchen wohl suspekt erscheinen.
Auf der Website werden diese und andere FAQ thematisiert und einleuchtend beantwortet. Generell wird das Projekt hier sehr transparent und fundiert begleitet: Es gibt Blog-Einträge, Berichte, Präsentationen, Kommentare und vieles mehr. Man kann die Entwicklung und den Ablauf des Projekts sehr schön verfolgen und sich ein eigenes Bild machen.

 
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DAS iPHONE-PROJEKT

Unterricht mit dem iPhone

Im Rahmen eines zweijährigen Pilotprojektes erhielten im Schuljahr 2009/2010 alle Kinder einer 5. Klasse der Projektschule Goldau in der Schweiz persönliche Smartphones (Modell: Apple iPhone 3G), die sie nach einer Einführungszeit auch nach Hause nehmen und außerschulisch nutzen dürfen.
Damit haben die Kinder jederzeit und überall ein Gerät zur Verfügung, mit dem sie lesen, schreiben, rechnen, zeichnen, fotografieren, Musik und Töne hören und aufzeichnen, telefonieren sowie im Internet surfen und kommunizieren können. Die Kinder sollen das Gerät innerhalb und außerhalb der Schule als Teil ihrer persönlichen Lern- und Arbeitsumgebung nutzen und damit emanzipiert und kritisch mit zukünftig immer verfügbarer Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) umgehen lernen.

Grundsätze

  • Die Lehrperson bleibt zentral
  • Der Lehrplan bleibt verbindlich
  • Inhalt vor Technik
  • Alltagsintegration statt Einzelfeuerwerk
  • Integration der Eltern
  • keine Kosten für Schule, Eltern und Kinder
  • Missbräuche thematisieren, kontrollieren und ggf. sanktionieren

Das Pilotprojekt wird vom Institut für Medien und Schule (IMS) der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz-Schwyz (PHZ Schwyz) geleitet und wissenschaftlich ausgewertet.

MyMoment.ch

Ein Projekt unter Leitung des Instituts „Weiterbildung & Beratung“ der Pädagogischen Hochschule Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW).

Die Internetplattform „myMoment“ lebt von den Beiträgen der Schülerinnen und Schüler. Sie schreiben Texte, kommentieren Beiträge oder ergänzen eine angefangene Geschichte und/oder sie lesen diese Texte. Außerdem lernen sie, sich auf einer Webplattform zurechtzufinden. Mymoment.ch wird in den Deutschunterricht integriert und es gibt Fortbildungen für Lehrpersonen.
Eine Untersuchung zum Pilotversuch (2005) brachte folgende Erkenntnisse:

  • Die Kinder konnten ihre Schreib-, Lese- und Medienkompetenzen deutlich weiterentwickeln.
  • Die Motivation fürs Lesen und auch fürs Schreiben ist hoch und hat sich sogar im Verlauf der Erprobung gesteigert. Der Motivationszuwachs ist bei den Mädchen größer als bei den Buben. Die Motivation der Buben bleibt während der Erprobungsphase erhalten und nimmt sogar leicht zu.