Lesespaß in vielen Sprachen

Von Pia Gsellmann und Thomas Aistleitner (Interviews)

Auszählreime auf Kroatisch, Rotkäppchen auf Türkisch: Ein Lesefest in Wien zeigte die Zukunft des mehrsprachigen Unterrichts.

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Zu Beginn bekommt jedes Kind einen viersprachigen Stationenplan auf Deutsch, Englisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Türkisch. Es gibt fünf Stationen.

Station Rübenziehen

Und sie ziehen und ziehen und ziehen ... mal auf Deutsch, mal auf Türkisch ... in mehr als zehn Sprachen! Jedes Kind findet hier seine Erstsprache und liest darin vor.

„Papierschlange“

Experiment „Papierschlange“ aus der mehrsprachigen Volksschulzeitschrift „Trio“. Viele machten mit, obwohl das Experiment nur auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch beschrieben war.

Kinder als Sprachexperten

Die Kinder mit dieser Erstsprache wurden als Sprachexperten eingesetzt und erklärten den anderen den Inhalt, begleitet von Trio-Redakteurin Sanja Biwald.

Wissenschaftliche Beratung

Dr. Elisabeth Furch von der Pädagogischen Hochschule Wien hilft beim Ausschneiden. Sie war die wissenschaftliche Beraterin der Veranstaltung.

Vorlesen

Wir lesen uns gegenseitig eine Geschichte in unseren Erstsprachen vor. Das hört sich sehr interessant an.

Kostümwechsel

Das Rübenziehen wird nicht nur vorgelesen, sondern auch gespielt.

15 Minuten

Jede Station dauert nicht länger als 15 Minuten und wird mit einem Gruppenbild abgeschlossen.

Station Tanz

Wir tanzen zur Musik aus verschiedenen Ländern.

„Rotkäppchen“

„Rotkäppchen“ wird in vielen Sprachen angesprochen. Sie versteht trotzdem immer, was gesagt wird.

Großmutter

Die „Großmutter“ wartet darauf, gefressen zu werden.

Spielen in vier Sprachen

Studentin Alice Stephan liest und spielt mit ihrer Gruppe „Rotkäppchen“ in vier Sprachen.

Lehrerin Tülay Demir

Vier Auszählreime in vier Sprachen kann man in 15 Minuten auswendig lernen.

Auszählreime

Die Auszählreime werden präsentiert. Jedes Kind liest mit, auch wenn es die Sprache nicht kennt.

Die Verantwortlichen

Projektleiterin Ingeborg Jelinek und Gastgeberin Direktorin Ingeborg Feitl.


Im Keller der VS Jagdgasse 22 lauert der Wolf dem Rotkäppchen auf. Der Wolf ist Chinese und spricht Türkisch mit seinem Rotkäppchen. Seine türkischen MitschülerInnen unterstützen ihn dabei und übersetzen schließlich das Märchen.
Im März 2010 fand zum zweiten Mal „Lesespaß in vielen Sprachen“ für Kinder der 3. und 4. Klasse Volksschule statt. Diese Lesewoche ist eine gemeinsame Aktion des Stadtschulrats für Wien, des Buchklubs der Jugend und der PH Wien und wird von der OMV unterstützt.

Märchen, Experimente, Auszählreime

LehrerInnen und Studierende mit multikulturellem Hintergrund gestalteten und betreuten die fünf Stationen, an denen die verschiedensten Inhalte vermittelt wurden. Die Kinder spielten sich durch das Märchen vom Rotkäppchen und die Geschichte von der Rübe, führten Experimente durch – nach Anleitungen aus der dreisprachigen Zeitschrift „Trio“ – und lernten Auszählreime und Lieder in verschiedenen Sprachen (Deutsch, Englisch, Türkisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch).
Sanja Biwald, Wiener Volksschullehrerin und „Trio“-Redakteurin mit bosnischer Erstsprache, bringt den Wert der Veranstaltung auf den Punkt: „Beim mehrsprachigen Lesespaß kann jedes Kind seine Sprachkenntnisse einbringen und seine Stärken zeigen. Um diese Ressourcen geht es, und nicht um eventuelle Defizite.“

„Sie waren stolz auf ihre Sprache“

In der Galerie wird eifrig ausgezählt: Da heißt es „Eci, peci, pec“ und „Oooo igne iplik, derme diplik“ und „Ippy, dippy, dation, My Operation“. Tülay Demir, Wiener Volksschullehrerin mit Erstsprache Türkisch, hat die Station „Auszählreime“ betreut: „Wir haben einen Sesselkreis gemacht, und ich habe die Kinder in mehreren Sprachen begrüßt. Wir haben vier Auszählreime kennengelernt – auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Bosnisch/Kroatisch/Serbisch. Am Ende habe ich die Blätter mit den Texten umgedreht, denn die Kinder konnten nach 15 Minuten alle vier Reime auswendig – selbst wenn sie die Sprache vorher noch nie gesprochen hatten.“
„Es war spürbar“,  sagt Tülay Demir, „dass die Kinder mit nicht deutscher Muttersprache glücklich waren, dass sie in ihrer Muttersprache reden konnten. Sie haben laut und deutlich mitgesprochen. Sie waren stolz auf ihre Sprache.“

„Eine Inspiration für den Unterricht“

Alice Stephan hat die Station „Rotkäppchen“ betreut: „Wir haben das Märchen anhand von Folien mit Sprechblasen vorgelesen. Wir haben nicht danach gefragt, welches Kind welche Sprache kann. Erst im zweiten Durchgang haben wir die Kinder gefragt, welche Sprache sie sprechen und sie dann als ,Experten‘ noch mal vorlesen lassen.“
„Am Anfang war ich skeptisch, ob es funktionieren würde“, berichtet die Wiener Lehramtsstudentin, „aber man die Aufwertung der Sprache gespürt. Die Kinder waren auch begeistert, wenn ein Kind mit einer anderen Erstsprache in ,ihrer‘ Sprache vorgelesen hat.“
Alice Stephan sieht darin eine Inspiration für den Unterricht:, „Man kann das ganz locker in der Klasse machen, auch wenn man die Sprache selbst gar nicht kann. Für mich war es eine wertvolle Praxiswoche.“ Und Tülay Demir ergänzt: „Bei solchen Projekten werde ich immer gerne dabei sein!“

„Gastgeberin“ Direktorin Reinhilde Feitl sowie Projektleiterin Ingeborg Jelinek freuen sich: „Vier Tage lang konnten 600 Kinder aus insgesamt 20 Wiener Schulen den mehrsprachigen Lesespaß hier in der VS Jagdgasse erleben.“


Quelle: Buchklub

 
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