SALLY NICHOLLS: ZEIT DER GEHEIMNISSE
Vom Sterben und Leben
Sally Nicholls schreibt gern über die großen Themen. Mit ihrem Debüt „Wie man unsterblich wird“, der Geschichte des lebenslustigen todkranken Sam, landete die junge englische Autorin einen Kritikererfolg und Bestseller. Auch in ihrem zweiten Kinderroman geht es um Leben und Tod. Nach dem plötzlichen Verlust ihrer Mutter wohnt Molly mit ihrer Schwester bei den Großeltern am Land. In einer Regennacht kommt es zu einer unheimlichen Begegnung ... „Zeit der Geheimnisse“ verbindet mythische Elemente mit einer Geschichte von Abschied und Neubeginn.
In Büchern ist alles einfacher“, heißt es in Sally Nicholls‘ neuem Roman „Zeit der Geheimnisse“. Für die Protagonistin Molly mag das stimmen. Auf Nicholls‘ Bücher trifft das allerdings nicht zu. Die englische Kinderbuchautorin sucht sich schwierigen Stoff und schreibt gern über die großen Themen und Emotionen – um diese mit erstaunlicher Leichtigkeit abzuhandeln. Mit ihrem Debüt „Wie man unsterblich wird“ hat sie junge und erwachsene LeserInnen berührt. Darin erzählt Nicholls ganz unsentimental von den letzten Lebensmonaten des elfjährigen Sam. Auch in ihrem zweiten Roman geht es um Leben und Tod.
Zuhause auf Probe
Nachdem ihre Mutter plötzlich an einem Aneurysma gestorben ist, wohnen die zehnjährige Molly und ihre eineinhalb Jahre ältere Schwester Hannah bei den Großeltern am Land. Das Arrangement ist vorübergehend gedacht – bis der überforderte Vater, ein Journalist, „alles auf die Reihe kriegt“. Das Leben im Dorf ist anders: In der Schule sind nur acht Kinder, der Unterricht läuft ungewohnt ab, Freizeitangebot gibt es nicht. Die ruppige Großmutter und der sanftmütige Großvater ersetzen nicht Mum und Dad, und das Zuhause auf Zeit ist keine Heimat.
Die Schwestern gehen unterschiedlich mit ihrer Trauer um: Hannah rebelliert, trotzt dem Vater und zerteppert das Geschirr der Großmutter. Molly passt sich an, hilft im Laden der Großeltern und liest sich durch die Bibliothek. Als sie von ihrer Begegnung mit dem mysteriösen „Grünen Mann“ erzählt, der über außergewöhnliche Kräfte verfügt und Bäume wachsen lassen kann, wird sie zunächst von niemandem ernstgenommen.
Stürmische Zeiten
In bildreicher Sprache beschwört die Autorin eine gewaltige, sagenhafte Natur herauf. Sie verwebt die Legende vom „Eichenkönig“, der im Sommer lebt und im Winter vom „Stechpalmenkönig“ verjagt und getötet wird, mit Mollys Geschichte. Die Wunden des „Grünen Manns“, die er sich bei der „Wilden Jagd“ zuzieht, entsprechen Mollys seelischen Verletzungen. Stürme, wie sie draußen an den Bäumen zerren, erschüttern auch die Familie in ihrer Trauerarbeit. Und als der „Grüne Mann“ im Frühjahr als Jüngling wiederkehrt und Blumen sprießen lässt, sieht auch Mollys Situation wieder hoffnungsvoller aus.
Sally Nicholls spart nicht mit mythischen und fantastischen Elementen: Legenden erwachen zum Leben, die Jahreszeiten werden von Göttern regiert, die tote Mutter erscheint vorm Fenster. Ein Fantasyroman ist „Zeit der Geheimnisse“ dennoch nicht – vielmehr, und da liegt auch Nicholls‘ Stärke, eine authentische und keineswegs triste Geschichte eines Mädchens und seiner Familie zwischen Trauer und Neubeginn.




