„Den Spaßcharakter des Lesens betonen”

Interview: Michael Achleitner

Neugierig werden die Kinder in einigen Wiener Parks von nun an wieder beobachten, wie junge Leute mit großen Kisten auftauchen, Decken ausbreiten, Bücher und Malsachen auspacken. Was kann man da machen? Für wen sind die Bücher? Darf ich auch? Selbstverständlich, sagt Karin Haller, Direktorin des Instituts für Jugendliteratur.

Mädchen liest ein Buch im Park

Bei diesem außerschulischen Leseförderungsprojekt können Kinder die ganzen Sommerferien über in Bücherkisten wühlen, lesen oder sich vorlesen lassen, malen, zeichnen, Rätsel lösen und Bücher entlehnen. Ohne Ausweis, ohne Kosten. Das Angebot konzentriert sich auf Kinder bis zu zehn Jahren und bietet qualitativ hochwertige und dabei leicht zu lesende, spannende oder lustige Bücher: Bilderbücher, Krimis, Erstlesetexte, Abenteuergeschichten, Sachbücher ...

Literacy.at: Frau Mag. Haller, wie ist die Idee zu „Lesen im Park“ entstanden?
Karin Haller: Die Idee ist schon Ende der 1970er-Jahre entstanden, 1981 hat das Leseförderungsprojekt dann zum ersten Mal stattgefunden. Nicht jedes Kind kommt automatisch im Elternhaus mit Büchern in Berührung, also ist es wichtig, gerade die Kinder zu erreichen, die keinen Zugang zu Büchern haben. Und wo erreicht man diese Kinder am einfachsten? Dort, wo sie sich ohnehin sehr gerne aufhalten und wohlfühlen: im Freien, in Parks. Bücher auf Spielplätzen in Parks anzubieten bringt einen Überraschungseffekt. Kinder erreicht man am besten, indem man sie über ihre Neugierde anspricht. Das ist ein ganz wesentliches Ziel dieser Aktion. Die Vernetzung von Freizeitverhalten und Lesen betont den Spaßcharakter des Lesens. Lesen bedeutet so nicht schulischer Zwang, sondern Vergnügen.

Ist „Lesen im Park“ nur für Kinder mit Leseschwierigkeiten gedacht?
Nein, wir wollen auch Kinder, die ohnehin gerne lesen, mit ansprechenden Büchern versorgen. Bei der Auswahl der Bücher achten wir sehr stark auf Qualität und auf die Berücksichtigung verschiedenster Leseinteressen. Dabei wird auf thematische Vielfalt, Textqualität und bei Bilderbüchern, die einen großen Anteil der Kollektionen ausmachen, auch auf die ästhetische und künstlerische Qualität geachtet. Da wir vom Institut für Jugendliteratur uns ganzjährig mit Kinder- und Jugendliteratur auseinandersetzen, haben wir einen sehr guten Überblick über den Markt.

Was passiert, wenn man ein Buch im Park nicht fertiglesen kann?
Ganz wesentlich bei dieser Aktion ist, dass man die Bücher auch entlehnen kann – und zwar ganz unbürokratisch. Auch Kinder, die ohne erwachsene Begleitperson im Park sind, dürfen sich Bücher mit nach Hause nehmen (dies ist v. a. im Allerheiligenpark häufig der Fall). Die Kinder geben einfach ihren Namen und ihre Adresse an. Die Angaben werden nicht überprüft. Kinder sind von einer bewundernswerten Ehrlichkeit, wir haben praktisch keinen Bücherschwund. Der sehr niederschwellige Zugang zu dieser Aktion macht sie auch aus.

Wie und wo können die ausgeborgten Bücher wieder zurückgegeben werden? 
Da die meisten BesucherInnen der Parks AnrainerInnen sind, bringen sie die Bücher wieder bei der Station zurück. Wenn das nicht möglich ist, weil sich zum Beispiel die Aktion ihrem Ende zuneigt, können die Bücher auch am Institut für Jugendliteratur (im 4. Bezirk in der Mayerhofgasse) zurückgegeben werden.

Welches Buch würden Sie sich am liebsten ausborgen?
Das ist insofern schwierig zu sagen, als ich so viel lese, dass meine Lieblingstitel wöchentlich wechseln, und daher möchte ich mich da ungern festlegen. Aber da ich ja auch für die Jugendliteratur zuständig bin, die bei „Lesen im Park“ nicht vertreten ist, würde ich sagen: Wer meine Lieblingsbücher lesen will, möge sich auf unserer Website www.jugendliteratur.at unsere Buchtipps anschauen.

Was gibt es an den Stationen außer Büchern noch zu entdecken?
Für uns ist es wesentlich, dass nicht nur gelesen werden kann, sondern auch gemalt – wir haben etwa Mandalas für diejenigen, die eine Pause vom Lesen einlegen wollen. Es kann auch gebastelt und gespielt werden. Die BetreuerInnen versuchen das Gelesene, je nach Alter, verfügbarer Zeit und Interesse des Kindes, auch mit sensorischen Mitteln umzusetzen.

Kommen auch Kinder mit nichtdeutscher Erstsprache?
Das Schöne bei „Lesen im Park“ ist ja, dass es völlig irrelevant ist, wo die Kinder herkommen. Ob sie Deutsch als Erstsprache haben oder nicht, welchen kulturellen Background sie haben, welchen soziokulturellen – auf den Decken im Park sind alle gleich. Der Aspekt, miteinander zu lesen und miteinander zu leben, wird betont. Ich mag das Projekt wirklich sehr.

Standorte 2018

2. Juli bis 31. August 2018
Mo.–Fr. von 14.00 bis
18.00 Uhr
(außer bei Regenwetter)

Augarten-Waldspielplatz | 1020 Wien
Erreichbarkeit: U2 Taborstraße, Bus 5A und 5B, Straßenbahn 2, 5 und 31

Alois-Drasche-Park | 1040 Wien
Erreichbarkeit: Straßenbahn 18, Bus 13A

Alfred-Böhm-Park | 1100 Wien
Erreichbarkeit: U1 Troststraße, Bus 68A und 68B

Auer-Welsbach-Park | 1150 Wien
Erreichbarkeit: U4 Schönbrunn, Straßenbahn 10, 52 und 60, Bus 10A
Standort: beim Kinderspielplatz; zwischen Kindergarten und Sportplatz

Allerheiligenpark, Allerheiligenplatz | 1200 Wien
Erreichbarkeit: U6 Handelskai, U6 Handelskai, S-Bahn Traisengasse, Bus 5A, 11A, 11B und 37A
Eingang: Allerheiligenplatz 2

Zur Person

Porträt Karin Haller

Mag. Karin Haller ist Geschäftsführerin des Österreichischen Instituts für Jugendliteratur. Seit vielen Jahren rezensiert sie (nicht nur dort dort) Jugendbücher. Mit „1000 und 1 Buch“ bietet das Institut das einzige Fachmagazin zur Kinder- und Jugendliteratur in Österreich.

Weitere Informationen

Institut für Jugendliteratur
Juliane Zach
+43/1/505 03 59 15
juliane.zach@jugendliteratur.at

„Lesen im Park“ ist als Teil des Wiener Ferienspiels ein außerschulisches Leseförderungsprojekt, das seit 1981 vom Institut für Jugendliteratur im Auftrag von WienXtra durchgeführt wird.