JOHN GREEN: MARGOS SPUREN
Die Liebe, ein Rätsel
John Green zeigt in seinen vielfach ausgezeichneten Romanen das Teen-Age und alle damit verbundenen Peinlichkeiten, ohne darin selber peinlich oder anbiedernd zu sein – dafür klug, witzig und berührend. Heuer ist sein dritter Jugendroman erschienen: „Margos Spuren“ ist eine sensible Coming-of-Age-Story, eine große Liebesgeschichte und ein spannendes Roadmovie in einem.
Das Mädchen von nebenan spielt eine wichtige Rolle in Geschichten von der Jugend: in Romanen wie auch in Filmen und Fernsehserien. Man denke nur an Kevin Arnolds „Wunderbare Jahre“ und seine Winnie Cooper. Diese fiktiven Nachbarmädchen zeichnen sich nicht durch die typischen Eigenschaften aus, die einem „Mädchen von nebenan“ zugeschrieben werden: hübsch, nett, mit Kumpeltauglichkeit und bezauberndem Lächeln. Sie sind jemand ganz Besonderes – eine, die man nicht vergisst. Auch in John Greens Roman „Margos Spuren“, in einer Neubausiedlung in Florida, gibt es ein solches Mädchen von nebenan. „Margo war nicht hübsch. Sie war der Hammer.“
Die Coole von der Schule
Schon als kleiner Junge ist Quentin von der geheimnisvollen Margo hingerissen. Ein gemeinsames einschneidendes Erlebnis verbindet die beiden. Dann kommt die Pubertät dazwischen. Margo gehört zu den Coolen. Ihre Freunde sind Sportler und Anwärterinnen auf den Thron der Schönheitskönigin. Quentin gehört zu den Netten. Seine Freunde sind Computernerds und spielen im Orchester. Im Schuluniversum bedeutet das: unüberbrückbare Differenzen. Nichtsdestotrotz himmelt Quentin Margo aus der Ferne an. Von dort geht das schließlich am leichtesten.
Bis sie ihm plötzlich wieder naherückt: Eines Nachts steht Margo wie in Kindestagen vor seinem Fenster. Sie fordert Quentin zu einem ebenso verrückten wie unwiderstehlichen Abenteuer auf – und er verbringt die längste Nacht seines Lebens. Am nächsten Tag ist Quentin voller Erwartungen. Und Margo ist weg.
Amerikanische Geschichten
Sympathischer Normalo liebt schillerndes Übermädchen: Bereits in seinem Debütroman „Eine wie Alaska“ hat John Green eine solche hoffnungsvolle wie hoffnungslose Liebe beschrieben. In „Margos Spuren“ gibt es eine ähnliche Konstellation. Und eine wunderbare, pralle, neue Geschichte: nein, viele Geschichten, durch die John Green seine Leserinnen und Leser führt. Sie sind dabei, wenn sich Quentin auf Margos nächtliche Tour de force einlässt. Sie verfolgen, wie er sich auf die Suche macht und verrätselte Hinweise zusammenfügt. Sie triumphieren, wenn Quentin und seine Freunde in Margos Fahrwasser einige Coolnesspunkte in der Schule sammeln – und gehen mit auf die Reise auf Margos Spuren quer durch Amerika.
John Green schöpft aus dem amerikanischen Jugendkulturgut, wie es auch hiesige Jugendliche aus Film und Fernsehen kennen. Die Highschool. Der Abschlussball. Der Roadtrip durch die Staaten. Green, der Englisch studiert hat und nebenbei als Literaturkritiker arbeitet, vermittelt auch klassisches Literatur- und Kulturwissen. Walt Whitman, nicht erst seit dem „Club der toten Dichter“ eine Referenz in Sachen Literaturerziehung, spielt eine wichtige Rolle. Verweise auf Woodstock und Bob Dylan dürfen nicht fehlen.
Liebe etcetera
Vor allem kann John Green erzählen: Mit Witz, Respekt und Verständnis für jugendliche Herzen spinnt er eine Geschichte von großen Gefühlen und großen Enttäuschungen. Er schildert, was am schwierigsten zu fassen ist: das Unerklärliche, das sich zwischen den Menschen und hinter ihren Fassaden abspielt.
Quentin liebt Margo. Doch mehr als Margo liebt er die überlebensgroße Vorstellung, die er sich von ihr macht. John Green zeigt, wie sich Gefühle verlaufen können und wie eine Spurensuche näher und zugleich immer weiter weg vom Ziel führen kann. Letztlich ist Margo kein Über-Mädchen. Margo ist einfach Margo – eine, die man nicht vergisst.



