Kinderbücher nach Jahrgängen

Interview: Thomas Aistleitner

Seit fünf Jahren gibt Nicola Bardola seinen Kinderbuchführer „Lies doch mal!“ heraus. Im Interview erzählt er über seine Video-Bücherblogs und warum ihm Verrisse schwerfallen.

© Focus Schule
Nicola Bardola

Literacy.at: Herr Bardola, es gibt eine Reihe angesehener Kinderbuchpreise im deutschsprachigen Raum. Sie geben einen Kinderbuchführer heraus, der Empfehlungen abgibt – inzwischen bereits im fünften Jahrgang. Warum braucht die Buchwelt „Lies doch mal!“?
Nicola Bardola: 
Die Flut an Kinder- und Jugendbüchern erfordert Orientierungshilfen. Es gibt wenige unabhängige und auführliche Empfehlungslisten, die auf Qualität setzen.


Die Frage ist, was ein gutes Kinderbuch ausmacht. Was braucht man, um eine Empfehlung abzugeben?
Da wäre einmal die Erfahrung. Ich beobachte seit 25 Jahren den Buchmarkt, bespreche und rezensiere Bücher, schaue aber auch, welche Bücher Preise bekommen, und bin mit Kinder-Leseklubs im Kontakt.

Können Sie Kriterien nennen, nach denen Sie ein Buch beurteilen?
Wenn Sie ein Buch lesen und es hat in Ihnen – oder eben im lesenden Kind – etwas bewegt, wenn man danach ein bisschen ein anderer ist als vorher, dann ist ganz offensichtlich etwas dran an dem Buch. Zweitens interessiert mich die Sprache. Wie geht der Autor mit Sprache um, wie kommt sie zum Einsatz?

Die Besprechungen sind nicht alle von Ihnen, sondern von verschiedenen Autorinnen und Autoren. Wie werden sie ausgewählt?
Einerseits habe ich mir in den Jahren ein Netzwerk von kompetenten Kollegen aufgebaut, deren Expertise ich sehr schätze. Andererseits ist es die Idee des Buches, dass die Meinungen von drei Lesergruppen einfließen: Das wären einmal die Literaturkritiker, dann aber auch die Buchhändler, weil wir Kritiker manchmal etwas weiter weg sind von der „Lesefront“.

Was meinen Sie mit „Lesefront“?
Der Buchhändler ist der, dem das Kind ein Buch zurückbringt und sagt: „Damit kann man ja gar nichts anfangen. Da hab ich die ersten 20 Seiten gelesen und dann wollte ich nicht mehr.“ Das ist eine Rückmeldung, die der Literaturkritiker nie erfährt oder nur sehr eingeschränkt und spezifisch, zum Beispiel wenn er selbst Kinder hat. Die Buchhändler in „Lies doch mal!“ rotieren auch, sie wechseln von Ausgabe zu Ausgabe.

Welche dritte Gruppe rezensiert für „Lies doch mal!“?
Die dritte Gruppe sind die Autoren. Das kam so, dass ich einmal einem Autor mitgeteilt habe, dass sein Buch in „Lies doch mal!" aufgenommen wird. Worauf er gemeint hat: „Übrigens, da hab ich grad eins gelesen, das kann ich dir auch empfehlen ...“ So sind die Autoren zu Kritikern für „Lies doch mal!“ geworden.

Wenn ich das „Lies doch mal!"-Konzept richtig verstehe, geht es doch immer um Empfehlungen. Aber bestimmt gibt es auch Bücher, die Sie als Kritiker lesen und ärgerlich finden. Wäre eine „Schwarze Liste“ mit ungeeigneten, unbeliebten, einfach schwachen Titeln, denen man keine Leser wünscht, interessant?
Da sprechen Sie mir aus dem Herzen! Seit sechs Jahren stelle ich diese Listen zusammen, und da kommt einem schon einiges unter. Am Ende bespreche ich dann nur Bücher, die ich uneingeschränkt empfehlen kann. Aber ich würde gerne auch einmal zeigen, dass etwas misslungen ist und warum es misslungen ist.

Es gibt doch genug Bücher, die in erster Linie in Marketing-Absicht erscheinen ...
... ganz genau, gerade die Berge an Vampirbüchern zurzeit. Man müsste die mal analysieren und schauen: Welche taugen was, welche taugen nichts ...

Das wäre ein schöner Artikel: fünf gelungene Vampirbücher und fünf misslungene.
Ich habe dem Verlag einmal scherzhaft angeboten, ein Buch über die 50 schlechtesten Kinder- und Jugendbücher zu machen. Es ist ja auch ermüdend, Bücher immer nur zu loben, und schwieriger, dies überzeugend zu tun als auf Mängel hinzuweisen. Aber der Verriss ist ein Problem.

© Daniel Hintersteiner
Bardola

Warum eigentlich, was ist falsch an Kritik?
Nichts. Sie ist wünschenswert. Aber man muss vorsichtig sein. Wenn ich ein Buch nicht mag, muss es noch nicht misslungen sein. Vielleicht habe ich nur nicht den richtigen Zugang zu einer Geschichte, zu einer Schreibweise, zu einem Thema gefunden. Und dann verbaue ich mit einem Verriss womöglich Lesern den Zugang zu dem Buch. Kein Kritiker kann da vollkommen neutral und objektiv sein, und es ist jammerschade für ein Buch, wenn es ungerecht verrissen wird.

Die sechste Ausgabe von „Lies doch mal!" erscheint im Mai 2011. Da werden wieder 50 Autoren vorgestellt. Inzwischen haben Sie sich mit einer Autorin speziell auseinandergesetzt. In „Bestseller mit Biss“ widmen Sie sich ein ganzes Buch lang der Autorin Stephenie Meyer. Was würden Sie einem Teenager empfehlen, der schon alle Biss-Bücher gelesen hat und auf der Suche nach neuem „Stoff“ ist?
Zunächst könnte er mein „Twilight“-Buch lesen, weil es den Welterfolg vor allem literarisch zu erklären versucht und hinter die Kulissen blickt. Ich habe die vielen Vampirromane, die im Windschatten der „Biss“-Reihe erschienen sind, nicht gelesen. Ich würde aber ohnehin empfehlen, einmal zu den Klassikern zu greifen, die „Twilight“ zugrundeliegen, um sich in das Thema zu vertiefen. Ich denke da an „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen, an Shakespeare und an die Brontë-Schwestern. Ausländische Verlage veröffentlichen die Klassiker neu in „Twilight“-Optik und werben mit dem Slogan „Lies Bellas Lieblingsbücher!“.

Für die Zeitschrift „Focus“ bloggen Sie über Kinderbücher und beziehen dabei auch Kinder mit ein. Wie kam es zu dieser schönen Idee?
Wir wollen multimedial abseits des Schulkanons Kinder und Eltern mit aktuellen Buchempfehlungen im Internet errreichen. Dafür ist „Focus Schule“ ein idealer Partner. (Zum Focus Schule Videoblog)

Buchtipps

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Nicola Bardola
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Die 50 besten Kinder- und Jugendbücher 2010
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Fachkundig stellt der renommierte Buchexperte Nicola Bardola die 50 besten Kinder- und Jugendbücher der Buchsaison 2009 vor. Dabei wird er von einer prominenten Jury von AutorInnen, JournalistInnen und BuchhändlerInnen unterstützt. „Lies doch mal! 6“ erscheint im Mai 2011 und wird 50 Bücher aus dem Jahr 2010 vorstellen.
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