Der Schöpfer der Wörterwelten

Interview: Martina Starz

Die „Wörterwelten“ – das sind Wörterbücher für VolksschülerInnen mit einer anderen Erstsprache als Deutsch. Jetzt gibt es sie für acht Sprachen auch im Internet, und dazu 450 Online-Übungen, einfach und gut aufbereitet für die kleinen SprachlernerInnen. Professor Rudolf Muhr von der Forschungsstelle Österreichisches Deutsch der Universität Graz leitet die Projekte.

Screenshot der Website Wörterwelt

Literacy.at: Sie sind Experte für Deutsch und Deutsch als Fremdsprache. Außerdem machen Sie Wörterbücher für Kinder, die „Wörterwelten“. Wie kam es dazu?
Rudolf Muhr: 2002 haben wir mit dem ersten Projekt angefangen. MR Elfie Fleck vom Unterrichtsministerium hat uns damals kontaktiert. Sie hatte ein Bosnisch/Kroatisch/Serbisch-Wörterbuch – es war wohl aus der Schweiz – und fragte mich, ob man das auch für SchülerInnen in Österreich machen könne. Das Buch war aber eine Katastrophe. Der Wortschatz war zufällig und erklärt wurde nichts. Also sagte ich, ich würde eines machen, ein zweisprachiges Wörterbuch mit einem sorgfältig ausgewählten Wortschatz, der für die Kinder relevant ist.

Wir wurde dieser ermittelt?
Wir erstellten einen Corpus, ausgehend von den österreichischen Schulbüchern, denn in diesen findet sich der Wortschatz, mit dem die SchülerInnen tatsächlich konfrontiert sind. Wir haben aus den vielen Schulbüchern für die Volksschule die wichtigsten gewählt – insgesamt 55 Stück – und die Texte in den Computer eingelesen. Dann wurden einerseits die Wörter herausgefiltert, die sehr häufig vorkommen und andererseits jene, die in Überschriften und Merksätzen verwendet werden. Denn diese Wörter muss ein Kind verstehen.

Wie viele Wörter sind es geworden?

25.000, aber um den Rahmen nicht zu sprengen, mussten wir auf 10.000 Wörter reduzieren. Um den Kindern zu zeigen, wie man die Wörter im Kontext richtig verwendet, werden sie von Beispielsätzen begleitet, die wiederum den Lehrbüchern entnommen worden sind. Die „Wörterwelten“ orientieren sich also an dem Wortschatz, der für VolksschülerInnen tatsächlich von Bedeutung ist.

In welchen Sprachen sind die „Wörterwelten“ bis jetzt erschienen?
Nach der bosnisch/kroatisch/serbischen Ausgabe folgte eine türkische und inzwischen gibt es auch eine albanische und eine slowakische und in Kürze auch eine tschechische.

Seit kurzem gibt es die „Wörterwelten“ auch online.
Ja, und wir konnten sogar Wörterbücher für acht Sprachen online stellen: Albanisch, Bosnisch, Deutsch, Kroatisch, Serbisch, Slowakisch, Tschechisch, Türkisch. Das neueste Projekt sind die Übungen dazu. Diese gibt es nur online. Insgesamt sind es 450 Übungen, 40 bis 60 pro Sprache. Außer für Deutsch, da sind es etwa 200.

Ein tolles Angebot, denn für den muttersprachlichen Unterricht gibt es ja generell wenig Material und die Aufbereitung der Übungen ist sehr ansprechend und gut bebildert. Ein zeitintensives Projekt?

Oh ja, ich habe das Projekt geleitet und war auch bei der Übungserstellung aktiv dabei. Ich habe zusammen mit den Kolleginnen, die die Übungen für die verschiedenen Sprachen erstellt haben, die Übungstypologie entworfen und wir haben viele Übungen gemeinsam erarbeitet, korrigiert und überarbeitet.  Auch die Bildersuche war sehr aufwändig.

Wer ist die Zielgruppe dieser Website?

Wir haben die Übungen für die SchülerInnen gemacht. In den Schulen gibt es Übungscomputer, sie können alleine daran arbeiten, wobei sie es unserer Erfahrung nach sehr gerne zu zweit tun. Durch die Hilfefunktionen und die automatischen Rückmeldungen sind die Übungen sehr gut für die selbstständige Arbeit geeignet. Wir haben die Übungen mit ihren Hilfefunktionen so konzipiert, dass die Kinder auf keinen Fall entmutigt werden.

Welche Pläne gibt es für die Zukunft? Soll das Angebot noch ausgeweitet werden?

Es gibt den Plan, ein Wikisystem einzubauen. LehrerInnen oder andere Interessierte könnten dann selbst Übungen mit Hilfe von Schablonen eingeben. Man sucht einen Übungstyp aus, gibt die Daten ein und das System erstellt im Hintergrund automatisch die Online-Übung. So würde die Seite leben und die LehrerInnen hätten kostenfrei immer neue Übungen für ihre SchülerInnen. Ich hoffe sehr, dass wir das Projekt finanziert bekommen!

Zur Person

Porträt: Rudolf Muhr

Ass.-Prof. Mag. Dr.phil. Rudolf  Muhr hat in Graz Germanistik und Anglistik (Lehramt) studiert und in Deutscher Philologie und Angewandter Linguistik promoviert. Seitdem ist er an der Karl-Franzens-Universität als Forscher und Lehrbeauftragter tätig. Unter anderem begründete er den Studienlehrgang Deutsch als Fremdsprache (DaF). Er entwickelte neue Lehrmaterialien für den DaF-Unterricht und wurde dadurch immer wieder mit der Frage konfrontiert, welche Form des Deutschen für Nicht-MuttersprachlerInnen unterrichtet werden soll – bundesdeutsch oder österreichisches Deutsch. Sein Forschungsschwerpunkt verlagerte sich in Richtung Linguistik und Varietätenforschung und 1996 gründete er an der Karl-Franzens-Universität die „Forschungsstelle Österreichisches Deutsch“, welche bis heute die einzige akademische Institution zur Erforschung des österreichischen Standarddeutsch (nicht des Dialekts) ist.

Wörterwelten

Cover Wörterwelten

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Wörterbücher für Kinder (1.–4. Volksschule) mit nicht deutscher Erstsprache und mit dem für sie relevanten Wortschatz und Beispielsätzen aus den Schulbüchern. Erhältlich in den Sprachen: Albanisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Slowakisch und Türkisch. Erschienen im E. Weber Verlag. Approbiert als Schulbücher.

Online
Online-Wörterbücher in den acht Sprachen Albanisch, Bosnisch, Deutsch, Kroatisch, Serbisch, Slowakisch, Tschechisch, Türkisch.
Insgesamt 450 Online-Übungen in diesen Sprachen, die von den VolksschülerInnen dank einer Hilfe- und Rückmeldungsfunktion selbstständig bearbeitet werden können. Die Kindergerechtigkeit wurde von Kindern einer 4. Klasse Volksschule getestet und evaluiert. Kostenfrei zu nutzen.