Mein Name ist Wunder, Dietmar Wunder

Interview: Michael Achleitner

Dietmar Wunder und Daniel Craig: Im Auftrag Ihrer Majestät

Literacy.at traf den bekannten Schauspieler, Synchronregisseur und Sprecher auf der Frankfurter Buchmesse am Stand von Jumbo.

Literacy.at: Wie sind Sie zur Synchronisation gekommen?
Dietmar Wunder: Ein Schauspielkollege hat mich einmal zu einer Synchronisation mitgenommen und gemeint: „Du kommst aber nicht nur mit, du sprichst auch gleich einen Text ein!“ Das war damals für die Serie „Happy Days“. Das Synchronisieren hat mir Spaß gemacht und anscheinend hat es auch den Leuten gefallen. Dann ging es recht schnell, und ich durfte bald auch größere Rollen sprechen.

Was fasziniert Sie daran, fremden Schauspielern Ihre Stimme zu leihen?

Gerade als Schauspieler finde ich es toll, die Rolle quasi nachzuspielen. Es ist für mich immer so ein bisschen wie den Film nachzudrehen. Es ist jetzt natürlich nicht so, dass ich dann einen Smoking anhabe oder durch die Gegend laufe, aber ich versuche schon, den Film so nah am Original wie möglich nachzuspielen. Wir im Synchron haben das Glück, dass wir ganz unterschiedliche Charaktere synchronisieren dürfen, die wir als Schauspieler oft gar nicht spielen könnten. Adam Sandler und Daniel Craig etwa könnte ich als Schauspieler vom Typus, allein schon aufgrund meines Aussehens, beide gar nicht spielen. 

Wie schafft man es, den Charakter eines Films optimal umzusetzen? Benötigt man viel Vorbereitungszeit?
Wir haben leider kaum Vorbereitungszeit. Wir schauen den Film, wenn wir ihn vorher überhaupt sehen dürfen, einmal an. In der Regel lernt man den Text erst im letzten Moment auswendig und setzt ihn dann um. Das ist das Handwerkszeug, das man als Synchronschauspieler braucht: innerhalb kürzester Zeit die richtigen Schubladen ziehen zu können, Emotionen und Rhythmusgefühl zu entwickeln, und natürlich braucht man ein geschultes Kurzzeitgedächtnis.

Wie läuft so eine Filmsynchronisation ab?

Es ist so, dass der Film in ganz viele kleine Dialogfetzen unterteilt wird. Das sind manchmal ganze Sätze, in der Regel sind es aber wirklich nur Dialogfetzen, sogenannte Takes. Dann schaut man sich den Take im Original an, hört sich den Rhythmus an. Danach wird der Originalton ausgeschaltet und man synchronisiert den Take. Dabei muss natürlich das Timing stimmen. Es gibt eine Cutterin, die Anweisungen gibt: „Mach da mal die Pause etwas länger” oder „Du musst das schneller sprechen, damit du lippensynchron bist”. Neben dem Tonmeister sitzt der Synchronregisseur, der ebenfalls Anweisungen bezüglich der Umsetzung der Szenen gibt. So wird nach und nach jeder Dialogfetzen ins Deutsche synchronisiert. Zum Schluss wird alles zusammengeschnitten, mit der Musik, den Tönen und Geräuschen und der deutschen Sprache abgemischt. Ein langwieriger Prozess.

Haben Sie auch Einfluss auf den Text, wenn Sie etwa meinen, dass eine andere Formulierung besser geeignet wäre?

Teilweise. Bei großen Kinofilmen sind dir ziemlich die Hände gebunden. Da ist es oft so, dass die Übersetzung vom Verleih abgenommen wird – manchmal sogar vom amerikanischen Verleih. Da hat man nicht viele Freiheiten. Was man immer machen kann, ist zwei oder drei Worte umzudrehen, weil es sich besser spricht, oder man nimmt statt des Wortes „schließlich“ „letztendlich“.

Sie haben schon erwähnt, dass Sie Daniel Craig synchronisieren. Wie haben Sie davon erfahren, dass Sie die deutsche Stimme des neuen James Bond sind?
Es ist ja so, dass ich wegen Sean Connery Schauspieler werden wollte. Ich fand ihn als James Bond einfach ganz toll. Für den neuen James Bond gab es mehrere Probesprechen, die sich über ein halbes Jahr hinzogen, und irgendwann kam dann der Anruf von der Produktionsfirma und es hieß: „Du arbeitest jetzt für den Geheimdienst Ihrer Majestät.“  Natürlich ist es für mich ein ganz großer Glückstreffer. Ich hätte nie gedacht, dass das in der Öffentlichkeit – auch was die Pressewirksamkeit betrifft – solche Anerkennung findet. Außerdem ist Bond natürlich nicht irgendeine Filmfigur, Bond ist einfach Kult. Und dass ich da jetzt dabei sein darf, ist schon ganz toll.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen einer Synchronisationsarbeit und dem Einsprechen eines Hörbuches?

Hörbücher sind für mich die Königsklasse. Beim Einsprechen muss man hochkonzentriert sein. Vor einem liegt nur ein Buch und man fängt bei Seite eins zu lesen an und denkt: Oh Gott. 340 Seiten, ich sterbe. Du musst den Spannungsbogen halten, du musst jede einzelne Figur mit Leben füllen. Du bist aber auch der Dialogsprecher, erzählst die Hintergrundgeschichte, und das zu erarbeiten ist sehr anstrengend und nicht einfach. Es macht aber auch wahnsinnig viel Spaß. Auch weil man eben viel mehr Freiheiten hat. Man kann das Tempo bestimmen und die Figuren so mit Leben füllen, wie man es sich vorstellt.

Wie lange dauert es, bis ein Buch eingelesen ist?
Wenn man ein Buch mit einem Umfang von 300 Seiten zu lesen hat, wird das in der Regel auf sechs CDs aufgeteilt. Pro Tag kann man zwei CDs schaffen, das sind also 80 bis 100 Seiten pro Tag. Aber nachdem man 100 Seiten am Tag gelesen hat, weiß man auch, was man getan hat. Nach 20 oder 25 Seiten macht man meist eine Pause, weil die Konzentration nachlässt.

Was beim „Palast des Poseidon“ auffällt, ist, dass Sie es sehr gut verstehen, die einzelnen Personen mit unterschiedlichen Stimmen zu sprechen. Das muss hohe Konzentration erfordern.
Witzigerweise sind das meist die Passagen, die mir am meisten Spaß machen: eben in diese Charaktere zu schlüpfen. Das ist wie schauspielern. Man muss, wenn eine Figur auf Seite 2 auftaucht und dann wieder auf Seite 280, die Stimme der Figur noch im Kopf haben. Ich mache mir deshalb oft Markierungen im Buch. Anstrengend wird es für das Stimmmaterial, wenn es sehr viele aktive, schnelle Szenen gibt. Wenn man das Tempo beim Lesen anziehen und immer zwischen den unterschiedlichen Stimmen hin- und herspringen muss.

Wie kommen Sie auf die Idee für die unterschiedlichen Stimmen der Charaktere?

Gerade Thomas Thiemeyer schafft so schöne Bilder in seinen Büchern, dass ich mir immer ganz genau vorstellen kann, wie die Figur aussieht, und dann weiß ich auch, wie sie klingen muss. Ich stellle mir vor, der Charakter ist meinetwegen etwas dicker und hat ein vorgeschobenes Kinn. Dann schiebe auch ich beim Einsprechen den Unterkiefer vor und denke mir, der muss so klingen wie Martin Semmelrogge.

Wie kamen Sie zum Einsprechen des Hörbuchs „Der Palast des Poseidon“?

Thomas Thiemeyer hat letztes Jahr „Die Stadt der Regenfresser“ geschrieben. Damals wurde ich von Jumbo gefragt, ob ich nicht Lust hätte, das Buch einzusprechen. Ich fand Thiemeyers Art zu schreiben sehr schön. Und weil es auch ihm sehr gut gefallen hat, wie ich das Buch eingesprochen habe, hat er mich gefragt, ob ich das gerne weitermachen würde. Er hat mir sogar erzählt, dass er beim Schreiben daran gedacht hat, wie ich den Humboldt spreche, und dass ihn das beeinflusst hat. Das fand ich ganz toll. Was für ein Kompliment!

Hören Sie selbst auch Hörbücher?

Hmm. Gute Frage. Ich gestehe, ich höre keine Hörbücher. Ich persönlich lese wahnsinnig gerne und schaue sehr gerne fern, ich bin also ein sehr visueller Mensch. Dennoch finde ich Hörbücher ganz toll, weil Literatur den Menschen nähergebracht wird. Vielleicht kommen mittels Hörbuch Menschen mit Literatur in Kontakt, die sonst nie ein Buch in die Hand genommen hätten. Das geschriebene Wort mit der alten Tradition des Vorlesers zu verbinden – früher konnten ja nur wenige Menschen lesen, da wurden Geschichten am Lagerfeuer erzählt – und diese Tradition wieder aufleben zu lassen, das finde ich sehr schön. Das hat etwas sehr Romantisches.

 

ZUR PERSON

Porträt Dietmar Wunder

Dietmar Wunder, 1965 in Berlin geboren, schloss nach dem Abitur eine Optikerlehre ab. Während seiner Tätigkeit als Optiker nahm er parallel Schauspielunterricht und absolvierte anschließend seine Ausbildung in der Privatschule von Maria Körber. Er war unter anderem an den Berliner Kammerspielen, in der Komödie am Kurfürstendamm, am Berliner Boulevardtheater und am Hansatheater auf der Bühne zu sehen. Er leiht Adam Sandler, Jamie Foxx, Robert Downey Jr. und Daniel Craig seine Stimme. Zudem ist er als Synchronregisseur und Dialogbuchautor tätig. Dietmar Wunder lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin.

DER PALAST DER POSEIDON

Abbildung des Covers: Der Palst des Posseidon

Thomas Thiemeyer
Chroniken der Weltensucher. Der Palast des Poseidon

gesprochen von Dietmar Wunder

Gesamtspielzeit: 07:38:22
6 CDs
ISBN 978-3-8337-2612-5
Jumbo Verlag
Preis: € 22,99

Mysteriöse Vorfälle ereignen sich im Mittelmeer: Seeleute berichten von einem Ungeheuer mit riesigen Fangarmen, das zahlreiche Schiffe in die Tiefe zieht. Eine griechische Reederei beauftragt Carl Friedrich von Humboldt, herauszufinden, was mit den verschwundenen Schiffen geschehen ist. Humboldt und seine Gefährten Oskar, Eliza und Charlotte begeben sich an Bord des Forschungsschiffes „Calypso“. Mit einer Tauchkugel, der ersten Bathysphäre der Welt, wollen sie den Tatort erkunden. 300 Meter unter der Wasseroberfläche macht die Reisegesellschaft eine unglaubliche Entdeckung.

Das gleichnamige Buch ist im Loewe Verlag erschienen.

Hörprobe:

JAMES GRÜSST DIE LITERACY.AT LESER