INTERVIEW MIT KURT NEKULA
Die Schule der Zukunft
AHS, HS oder NMS? Alle zusammen? Oder bleibt nur eine übrig? Kurt Nekula, zuständig für Bildungsplanung im bmukk, verrät, wohin die Reise geht.

Literacy.at: Wie würde denn die Schule der Zukunft ausschauen, wenn es ganz allein nach Ihnen ginge?
Kurt Nekula: Der wesentlichste Punkt: Nicht alle Energie darauf verwenden, homogene Lerngruppen zu erzeugen, die es ohnedies nicht gibt, sondern einfach zur Kenntnis nehmen, dass Heterogenität das bestimmende Merkmal von Schule ist und dass man Rahmenbedingungen setzen muss, die dieser Heterogenität gerecht werden.
Haben wir die nicht schon – zum Beispiel in den Leistungsgruppen?
Eben nicht. Bei den Leistungsgruppen sieht man ganz deutlich: Die dritte Gruppe ist eine Sackgasse, aus der fast kein Entkommen möglich ist. Außerdem steht hinter den Leistungsgruppen ja die Idee, dass man möglichst homogene Gruppen bildet: die sehr Guten in einer Gruppe, die Durchschnittlichen in der zweiten und die Schwächeren in der dritten.
Was ist falsch daran?
Es gibt viele Gründe, warum ein Kind in einer Leistungsgruppe landet, und oft steht nicht das Leistungsprofil an erster Stelle. Selbst wenn dies gelänge, haben Kinder unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten, unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Leistungen in den verschiedenen Kompetenzbereichen. Die Heterogenität ist deshalb eine Grundbedingung.
Nach welchen Kriterien sollten Gruppen dann gebildet werden?
Wichtig ist, dass die Gruppen gut durchmischt sind, dass Voneinander-Lernen stattfinden kann und jedes Kind gezielt gefördert wird. Dafür braucht es kleinere Klassen, mehr Kleingruppenunterricht und Teamteaching, was ja inzwischen flächendeckend in ganz Österreich umgesetzt wird.
Gilt das im übertragenen Sinn nicht auch für Schultypen?
Genau das gilt auch für die parallelen Schultypen der Sekundarstufe I. Optimal wäre es, alle Kinder gemeinsam zu erfassen. Mit maßgeschneiderten Angeboten im Kleingruppenunterricht bzw. Teamteaching und mit mehr Möglichkeiten der individuellen Förderung ...
... der schwächeren Kinder?
Nicht nur. Die Schule hat natürlich nicht nur die Aufgabe, Lernlücken und Defizite zu kompensieren, sondern auch Talente zu finden und auszubauen.
Einer der Haupteinwände gegen die gemeinsame Schule ab zehn ist, dass das Niveau leiden könnte.
Gerade in der Neuen Mittelschule gibt es Förderkurse und Leistungskurse. Beispiel Mathematik: Da haben wir etwa einen Schüler in einem Leistungskurs in Geometrie, wo er zusätzliche Herausforderungen erfährt, während er in einem anderen Bereich vielleicht in einem Förderkurs sitzt. Dieses Konzept der flexiblen inneren Differenzierung ist die Antwort auf Ihren Einwand. In diesem System profitieren Schülerinnen und Schüler, die bisher in der 3. Leistungsgruppe waren, ebenso wie die Leistungsstarken, deren Ergebnisse in so einem Lernmodell nicht sinken. Das ist ein echter Beitrag zur Steigerung des Bildungsniveaus. Die Neue Mittelschule ist eine Leistungsschule.
Ihre Vision ist es also, dass es auf der Sekundarstufe I nur mehr die Neue Mittelschule gibt?
Ja. Dann hätten wir die Grundschule, die Mittelschule und die Oberstufe. Die Grundschule muss natürlich auch in Zusammenhang mit den Jahren davor gesehen werden. Vom Kindergarten an sollen Kinder auf ihrem Bildungsweg die Übergänge harmonisch erleben und sich in der Oberstufe auf Bereiche konzentrieren, die sie besonders interessieren. Da man sich in der Arbeitswelt zunehmend immer wieder neu orientieren muss, ist hier die Grundlage für das lebensbegleitende Lernen zu entwickeln.
Da drängt sich jetzt die Frage nach der „mittleren Reife“ auf …
Darunter verstehen wir eine Bilanz über die Pflichtschulzeit, eine Darstellung der Kompetenzen der Jugendlichen und eine Dokumentation, wo ihre Entwicklungspotenziale liegen. Auch eine intensive Bildungs- und Berufsberatung der SchülerInnen sowie ihrer Eltern sollte dokumentiert werden. Die „mittlere Reife“ ist keine punktuelle Prüfung, sondern dient zur Orientierung bei der Bildungswegentscheidung mit 14 Jahren. Es geht um die Förderung des Bewusstseins der Jugendlichen: Jetzt geht’s um meine Zukunft, wo sind meine Interessen, meine Stärken, was kann ich mir wirklich für mich vorstellen?
Es heißt, der Erfolg eines Schulsystems kann daran gemessen werden, wie viele Kinder aus dem System abgezogen und in Privatschulen geschickt werden. Das Szenario: Manche Eltern werden der NMS nicht vertrauen, weil sie ihre Kinder nicht mit „gewissen“ Kindern in der Schule oder gar Klasse sehen wollen …
Die oberste Priorität für die Schule der Zukunft ist ein öffentliches Angebot in höchster Qualität. Das ist ein wesentlicher Beitrag zur Sicherstellung fairer Bildungschancen für alle Kinder. Daneben wird es immer ein Segment der Privatschulen geben. Wesentlich ist, dass die Eltern die freie Wahl haben, welche Schule ihr Kind besucht.
Wie wird dieses System finanziert? Es wird ja oft gesagt, dass der Vergleich zwischen den NMS und den AHS und HS unfair ist, weil den NMS mehr Mittel zur Verfügung stehen. Hätten die anderen Schultypen diese Mittel, würden sie auch besser abschneiden.
Mehr Geld bedeutet nicht automatisch höhere Qualität. Die zusätzlichen Mittel der NMS werden gezielt für flexible innere Differenzierung zur Verfügung gestellt. An den Standorten erfolgt intensive Entwicklungsarbeit zur Verbesserung der Unterrichtsqualität und der individuellen Förderung. Die pädagogischen Hochschulen begleiten und beraten dabei die Schulen. Hier entsteht so etwas wie eine neue Lernkultur.
Für die Finanzierung solcher Modelle müssen auch Synergien genutzt werden. Wenn es uns beispielsweise gelingt, mittels Kurs- oder Modulsystem das Wiederholen besonders in der Oberstufe zu vermeiden, ersparen wir uns viel Geld, das sinnvoll investiert werden kann.
Wie viel von der sozialen Vererbung oder Bildungsvererbung kann so ein System wettmachen?
In den OECD-Ländern ist das Phänomen, dass die Eltern ihr Bildungsniveau den Kindern gleichsam vererben, unterschiedlich ausgeprägt. In gewisser Weise ist es überall feststellbar, in Österreich allerdings überproportional ausgeprägt. Man wird das nie ganz beseitigen können, aber mit weniger Selektion, stärkerer Individualisierung und einer Bildungswegentscheidung nicht vor dem 14. Lebensjahr sind eindeutig positive Effekte verbunden.
Nicht alle freuen sich auf die Schule der Zukunft. Viele Lehrerinnen und Lehrer sind skeptisch.
Es geht darum, die Schule so aufzustellen, dass sie wirklich optimal funktionieren kann. Und da gehört sicher dazu, dass man eine Zeit bei den Kindern ist, aber dass man über diese Zeit hinaus auch noch ein gewisses Zeitkontingent an der Schule zur Verfügung stellen muss, zum Beispiel für Teamplanung, für pädagogische Fragen im Lehrer/innenkollegium, für schulinterne Lehrer/innenfortbildung, die es ja jetzt auch schon gibt.
Die Schule wird ein Ganztagsbetrieb?
Gleichzeitig muss man auf die Arbeitsplatzsituation der Lehrerinnen und Lehrer schauen. Da ist es ja schon gelungen, dass wir im Bundesschulbereich bei Neubauten die Fläche, die pro Lehrer/in berechnet wird, mittlerweile verdoppelt haben, von eineinhalb auf drei Quadratmeter.
Wie sehen Sie Ihre Position im Ministerium? Haben Sie den Eindruck, dass Sie wirklich viel gestalten können, oder geht es eher um die Vermittlung zwischen Streitpunkten, um Kompromisse?
Für mich persönlich ist der wesentliche Punkt, dass wir an der Spitze des Ressorts mit Claudia Schmied eine Ministerin mit einem großen Gestaltungswillen haben, die sich dieser Aufgabe zu 100 Prozent widmet. Hier tut sich viel, hier wird viel bewegt. Wir konnten die ganztägigen Schulformen essenziell weiterentwickeln. Wahrscheinlich gelingt bald ein gewaltiger nächster Schritt in Richtung Ausbau der Neuen Mittelschule. In den Oberstufen bewegen wir uns vorsichtig, schrittweise, aber trotzdem konsequent in Richtung Kurssystem mit Vermeidung des Wiederholens ganzer Schuljahre. Die Bildungsstandards werden im gesamten Schulsystem umgesetzt. Eng damit verbunden ist die neue Reifeprüfung. Wir setzen Qualitätsmanagement und Individualisierung in allen Schulen um. Unsere Reformen gehen also wirklich in die Breite. Es ist eine Arbeit, in der man im Team gestaltet, in einem wunderbaren Netzwerk, in dem viel weitergeht. Das alles erlebe ich als sehr positiv.




