KONRAD ZIMMERMANN:
„Unheimlich flinke Daumen“
Die Lesekompetenz der Schulkinder lässt nach, berichten Pädagoginnen und Pädagogen. Konrad Zimmermann, Geschäftsführer von Österreichs größter Nachhilfeorganisation „Lernquadrat“, sieht dafür neue Kompetenzen.
Herr Zimmermann, niemand kann bestreiten, dass Kinder richtig viel lesen. Aber wie lesen sie: am PC, im Internet, SMS-Nachrichten. Andererseits hört man von Lehrern Klagen über die mangelnde Lesefähigkeit der Schulkinder. Ein Widerspruch?
Konrad Zimmermann: Zuerst einmal: Die Kinder werden immer blöder, oder? Das ist doch schon seit Plato so ...
... wird aber von jeder Elterngeneration mit der gleichen Ernsthaftigkeit aufs Neue behauptet. Vielleicht sind wir ja jetzt an dem Punkt angelangt, wo es wirklich bergab geht?
Gehen wir mal zu dem Punkt zurück, wo Literacy entstanden ist. Zuerst wurde Wissen nur mündlich weitergegeben, das war noch bei den griechischen Philosophen so. Die haben gegen das Schreibenlernen gewettert, weil klar war, dass dann das Interesse am Geschichtenerzählen abnehmen würde. Natürlich hat es abgenommen, aber was wir gewonnen haben, war unglaublich: die Schriftsprache ...
... der Ausgangspunkt für Literacy.
Genau. Der zweite Schub für Literacy in unserem Kulturkreis kam von Maria Theresia mit der Einführung der Schulpflicht. War sie eine seherische Politikerin? Nein, sie wollte, dass sie Menschen schneller gehorchen lernen, und das geht einfacher, wenn sie Schriftstücke lesen können. Das Abrichten zum Gehorsam ist tendenziell ja bis heute noch in manchen Schulen vorhanden.
Dennoch war das allgemeine Lesenlernen ein massiver Fortschritt für die Bevölkerung.
Es wurde aber auch massiv angefeindet: Wer lesen kann, der kann auch böse, zersetzende, aufrührerische Schriften lesen. Und so kam es ja auch: Joseph II. hat dann das Problem „geerntet“. Von da an haben immer mehr Menschen mitgeredet und mitgeschrieben ... die Verbreitung von Information hatte begonnen. Und den dritten Schub würde ich in den neuen Medien sehen.
Worin liegt der Schub bei Internet und SMS?
SMS-Deutsch ist eine eigene Sprache, eine Sprache in der Sprache. E-Mail ist eine eigene Ausdrucksform, die sich durchaus auch vom Schriftdeutsch wegbewegt, und nicht nur im Verzicht auf die Großschreibung. Man muss daher sagen: Kinder haben immer mehr mit Schriftsprache zu tun, und das auf immer vielfältigere Weise. Ich kann darin keinen Rückschritt entdecken, die allgemeine Literacy-Kompetenz der Bevölkerung ist nach wie vor steigend.
Es wird kritisiert, dass Kinder immer weniger lesen und rechtschreiben können.
Und wie sie lesen – wenn auch nicht immer das, was Lehrer und Eltern erwarten. Auch kein neues Problem. Aber ich wehre mich dagegen, dass wir Kinder fertigmachen, weil sie nicht ordentlich rechtschreiben können. Bitte zeigen sie mir irgendeinen Erwachsenen, der wirklich korrekt rechtschreiben kann. Wir verlangen von Kindern etwas, das die sogenannten Qualitätszeitungen in Österreich nicht zusammenbringen.
Die Rechtschreibung einfach abschaffen?
Nein, ersetzen durch ein liberaleres Drüberlesen! Wo ist das Problem, solange man den Inhalt versteht? Was ein Aufsatz dringender braucht als Rechtschreibung, das ist der rote Faden. Wir haben die Sprache, um etwas auszudrücken, und nicht, um grammatikalisch richtig zu schreiben.
Die Kinder werden also immer besser in Deutsch?
Wir haben heute Kinder, die ausschließlich die SMS-Grammatik beherrschen. Es ist dramatisch, wie sich Lese- und Schreibverhalten gewandelt haben. Es besteht das Problem, das ein großer Prozentsatz unserer Schulabgänger nicht gut Deutsch lesen und schreiben kann. Dafür haben sie unheimlich flinke Daumen vom SMSen und sind ihren Opas feinmotorisch um Welten voraus. Und sie können noch etwas: Sie können das Wesentliche in wenigen Worten sagen. Sie können gut Überschriften machen oder einen Vierzeiler für einen Online-Artikel.
Und doch können sie ihrer Meinung nach nicht mehr so gut Deutsch wie früher.
Ich glaube weder, dass die Kinder dümmer oder fauler geworden sind, noch dass die Lehrer früher kompetenter waren. In meiner Kindheit haben 5 Prozent der Bevölkerung die Matura gemacht, heute sind es zehnmal so viel.
Weil das System durchlässiger geworden ist.
Ich bin natürlich der Meinung, dass möglichst viele Menschen höhere Bildung haben sollten. Aber die Durchlässigkeit, die wir zum Glück heute haben, hat auch bewirkt, dass nicht mehr nur die Besten – oder viele der Besten – zur Matura kommen. Ich finde das auch gut so. Das Maturaniveau mag etwas gesunken sein, dafür gibt es viel mehr Maturanten. Das geht in Ordnung, aber es erklärt eben auch, warum die Lesekompetenz nachgelassen hat.
Wo muss man ansetzen, um etwas zu ändern?
Im Kleinkindalter! Mit Kindern von ein bis sechs Jahren Bilderbücher anschauen und besprechen! Das ist ganz einfach, aber offenbar haben immer weniger Menschen Zeit dafür. Da die Arbeitszeit in den letzten Jahrzehnten insgesamt gesunken ist, bleibt dafür nur eine Begründung: Es sind die vielen Fernsehkanäle und die vielen anderen Freizeitverlockungen für Eltern und Kinder. Wir arbeiten zwar weniger, aber wir haben trotzdem nicht mehr Zeit. Vor allem nicht für Bildung und Reflexion.


