Hurra, wir lesen noch – aber anders!

Von Michael Achleitner

Die gute Nachricht: Das Internet ist nicht die Ursache für die Leseschwäche oder Lesefaulheit der ÖsterreicherInnen. Im Gegenteil, ist das Internet doch vor allem eines: ein Lesemedium. Aber: Die digitalen Medien verändern unsere Lesegewohnheiten. Und somit könnte das Internet doch wieder zum Buhmann werden.

Sonntagzeitung am iPad

Immer wieder hört man neue Schreckensmeldungen, was das Lesen angeht. Ein Viertel aller Jugendlichen und Erwachsenen liest gar nichts, ein Viertel der Gesamtbevölkerung findet, dass Lesen sie zu sehr anstrenge. Mindestens 300.000 Erwachsene zählen in Österreich zu den funktionellen Analphabeten, also zu den Menschen, die in der Schule zwar Lesen und Schreiben gelernt haben, aber im Alltag damit große Schwierigkeiten haben. Der Hauptschuldige war rasch ausgemacht: das Internet. Die Kids sitzen nur mehr vor dem Computer, niemand nimmt mehr ein Buch zur Hand.

Internet, das Lesemedium

Bei Jugendlichen, deren nachlassende Begeisterung für Bücher so lebhaft beklagt wird, hat das Internet alle übrigen Freizeitbeschäftigungen auf die hinteren Plätze verdrängt. Aber was, glauben die LesepessimistInnen, machen die Jugendlichen im Internet? Sicherlich hören sie jede Menge Musik und schauen Videos auf YouTube; aber vor allem anderen wird im Internet eines getan: gelesen!
Das Internet ist ein Lesemedium. Gerade der interaktive Charakter des Netzes (Stichwort Web 2.0) fordert und trainiert die Lektüre und den schriftlichen Ausdruck. Der rasante Aufstieg von Social Websites wie Twitter oder Facebook (siehe auch Kasten rechts) ist ohne ausdauernde Texttätigkeit gar nicht denkbar. Wahrscheinlich, aber hier fehlen die Zahlen, ist noch niemals so viel gelesen und geschrieben worden wie heute im Internet.

Veränderte Lesegewohnheiten

Aber: Das Internet verändert auch unser aller Lesegewohnheiten. Alle neueren Studien kommen zum selben Ergebnis: LeserInnen sind ungeduldiger, hektischer und zerstreuter geworden, und unser Lesen ist weniger erlebnis- als ergebnisorientiert.
In letzter Zeit ertappe ich mich selbst häufig dabei, dass ich beim Zeitunglesen neben Überschrift und Lead maximal noch den Schluss des Artikels lese. Bei Büchern werde ich ebenfalls immer ungeduldiger und fange schon nach wenigen Seiten an das Buch „querzulesen“, also mir möglichst rasch nur einen Überblick über das Buch zu verschaffen. Dafür lese ich mehrere Bücher parallel. Ebenso auf meinem iPad, auf dem ich mich vorwiegend durch Magazine und Zeitschriften scrolle. Wie viel ich im Internet lese, kann ich gar nicht mehr sagen. Und auch nicht, ob man das, was ich da tue, überhaupt noch als „Lesen“ bezeichnen kann.

Verstehe ich, was ich lese?

Die Frage, die man sich also in diesem Zusammenhang stellen sollte, ist die, ob es für das Textverständnis wirklich egal ist, wie ein Text gelesen wird. Ist jemand, der vor allem Informationsbrocken abspeichert, noch imstande, längere Gedankengänge zu verfolgen?
Es gibt Anzeichen, die darauf hindeuten, dass das nicht immer der Fall ist. Horst Wenzel, Professor für Altgermanistik, beobachtet, dass immer mehr seiner StudentInnen, immerhin angehende Literaturwissenschaftler, vor Texten von Thomas Mann und Heinrich von Kleist kapitulieren. „Die komplexe Syntax dieser Autoren, die langen Sätze mit ihren vielen Einschüben und Nebensätzen – das überfordert viele jüngere LeserInnen. Denn deren Sprache ist vor allem durch das Internet geprägt, durch E-Mail und Chatkultur”, so der Professor.

Systematisch ist dieser Fragestellung bisher allerdings noch keine neuere Lesestudie nachgegangen. Das Internet ist das große schwarze Loch in der zeitgenössischen Leseforschung. Bis erste Ergebnisse vorliegen, kann man deshalb nur festhalten: Wir lesen noch, wir lesen vielleicht sogar mehr als früher. Aber wir lesen anders.

 

Veranstaltungen
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Unterrichtsmaterialien
Kopiervorlagen, Orientierungsaufgaben u.v.m.: Hier finden Sie Materialien zur Leseerziehung im Unterricht.

BUCHTIPP

Buchcover: Der Facebook-Effekt

David Kirkpatrick
Der Facebook-Effekt
Hinter den Kulissen des Internet-Giganten

406 Seiten
Hanser 2011
ISBN: 3-446-42522-5
Preis: € 25,60

Leseprobe

Facebook verändert die Kommunikation: „Es verändert die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren und umgehen, wie durch Werbung Produkte verkauft werden, wie Regierungen ihre Bürger ansprechen und sogar, wie Unternehmen geführt werden.”

Der „Facebook-Effekt” zeigt, wie ein 19-jähriger Harvard-Student ein Unternehmen aufbauen konnte, das heute die am zweithäufigsten besuchte Website nach Google ist, wie Facebook unser Leben verändert und in welche Richtung sich der Internet-Gigant in Zukunft entwickeln wird.