„Wenn Lesen und Schreiben zum Albtraum wird“

Lesen in Tirol hat ein umfangreiches Interview mit der Expertin Dr. Brigitte Thöny von der Schulpsychologischen Beratungsstelle Innsbruck-Land West geführt.

Mädchen lehnt schlechtgelaunt auf einem Bücherstapel

Was ist gemeint, wenn von einer Lese-Rechtschreib-Schwäche die Rede ist?
Brigitte Thöny: Von einer Lese-Rechtschreib-Schwäche spricht man, wenn ein Kind mit dem Lesen, Schreiben oder mit beidem Schwierigkeiten hat, wobei noch nichts über die Ursachen ausgesagt wird. Es ist damit auch nicht gesagt, dass beim Lesen oder Schreiben ganz bestimmte Fehler, sondern lediglich, dass sehr viele Fehler auftreten. Laut ICD 10 ist eine Lese-Rechtschreib-Störung dadurch gekennzeichnet, dass die Lese-Rechtschreib-Leistungen eindeutig unterhalb des Niveaus liegen, das aufgrund des Alters, der allgemeinen Intelligenz und der Schulklasse zu erwarten ist. Wenn ein Kind unter einer Lese-Rechtschreib-Schwäche leidet, sagt das also nichts über seine Intelligenz aus – es kann in anderen Fächern sehr gute Leistungen erbringen.

Wie wird eine Lese-Rechtschreib-Schwäche festgestellt?
Wir in der Schulpsychologie führen zunächst einen Begabungstest durch, um die intellektuellen Fähigkeiten eines Kindes zu erfassen. Dann folgen ein Rechtschreibtest und ein Lesetest, die beide normiert sind, wobei es wichtig ist zu beachten, ob das Kind ein Verständnis für die „Laut-Buchstaben-Zuordnung“ und umgekehrt hat. Kann es alle Laute heraushören, die in einem Wort enthalten sind, und kann es diesen die richtigen Buchstaben zuordnen? Außerdem gilt es festzustellen, ob das Kind eine Wortspeicherung (Anm.: beim Schreiben) und auch eine direkte Worterkennung (Anm.: beim Lesen) hat. Im Deutschen muss die Schriftsprache auf zwei Wegen erlernt werden, weil ungefähr die Hälfte aller Wörter im deutschen Sprachschatz orthografisch schwierige Wörter sind, während bei der anderen Hälfte von lauttreuen Wörtern gesprochen werden kann.
Kindergartenkinder können häufig bestimmte Wörter „lesen“ – ohne wirklich lesen zu können, weil sie in der Lage sind, das Wortbild zu erkennen, wie z. B. „Bauhaus“ oder „Cola“. Danach lernen Sie, dass Wörter aus Lauten bestehen, und lernen, diesen Lauten die Buchstaben zuzuordnen. Wenn sie beginnen, die Wörter richtig zu lesen, können sie diese auch einspeichern und auf einen Blick erkennen. Sie müssen z. B. das Wort „Mama“ jetzt nicht mehr mühevoll zusammenlauten, also Laut für Laut zusammensetzen, sondern erkennen es auf einen Blick.

Theorien zur Lese-Rechtschreib-Schwäche hängen also sehr eng mit Theorien des Lesenlernens zusammen?
Das ist richtig. Der Aufbau des Schriftsprach-Erwerbs entspricht ziemlich genau dem, wie auch die Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben auftreten können. Es gibt sehr viele Theorien, die die Ursachen dieser Schwierigkeiten zu erklären versuchen. Früher wurde z. B. die Meinung vertreten, dass es sich bei einer Lese-Rechtschreib-Schwäche um eine Wahrnehmungsschwäche im Raumorientierungsbereich oder in der visuellen Differenzierung handle. Mittlerweile wissen wir, dass das Erlernen von Lesen und Schreiben durch viele Faktoren erschwert werden kann, dass die ausschlaggebende Ursache für eine Lese-Rechtschreib-Schwäche aber in einem phonologischen Defizit (Schwierigkeiten bei der Verarbeitung der Lautstruktur) besteht.
Das Phänomen der Lese-Rechtschreib-Schwäche hängt daher ganz stark von der Sprache ab. Das Chinesische mit seiner Bilderschrift kennt z. B. keine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Bei den Finnen gibt es viel weniger Legasthenie als bei uns, weil die Orthografie des Finnischen ganz lauttreu ist. Andererseits ist Legasthenie im englischen Sprachraum weiter verbreitet als beispielsweise bei den Italienern oder bei uns, weil es hier keine direkte „Laut-Buchstabe-Zuordnung“ gibt.

Wie muss man sich bei einem Kind das Lesen mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche nun konkret vorstellen?
Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche haben meist schon Probleme beim Zusammenlauten eines Wortes. Sie müssen die Wörter langsam und mühevoll erlesen und erfassen deshalb meist nicht, was sie eigentlich gelesen haben. Ein Kind, das z. B. das Wort „Mädchen“ falsch betont und das „ä“ zu lange dehnt, weiß oft gar nicht, dass es „Mädchen“ gelesen hat. Es kann daher passieren, dass ein Wort jedes Mal mühevoll wieder neu erlesen werden muss, auch wenn es im gleichen Text bereits fünfmal vorgekommen ist. Das Kind hat in diesem Fall den Inhalt des gelesenen Wortes einfach nicht verstanden.
Sehr häufig fällt eine Leseschwäche erst richtig auf, wenn die Kinder Textaufgaben zum Rechnen bekommen. Während sie das Lesen für den Leseunterricht zumeist fleißig mit ihrer Mutter üben und sich dabei die Texte merken, müssen bei Textaufgaben zum Rechnen die Inhalte plötzlich verstanden werden. Oft wird zu diesem Zeitpunkt erst richtig offensichtlich, dass beim Kind das Leseverständnis kaum vorhanden ist.

Ab welchem Alter kann eine Lese-Rechtschreib-Schwäche bemerkt werden?
Eine Lese-Rechtschreib-Schwäche lässt sich ab der 2. Klasse, Anfang 3. Klasse deutlich erkennen. An und für sich kann aber bereits bei Kindern im Vorschulalter festgestellt werden, ob eine Veranlagung für eine Lese-Rechtschreib-Schwäche besteht. Bei diesen Kindern können bereits in diesem Alter Schwierigkeiten im phonologischen Bereich auffallen, sie können dann z. B. Probleme beim Reimen oder beim Silbenklatschen haben, können also nicht auf die Wortstruktur, sondern nur auf den Sinn bzw. Inhalt eines Wortes achten.

Ist es sinnvoll, bereits in diesem Alter mit Förderungen zu beginnen?
Es empfiehlt sich, möglichst früh mit Übungen zu beginnen, was wir in unseren Kindergärten auch umsetzen. Das heißt, dass die KindergartenpädagogInnen mit ihren Kindern bestimmte Spiele spielen, die bereits eine phonologische Frühförderung sind. Unter Umständen entwickelt sich dann bei den Kindern gar nie eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Das tägliche Üben über zehn Minuten wird heute in vielen deutschen Bundesländern zum Teil bereits flächendeckend in Kindergärten durchgeführt, weil sich diese Form der Frühförderung als überaus erfolgreich erwiesen hat.

 
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ZUR PERSON

Porträt Dr. Brigitte Thöny

Dr. Brigitte Thöny 
gilt als Expertin in allen Fragen auf dem Gebiet der Lese- Rechtschreibung in Tirol.

WAS IST ICD-10?

Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) ist eine von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebene internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. Die aktuelle Ausgabe der ICD wird als ICD-10 bezeichnet. Ziel der ICD ist es, die weltweite Erforschung von Morbidität und Mortalität mit einer international einheitlichen Systematik zu ermöglichen. (Quelle: Wikipedia)

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Margos Spuren

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Preis: € 17,40

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