PHILOSOPHISCHES JUGENDBUCH
Warum bin ich hier?
Vermag es ein Kinderbuch, die großen philosophischen Fragen der Menschheit zu beantworten? Oscar Brenifier legt mit dem Bildband „Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?“ einen gelungenen Versuch vor.

Der französische Philosoph Brenifier beschäftigt sich seit langer Zeit mit den Möglichkeiten, bei Kindern und Jugendlichen Interesse für die philosophischen Fragen des Alltags zu wecken. Fragen wie „Was ist Glück?” „Wer bin ich?” oder „Warum bin ich hier?” sind existenziell für Kinder, aber ziemlich schwer zu beantworten. Auch Erwachsene stoßen schnell an ihre Grenzen, nicht selten, weil sie sich selbst nicht diesen Fragen stellen oder noch keine ausreichenden Antworten gefunden haben.
Der Autor hat bei seinem neuen Werk auf eine strenge äußere Struktur zurückgegriffen, wohl um den eher abstrakten Gedanken zumindest eine konkrete, transparente Form zu geben. Die Themengebiete sind als Antonyme (Wörter mit gegensätzlicher Bedeutung) gegenübergestellt: Endlich und Unendlich, Vernunft und Leidenschaft, das Ich und der Andere, Aktiv und Passiv, Ursache und Wirkung oder Sein und Schein.
Ist warten aktiv oder passiv?
In drei Schritten wird den philosophischen Fragen nachgegangen. In einem ersten Manöver wird das Gegensatzpaar – in Wort und Bild – gegenübergestellt. Aktiv wird das Boot über den See gerudert, passiv lässt es sich von den Wellen tragen, denn „alles was aktiv ist, ist der Auslöser für etwas, wirkt auf Dinge ein und verändert sie“. Hingegen ist „alles, was passiv ist, durch etwas bestimmt, das außerhalb von ihm ist.“ In einem weiteren Schachzug wirf Brenifier eine Frage auf, die aus dem alltäglichen Leben entsteht: „Ist warten aktiv oder passiv?“ Das, was das Warten oft zu sein scheint, nämlich passiv, kann auch ein aktiver Vorgang sein, wie der Autor in seiner Ausführung erklärt: „Genauso halten wir die Mauer, die das Dach des Hauses trägt, für passiv – bis zu dem Tag, an dem sie einstürzt. Dann begreifen wir, dass sie bis dahin sehr wirkungsvoll gehandelt hat.“ So kann alles passiv und aktiv zugleich sein.
Unterstützende Illustrationen
Den Erklärungen liegen großflächige Bilder zugrunde, die ihre eigenen Denkanstöße vermitteln. Computeranimierte Figuren illustrieren in klaren Farben und Formen das Gesagte, sie staunen mit großen Augen über die Welt der Philosophie und werfen mit ihren Handlungen andere Fragen auf oder liefern neue Denkanstöße.
Zum Nachdenken animieren
Brenifiers philosophische Ausführungen sind keineswegs allgemeingültige Antworten auf die Fragen des Lebens, die gemeinhin immer etwas Persönliches in sich tragen. Es ist ihm gelungen, anregende Gedanken zu formulieren, die eigene Interpretationsansätze zulassen, die einen manchmal kurz ratlos zurücklassen, aber gleichzeitig immer Raum schaffen für eigene Denkanstöße. Brenifier schenkt dem Leser/der Leserin keine Antworten, sondern animiert zum Reflektieren und Nachdenken. Auch wenn manche Erklärungen für ein junges Publikum etwas kompliziert klingen, so ist das nach meinem Empfinden ein positiver Aspekt. Eine Vereinfachung der Aussagen würde den Themen nicht gerecht werden. Ein Buch, das sich den jungen Leserinnen und Lesern vielleicht nicht ad hoc vollständig erschließt, welches aber Neugier weckt, bleibt einem reflektierenden Publikum in jedem Fall in Erinnerung.


