E-Books auf dem Vormarsch:
Bibliothek to go
Von Paul Hafner
Das E-Book schickt sich an, in die Bibliotheken Einzug zu halten. Wie es die Bibliotheken verändern wird und ob es gar das gedruckte Buch verdrängt? Fest steht: Die Bibliotheken bleiben von der digitalen Revolution nicht verschont.

Das 21. Jahrhundert hat viele technische Neuheiten hervorgebracht, die binnen kürzester Zeit zum Standardrepertoire des modernen Menschen avanciert sind. Der Siegeszug des MP3-Players ist längst vollzogen, Tablet PCs drohen Laptops den Rang abzulaufen und erfahren ihrerseits wiederum Konkurrenz durch Ultrabooks. Das allgegenwärtige Smartphone konnte seinen Marktanteil im deutschsprachigen Raum seit seinem Aufkommen 2007 auf über 30 Prozent steigern.
Eine Entwicklung, der hierzulande eher wenig Beachtung geschenkt wird, ist das Aufkommen des digitalen Buchs. Während etwa amazon.com im vergangenen Jahr vermeldete, erstmals mehr E-Books als gedruckte Bücher zu verkaufen, fristet das digitale Buch in Österreich (noch) ein Schattendasein. Eine der Ursachen dafür wird im Unverständnis für den als zu gering empfundenen Preisunterschied gesehen: Die Hardcover-Variante eines Buches ist nur um zehn bis 20 Prozent teurer als ihr digitales Pendant.
Siegeszug über die Bibliotheken
Dass das E-Book von den Österreicherinnen und Österreichern nicht grundsätzlich abgelehnt wird, zeigt sich am Beispiel der österreichischen Büchereien. Die Virtuelle Bücherei Wien bietet seit September 2010 die Möglichkeit, elektronische Medien bequem via Internet auszuleihen – mittlerweile ist das Sortiment auf über 6.600 Bücher angewachsen und erfreut sich stetig wachsender Beliebtheit. 14 Monate nach ihrer Einführung konnten bereits 100.000 Ausleihen verzeichnet werden, die Tendenz ist stark steigend. Man kann aber nicht nur E-Books ausleihen, auch Zeitungen, Musik und Videos stehen zur Verfügung. Einen Haken gibt es allerdings: Ist man kein Windows-User, kann man die Dateien aufgrund des nicht kompatiblen Dateiformats nicht verwenden und ist (derzeit) von der Nutzung des Angebots ausgeschlossen. Dass die Modernisierungsoffensive der Bibliotheken Wiens auf Zustimmung stößt, zeigt sich auch daran, dass 2011 fast zehn Prozent mehr Neuanmeldungen als im Jahr davor verbucht werden konnten.
Und es gibt weitere Indizien, die den Trend Richtung digitales Buch untermauern: Bereits im Juni 2010 hat die Österreichische Nationalbibliothek verlautbart, ihren gesamten historischen Buchbestand vom 16. bis ins 19. Jahrhundert digitalisieren und uneingeschränkt verfügbar machen zu wollen.
Social Media Marketing
Verbunden mit der Berücksichtigung des E-Books ist auch eine sichtbare allgemeine Modernisierung der Bibliotheken (siehe auch Artikel Die neue, junge Bibliothek). Ein gutes Beispiel hierfür liefert die New York Public Library (NYPL), die mit mehr als 200.000 Fans und Followern auf Social-Media-Plattformen präsent ist. Indem die NYPL ihre Besucher mittels sozialer Netzwerke über Neues informiert und interessante Artikel zur Verfügung stellt, demonstriert sie ein modernes Auftreten und bietet ständig neue Anreize, die Bibliothek zu besuchen. Ein Novum sind auch die Mobile Apps, mit denen man von jedem Smartphone aus bequem Kataloge der New Yorker Bibliotheken durchstöbern und Bücher vorbestellen kann.
Was Social Media Marketing betrifft, gehen die Büchereien Wien zwar ebenfalls mit der Zeit und agieren auf Facebook & Co, können mit ihrem Angebot aber derzeit nur eine geringe Zahl an Interessenten erreichen. Ein sehr wenig genutztes, weil leider kaum beworbenes Angebot ist der YouTube-Kanal (siehe Infokasten rechts), auf dem man Leseproben und Lesungen anhören kann.
Zukunftsperspektive
Während Bücher in englischer Sprache mittlerweile fast ausschließlich auch in digitaler Form erscheinen, so beschränkt sich die Zahl der deutschsprachigen digitalen Bücher größtenteils auf Bestseller und Klassiker. Wenngleich sich die Publizistikwissenschaft uneinig ist, ob das Ende des gedruckten Mediums absehbar ist, lässt sich auf jeden Fall prophezeien, dass das digitale Buch in den nächsten Jahren trotz seiner Anlaufschwierigkeiten zunehmend an Bedeutung gewinnen wird. Dafür spricht zum Beispiel, dass Amazons Kindle – der populärste E-Book-Reader der Welt – seit April 2011 auch in Österreich erhältlich ist und man nun auch weitere Modelle wie den Kindle Touch auf den Markt bringt. Es wird davon ausgegangen, dass bessere Verkaufszahlen im deutschen Raum dazu führen werden, dass mehr Bücher in die deutsche Sprache übersetzt werden und damit das Interesse am digitalen Markt allmählich gesteigert wird.
Es scheint nur mehr eine Frage der Zeit, bis das digitale Buch akzeptiert wird und deutschsprachige Literatur standardmäßig auch in digitaler Form erscheinen wird. Die Bibliotheken scheinen zunehmend darauf vorbereitet zu sein.


