Lesen fängt vor der Schule an

Interview: Thomas Aistleitner

Mit „Family Literacy“ wollen BMUKK und Buchklub das Lesen in die Familie bringen. Welche Erkenntnisse haben die ersten Monate des Projekts gebracht? Maria Dippelreiter im Interview.

Literacy in der Familie: Wenn die Schwester mit dem Bruder „Conni ABC“ auf dem iPod Touch spielt
Literacy in der Familie: Wenn die Schwester mit dem Bruder „Conni ABC“ auf dem iPod Touch spielt

Im Herbst hat das BMUKK mit dem Buchklub eine Initiative für Family Literacy gestartet. Wie geht es diesem Projekt, wie lange wird es uns begleiten?
Maria Dippelreiter: Es ist ein Thema für mehrere Jahre, weil es so viele Facetten hat. Es braucht seine Zeit, alle Aspekte darzustellen und bekannt zu machen.

War Family Literacy bisher kein Thema in Österreich?
Es gab eine Reihe von Initiativen, die zu Family Literacy gehören, ohne dass sie unter diesem Begriff dargestellt wurden.

Was bedeutet Family Literacy für Sie und für das laufende Projekt?
Es ist sehr wichtig, den Begriff sauber zu definieren. Family Literacy ist alles an sprachbezogenen Aktivitäten und literalen Traditionen innerhalb einer Familie und beschreibt auch die Zusammenarbeit zwischen Familie und Schule. Es zeigt einfach einen neuen Blickpunkt.

Es ist also weit mehr als das Lesen in der Familie?
Wenn wir Family-Literacy-Projekte betrachten und dabei weit über den Tellerrand blicken, dann sehen wir zum Beispiel, wie sich gerade in Südafrika so eine Tradition aufbaut. Es geht dort darum, dass die Einstellung erzeugt wird, dass Lesen können und Lesen wollen etwas Wichtiges und Wertvolles ist. Da wird die Freude am Lesen in die Familie eingebettet. Solche Fragestellungen haben wir auch in Österreich, etwa bei Kindern mit Migrationshintergrund. Da fragen sich die Eltern: Wie soll ich mit meinem Kind lesen, wenn ich selbst die Sprache nicht beherrsche?

Hinter den Beispielen, die Sie nennen, steckt ein wichtiges übergeordnetes Problem. Bildung und auch fehlende Bildung werden oft von Eltern auf die Kinder weitervererbt. Kinder aus bildungsaffinen Familien haben einen Startvorteil und behalten diesen oft lebenslang. Ist es ein Anliegen von Family Literacy, diese Ungleichheit zu verringern?
Das ist ein Anliegen. Gerade dieser Startvorteil manifestiert sich ja bereits in der Zeit vor der Schule. Es geht um die Vorbildwirkung zu Hause. Es geht darum, dass Vorlesen kein Instrument zum Lesenlernen ist, sondern dass Zuhören und Konzentration den Wunsch zum Selberlesen auslösen können. Lesen fängt vor der Schule an.

Wie kann man Familien in der Vorschulzeit oder sogar in der Zeit vor dem Kindergarten beeinflussen?
Wir wollen zeigen, wie leicht es ist und wie wenig es an Grundwissen der Eltern braucht. Es geht um eine Einstellung, um die Wertschätzung des Lesens. Es gibt auch Partner: Familie mit Schule, Familie mit Bibliotheken, Familie mit Kindergarten, Gleichaltrige mit Familie. Bei der Literacy-Tagung hat uns Buchklub-Geschäftsführer Gerhard Falschlehner mit einer Auswahl internationaler Beispiele gezeigt, welche Bandbreite es gibt.

Wie findet man den Zugang zu bildungsfernen Eltern?
Ein wichtiges Kriterium für gut konzipierte Projekte ist die Niederschwelligkeit. Eltern müssen nicht unbedingt eine Bibliothek aufsuchen, die Bibliothek kann auch die Eltern aufsuchen. Mein internationales Lieblingsprojekt ist die Eselbibliothek in Peru, wo die Bücherpakete per Esel von Dort zu Dorf wandern. Mein Lieblingsprojekt in Österreich ist „Das mobile Buch von Monika Himsl in Tirol. Da wird Leseförderung für türkischsprachige Familien gemacht, hunderte Hausbesuche inklusive.

Der regionale Zugang ist also ein wichtiger Faktor?
Man muss einen Weg finden, um an die Menschen heranzukommen. In Tirol hängt viel an der Person von Monika Himsl, die in Eigeninitiative einen erfolgreichen Zugang gefunden und viel Arbeit investiert hat. Ein anderer interessanter Zugang ist das ROKO-Projekt des Österreichischen Jugendrotkreuzes. Hier geht es zwar um Gesundheitserziehung, aber ROKO ist der Lesestoff, und die Eltern werden bereits auf der Kindergartenebene einbezogen.


Zu Teil 2 des Interviews: Maria Dippelreiter über das „Buch zur Geburt“, die Förderung von kleinen Projekten und die neuen Aktivitäten zur Family Literacy.

 

ZUR PERSON

Porträt Maria Dippelreiter

MR Mag. Maria Dippelreiter leitet seit 2010 die um neue Aufgaben erweiterte Abteilung I/1 „Elementarpädagogik, Literacy, Grundschule, Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik und Bildungsanstalten für Sozialpädagogik“ im Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur. Sie ist seit 1993 im BMUKK tätig, ihre berufliche Laufbahn begann sie als Kindergarten- und Sozialpädagogin.