„Klassenlesestoff ist ein überholtes Konzept“

Interview: Thomas Aistleitner

In wie vielen Klassen wird noch ein ganzes Buch gemeinsam gelesen? Mit Vorleser-Wechsel nach jedem Absatz? Muss das sein, oder ist das nur eine Gewohnheit? Eine gute oder eine schlechte? Antworten von LSI Karl Blüml.

Karl Blüml mit Wörterbüchern

Literacy.at: Herr Dr. Blüml, Sie sind in Wien als LSI für die AHS, insbesondere für das Fach Deutsch, zuständig. Wir wollen wissen: Welchen Stellenwert hat die Klassenlektüre? Nicht ganz ernst gemeinte Zusatzfrage: Aus welchem Jahrhundert sollte sie stammen?
Karl Blüml: So unernst ist das gar nicht. Es gibt genügend Lehrerinnen und Lehrer, die überlegen, ob sie den „Wilhelm Tell“ in der 4. Klasse, im zweiten Semester der 4. Klasse oder erst in der 5. Klasse lesen. Sie überlegen nicht, ob sie einmal etwas anderes lesen könnten. Man merkt das mitunter an den Matura-Leselisten.

Woran liegt das? Ist das eine Frage, wann die Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet wurden?

Es ist keine Altersfrage, sondern die Frage, ob jemand Literaturdidaktik gelernt hat. Dass man das gleiche Buch liest, und zwar jeder für sich zu Hause, und dann in der Klasse darüber redet, ist ein guter Plan. Definitiv überholt ist es, in der Klasse gemeinsam zu lesen, und jeder kommt einmal dran. Ich würde auch kein Drama mit verteilten Rollen in der Klasse lesen. Bühnenstücke sind für die Bühne gemacht, nicht zum Vorlesen.

Man möchte als LehrerIn, dass die ganze Klasse ein bestimmtes Buch gelesen hat. Welche Möglichkeiten bieten sich an?

Erste Frage: Welches Buch? Wählen wir nach Epochen aus, nach literarischen Kriterien – oder nicht auch einmal nach der Situation in der Klasse? Manche Themen lassen sich literarisch leichter thematisieren als im Monolog der Lehrperson. Ein altes, aber effektives Beispiel war immer das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Heute gibt es eine Vielzahl solcher Bücher, die aktuelle Jugendprobleme aufgreifen.

Was spricht gegen das Vorlesen eines Textes?

Ich finde Vorlesen wunderbar, aber besser ist es, wenn die Schülerin/der Schüler eine Textstelle eigener Wahl zu Hause „vor-gelesen“ hat und sie dann in einem Lesekreis präsentieren kann. Diese Methode passt auch für LehrerInnen, die gut vorlesen können. Ich selbst hatte in diesem Zusammenhang sehr schöne Erfolge mit Goethe-Gedichten – in einer Bubenklasse in der Oberstufe.

Warum werden immer noch so viele sehr alte Texte behandelt?

Das frage ich mich auch. Denn im Lehrplan wird seit den 1990er-Jahren kein Werk mehr explizit angeführt. Vorher war das anders. Es gibt also kein Buch, das verpflichtend zu lesen wäre, kein Nestroy, kein Raimund und kein Stifter. Trotzdem tauchen gewisse Texte immer wieder auf.

Ein stillschweigender Kanon ...

... nein, aber ein Kontinuum der Reflexion.

Es gibt jedes Jahr eine vierstellige Zahl neuer Kinder- und Jugendbücher. Warum finden sie nicht den Weg in die Klassen?

Weil die didaktische Ausbildung der Lehrenden fehlt. Die Beschäftigung mit Jugendliteratur während des Germanistikstudiums ist nach meiner Wahrnehmung eher zufallsgesteuert. Es gibt ein kleines Angebot, das teilweise sehr wissenschaftlich ist und eher wenig Unterrichtsimpulse gibt. Was es aber gibt, sind Weiterbildungsseminare, wo ein neueres Angebot besprochen wird. Dazu kommt, dass Jugendbücher bei früheren LehrerInnengenerationen verpönt waren, gewissermaßen als minderwertig angesehen wurden. Jugendbücher galten nicht als Literatur.

Wann wird sich das ändern?

Das hat sich schon geändert. Ich sehe, dass viele junge Kolleginnen und Kollegen großes Interesse an der Jugendliteratur zeigen. Und die Jugendliteratur hat sich ja auch selbst wieder ins Gespräch gebracht: Die „Harry Potter“-Reihe hat unendlich viele Kinder zum Lesen gebracht, ich glaube, das hat es seit Karl May nicht mehr gegeben. Dabei sind diese Bücher gar nicht so einfach zu lesen. Ich weiß das, denn ich habe sie selbst mit großem Vergnügen gelesen.

Wollen Sie uns einen zeitgemäßen Buchtipp für den Einsatz im Unterricht geben?

Für die Oberstufe: einen „Brenner“-Krimi von Wolf Haas.

 
Erstellt von: Harald Gordon am 22.04.2010 13:47 Antwort

Ich kenne die Themen, die hier angesprochen werden, mindestens seit den 80er-Jahren! Traurig, dass wir sie heute noch immer so prominent platzieren müssen - falls wir müssen. Das hieße, dass die Deutsch-Didaktik oder besser der Deutsch-Unterricht nicht von der Stelle kommt. Oder das Spektrum des Ausbildungsniveaus ist dermaßen beliebig. Gilt auch für Lesen. Welchen Begriff haben wir davon? Wie lässt er sich entwickeln, und wer setzt ihn um? Gibt es einen Konsens, der nicht Zentralmatura heißt, Zwischen Wünschen und Verordnen?

Erstellt von: Renate Hauser am 01.02.2010 17:08 Antwort

Es ist den Schülerinnen und Schülern zu wünschen, dass Sie heute in der Schule weniger traditionelle Leselisten-Literatur und mehr zeitgemäße Jugendliteratur kennen lernen. Ziel kann nur sein, dass sie Spaß am Lesen finden!

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Unterrichtsmaterialien
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ZUR PERSON

Porträt Karl Blüml

LSI Dr. Karl Blüml
Schulaufsicht AHS-Bereich Wien, Arbeitsschwerpunkte: Lesen, Schulbibliotheken, Deutsch als Fremdsprache, Ostsprachen; Qualitätssicherung. Mitglied des Rats für deutsche Rechtschreibung.

TIPP VON KARL BLÜML: 1001 BUCH

Buchcover 1001 Buch

1001 BUCH

Auf dem Cover der neuen Ausgabe von 1000 und 1 Buch steigt ein Mann hinab in die Tiefen jener Geschichten, die er gerade noch seinen Kinder erzählt hat. Der Schweizer Künstler Hannes Binder hat die Illustration gemacht – wer wäre besser geeignet, den Umschlag für ein Heft zu machen, das sich mit Höhlen, Verstecken und Tabus in der Kinder- und Jugendliteratur auseinandersetzt, als jener Mann, der auch der „Schwarze Binder“ genannt wird?

Lesen Sie im aktuellen Heft Beiträge über das Unausgesprochene in der Literatur, über Strategien des Erzählens von nur schwer Sagbarem. Spazieren Sie auf literarischen Friedhöfen, steigen Sie hinab in Höhlen und Gruften, in den fantastischen oder musikalischen Underground.

Mehr darüber & das vollständige Inhaltsverzeichnis finden Sie hier.

BUCHTIPP

Buchcover: Das ewige Leben

Wolf Haas
Das ewige Leben


220 Seiten
Piper TB (Januar 2010)
ISBN 3-492-24095-X
Preis: € 9,20

Große Aufregung in der Sigmund-Freud-Nervenklinik in Graz: Einer der Hoffnungslosen, ein Selbstmörder, ist aus dem Koma erwacht. Doch warum weigert sich dieser Simon Brenner, ein Privatdetektiv, so stur, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen? Warum behauptet er steif und fest, die Kripo wollte ihn ermorden? Und das, obwohl die Tage vor dem Kopfschuss restlos aus seinem Gedächtnis gestrichen sind.