„Vorlesen ist ein Stück Gemeinsamkeit“

Interview: Thomas Aistleitner

Maria Dippelreiter über die nächsten Schritte im Projekt Family Literacy und die Bedeutung der vorschulischen Leseförderung. Erstmals zum Download: Elternratgeber zum Lesen im Kleinkindalter.

Literacy in der Familie: Wenn die Schwester mit dem Bruder „Conni ABC“ auf dem iPod Touch spielt

Im Herbst hat das BMUKK mit dem Buchklub eine Initiative für Family Literacy gestartet. Wie geht es diesem Projekt, wie lange wird es uns begleiten? 2. Teil des Interviews.

Gibt es Instrumente, um Eltern zu erreichen, die keine Büchereien frequentieren und vielleicht noch gar keine Schulkinder haben?
Es ist möglich, aber schwierig. Eine Möglichkeit, die auch schon realisiert wurde, ist das Buch zur Geburt. Fast jede Frau geht zur Geburt in ein Krankenhaus, und dort kann man ihr ein Buchpaket überreichen und ihr Informationen geben. Oder man geht auf Familien mit Babys zu. Aber solche Bookstart-Projekte brauchen Zeit, sie müssen sickern. In unserer Projektsammlung finden Sie eines.

Gibt es noch andere Möglichkeiten?
Sehr imponiert haben mir die vielen Kleinprojekte und Einzelinitiativen. Wir müssen Wege finden, auch kleine Projekte so zu unterstützen, dass sie wachsen können. Und wir müssen in der vorschulischen Bildung genauer hinschauen. Natürlich können wir Eltern nicht verpflichten, dass sie ihren Kindern vorlesen, aber man kann ihnen vermitteln, dass Vorlesen ein Stück Gemeinsamkeit in der Familie ist und gleichzeitig die Lesekompetenz erhöht. Es ist auch zu beobachten, dass Kinder, die selbst gar nicht so gerne lesen, durchaus bereit sind, ihren Geschwistern vorzulesen.

Kann auch die Schule ein Schauplatz von Family Literacy sein?
Sie ist dort wichtig, wo sie die Eltern erreicht. Sie ist systemischer Partner und erreicht damit die Lebenswelt der Kinder und der Eltern. Ihr Einfluss endet, wenn Kinder die Schule verlassen, daher steht sie unter dem Druck, bis zu diesem Zeitpunkt möglichst viel zu erreichen. Aus dieser Sicht der Dinge kommt wohl der Spruch: „Bildung ist, was übrig bleibt, wenn wir alle vergessen haben, was wir in der Schule gelernt haben.“ Wenn die Kinder erwachsen werden und immer noch gerne lesen, obwohl sie nicht mehr müssen, dann hat Schule etwas erreicht.

Was sind die nächsten Schritte in der Family Literacy?
Die nächsten Schritte sind erstens die Vernetzung und Verständigung zwischen den einzelnen Projekten, damit sich Unternehmen, Institutionen und Personen ein gemeinsames Dach bilden können. Das ist eine wichtige strukturelle Voraussetzung. Zweitens geht es um eine Bestandsaufnahme, um Projekte kategorisieren zu können und Kriterien zur Beurteilung von Projekten zu erarbeiten. Drittens wird sich die Family-Literacy-Bewegung mit der Bibliothekspädagogik vernetzen. Bibliotheken können Lern- und Begegnungszentren sein. Schließlich setzen wir Akzente in der Fortbildung für alle Schularten und Schulstufen, damit Family Literacy dort als Thema präsent ist – wiederum mit Schwerpunkt Elternarbeit.

 

ZUR PERSON

Porträt Maria Dippelreiter

MR Mag. Maria Dippelreiter leitet seit 2010 die um neue Aufgaben erweiterte Abteilung I/1 „Elementarpädagogik, Literacy, Grundschule, Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik und Bildungsanstalten für Sozialpädagogik“ im Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur. Sie ist seit 1993 im BMUKK tätig, ihre berufliche Laufbahn begann sie als Kindergarten- und Sozialpädagogin.