Früh übt sich ...

Von: HAF

Differenziertes Sprachgefühl entsteht nicht erst in der Volksschule – entscheidend für die Lese- und Schreibkompetenz des Kindes ist auch, inwiefern sich das soziale Umfeld in den ersten Lebensjahren darum bemüht, dem Kind Sprachkultur näherzubringen.

Eltern mit Kind beim Hörspiel-Hören

Lesen und Schreiben sind Dinge, die Kinder üblicherweise in der ersten Klasse Volksschule, also im Alter von sechs oder sieben Jahren, lernen. Laut den Erkenntnissen der Literacy-Forschung ist für die Sprachkompetenz eines Menschen jedoch bereits der Umgang mit Sprachkultur in der frühesten Kindheit von großer Bedeutung. Wird bereits im Kindergarten und zu Hause versucht, Kindern einen spielerischen Umgang mit Sprache zu vermitteln, kann sich das positiv auf deren sprachliche Fähigkeiten auswirken. Differenziertes Sprachgefühl entsteht nicht erst in der Volksschule – entscheidend für die Lese- und Schreibkompetenz des Kindes ist auch, inwiefern sich das soziale Umfeld in den ersten Lebensjahren darum bemüht, dem Kind Sprachkultur näherzubringen.

Spaß ist wichtig

Dabei geht es nicht darum, dem jungen Menschen Disziplin einzutrichtern oder ihn zu nötigen, sich Literacy „anzutrainieren”. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, einen Zugang zu finden, in dem der Spaß nicht zu kurz kommt und den Kindern eine altersgerechte „Literacy-Erziehung” geboten wird. Für Eltern mit Kleinkindern kann das zum Beispiel bedeuten, sich gemeinsam Bilderbücher anzusehen und Interesse und Eigeninitiative zu fördern – etwa nach der Lieblingsfigur zu fragen oder welche Szene ihnen besonders gefällt. „Bilderbuchbetrachtung gehört nachweislich zu den wirksamsten Formen der Sprachförderung im frühen Kindesalter”, so Dr. Michaela Ulich vom Bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik.

Etwas älteren Kindern kann man die Möglichkeit geben, in die Geschichte einzugreifen, über den Verlauf zu sprechen und diesen vielleicht sogar weiterzudenken, ihnen also auch die Möglichkeit zu bieten, ihre Fantasien mitzuteilen. Sich mit dem Inhalt des Buches auseinanderzusetzen demonstriert gleichzeitig auch, das Lesen keine eintönige Beschäftigung sein muss, sondern ein echtes Vergnügen sein kann.

Vorlesen weckt Interesse

Kindern alle Arten von Geschichten – ob Märchen, Kurzgeschichten oder auch selbsterfundene Geschichten mit Realitätsbezug – vorzulesen oder nachzuerzählen kann das Interesse an Büchern und am Lesen wecken. Bei Hörbüchern und Hörspielen ist es gut, wenn ein Erwachsener dabei ist, der Unverständliches aufklären kann und sich mit dem Kind über den Inhalt der Geschichte unterhält.

In jedem Fall ist es von Vorteil, sich den Kindern in kleinen Gruppen oder auch allein zu widmen, um sie ins Geschehen besser miteinzubeziehen und Literacy als etwas Interaktives zu vermitteln. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass all das helfen soll, Sprache und Lesen als etwas Schönes zu vermitteln und sich vom Interesse der Kinder selbst leiten zu lassen. Ihnen Literacy aufzuzwingen verfehlt mit Sicherheit das Ziel und sorgt schlechtestenfalls dafür, dass das Gegenteil von dem erreicht wird, was man eigentlich anstrebt.

Family Literacy

Analog zu den Ergebnissen der Literacy-Forschung lassen sich Lösungsansätze für die nach wie vor schwierigen Umstände finden, denen sich MigrantInnen beim Erlernen der deutschen Sprache ausgeliefert sehen. In Familien, wo die Eltern nur sehr schlecht oder gar nicht Deutsch sprechen und dementsprechend mit ihren Kindern in ihrer Muttersprache kommunizieren, ist Hilfe von außen notwendig. Ein langsamer und geduldiger Aufbau der sprachlichen Fähigkeiten, der individuell auf das Kind abgestimmt ist, ist dabei essenziell. Eine vielseitige Literacy-Erziehung, in der sowohl gesprochene als auch geschriebene Sprache behandelt wird, kann für große Fortschritte sorgen.

Ein in der Wissenschaft viel verwendeter Begriff ist jener der „Family Literacy” (Literacy.at berichtete). Der Ansatz stellt den Anspruch, „jegliche[r] Art von soziokultureller Benachteiligung bei der Literarisierung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsen zu begegnen”, so der Bildungswissenschaftler Dr. Sven Nickel von der Universität Bremen. Während dieser familienorientierte Ansatz im angelsächsischen Raum sehr professionell angegangen und finanziell auch stark gefördert wird, hinkt man in den deutschsprachigen Ländern nach. Verantwortlich für den Erfolg in Großbritannien ist unter anderem, dass die Teilnahme an Literacy-Kursen dort nicht stigmatisiert ist und es je nach Alter des Kindes und Intensität verschiedenste Kursmöglichkeiten gibt. Den Erfolg beweist eine Statistik: 70 Prozent aller TeilnehmerInnen besuchen zumindest einen weiterführenden Kurs, die Erfolge, die nach neun Monaten nachgewiesen werden können, sprechen für sich.

Frühförderung

  • Bilderbücher gemeinsam betrachten – für einen ersten Einstieg in die Welt des Lesens eignen sich Bücher, deren Handlung durch Bilder ersichtlich ist, um ein erstes Interesse zu wecken.
  • Hörspiele zusammen anhören – fördert den passiven und aktiven Wortschatz, regt zum Fantasieren an und schult das Gehör.
  • Geschichten frei nacherzählen – bindet Kinder stärker in die Geschichte ein und lädt sie dazu ein, bei Unklarheiten nachzufragen.
  • Zum Erzählen ermutigen – Kinder z. B. ihr Wochenende geistig Revue passieren lassen, Interesse bekunden und sich darüber austauschen.