Ein Hund für Lisa

Von Ines Wagner

Aus der Perspektive eines zehnjährigen Buben entfaltet Bettina Obrecht eine einfühlsame Geschichte über Scheitern und Schaffen einer Familie und ihr Schicksal, über Gewissenskonflikte und Geschwisterliebe und lotet dabei pathosfrei die Übergänge zwischen Emotion und Vernunft aus.

Ausschnitt aus dem Cover zu Streichholzburgen

Jeden Tag, wenn Jan in der Früh in die Küche kommt, begrüßt ihn der Kühlschrank: „Guten Morgen. Bedien dich. Mit ist kalt.“ Jan findet, der Kühlschrank hat keine Fantasie, weil er immer das Gleiche sagt. Wie ein Blatt Papier. Zum Glück ist er nicht der Einzige, der mit Jan spricht: Das Feuerwehrauto, der Teddybär oder Malcolm, der Papagei – jeder hat was zu sagen. Manche leiden an einem Sprachfehler, andere wiederum reden nur Humbug. Omas Kühlschrank ist vor einigen Jahren eingeschlafen. Jan ist froh, dass er nicht in einer Welt lebt, in der alles schweigt.

Alles schweigt

Wie in der Welt, in der Lisa lebt. Lisa, seine ältere Schwester, die nicht spricht, die nicht alleine auf die Toilette und schon gar nicht außer Haus geht. Lisa, die nicht reagiert, wenn man mit ihr spricht. Lisa, von der man sagt, sie sei autistisch. Jan weiß nicht, ob Lisa auch ganz viele Stimmen hört. „Sie behält alles ganz für sich, damit ihr keiner was wegnehmen kann.“ Obwohl Jan seine Schwester sicher am besten versteht, weiß er von ihr nicht viel, er kann nicht einmal sagen, ob er sie richtig lieb hat. Vor allem seine Mama scheint das Ganze nicht mehr auszuhalten. Jan weiß, sie meint damit die Schwierigkeiten mit Lisa. Er ist überzeugt davon, dass seine Mutter bald weglaufen wird, schließlich hört er ja, was sie denkt.

Richtige Worte für junge LeserInnen

Bettina Obrecht hat auf 111 Seiten einen Text geschaffen, der es auf beeindruckende Weise versteht, die richtigen Worte für junge LeserInnen zu finden und gleichzeitig dem ernsten Thema und der komplexen emotionalen Gefühlswelt des zehnjährigen Jan gerecht zu werden. Die Kombination einer klaren, einfachen Sprache mit humorvoll-skurrilen Einfällen und liebevollen, poetischen Gedanken erlauben  dem Leser bzw. der Leserin eine verständnisvolle Annäherung an die Geschichte mit dem Effekt, dass Berührungsängste abgebaut werden.

Aus der Sicht des Buben erfährt man vom familiären Alltag einer Familie, in der ein autistisches Kind lebt, und welche Konsequenzen dies für das fragile Familiengeflecht hat. Jan lebt zurückgezogen, kämpft mit Schuldgefühlen und kommuniziert lieber mit dem Kühlschrank als mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern. Seine Eltern kämpfen um ihre Ehe und ihre Familie, bis Jan eines Tages ein Entschluss mitgeteilt wird. Lisa soll in ein Heim gehen. Jan kann das auf keinen Fall akzeptieren, denn er ist überzeugt davon, dass Lisa zu sprechen beginnen würde, hätte sie nur einen Hund.

Schuldgefühle ablegen

Das es eigentlich Jan ist, der sich einen Hund wünscht, dass sich Jan mehr Aufmerksamkeit von den Eltern ersehnt und dass er eigentlich schon zu alt ist, um mit seinen Spielsachen zu sprechen, das alles ist dem Buben unterbewusst schon klar. Trotzdem ist es ein langer Prozess, in dem es ihm gelingt, die Schuldgefühle abzulegen, die er Lisa gegenüber hat, wenn er bei seinen Großeltern am Meer Urlaub machen darf. Und es wird noch länger dauern, bis er erkennt, dass Lisa die Aufenthalte im Heim als nicht so schrecklich empfindet, wie er glaubt. Und irgendwann wird er auch seine Eltern verstehen, die alles in ihrer Macht Stehende versucht haben, Lisa bei sich zu behalten, bis sie erkannt haben, wie hoch der Preis dafür ist.

Das Buch

Buchcover: Streichholzburgen

Bettina Obrecht
Streichholzburgen

Ab 10 Jahren
111 Seiten
Verlag: Bloomsbury
ISBN: 978-3827055071
Preis: € 13,30

Jans Schwester Lisa ist anders als andere Kinder. Sie schreit ganz laut, wenn sie nicht Tortellini mit Spinat-Ricotta-Füllung bekommt, und klappert ununterbrochen mit ihrem Schlüsselbund. In ihrem Zimmer muss alles immer an seinem Platz sein und wenn man sie dort besucht, darf man nur an einer Stelle sitzen. Ob Jan Lisa wirklich mag, weiß er selbst nicht so genau. Aber er muss sie beschützen. Und verteidigen gegen die Welt – seine Freunde, die Nachbarn – und gegen seine eigenen Eltern. Die kommen nämlich manchmal nicht so gut zurecht mit Lisa. Vor allem Mama. Der ist oft alles zu viel. Und dann hat Jan Angst, dass sie wegläuft. Dabei ist es doch gar nicht so schwer, herauszufinden, was Lisa wirklich will – Jan weiß es jedenfalls immer ganz genau.

Über die Autorin

Porträt von Bettina Obrecht

Bettina Obrecht wurde 1964 in Lörrach geboren und studierte Englisch und Spanisch. Sie arbeitet als Autorin, Übersetzerin und Rundfunkredakteurin und wurde für ihre Kurzprosa und Lyrik mehrfach ausgezeichnet. Seit 1994 schreibt sie Kinder- und Jugendbücher und hat sich seitdem bereits in die Garde wichtiger KinderbuchautorInnen hineingeschrieben.