ERFAHRUNGSBERICHT
Mein Kindle und ich
Von Ines Wagner
Ein E-Book-Reader macht Bekanntschaft mit mir; oder besser ich mit ihm. Ausgerechnet. Ich und ein elektronisches Buch. Ich, deren erklärtes Ziel es ist, wandhoch gefüllte Bücherregale in allen Zimmern zu besitzen. Eine Annäherung ...

- Literacy.at-Redakteurin Ines mit ihrem Kindle
Es war einer der zahlreichen Tage, an denen ich ein Paket von Amazon in meinem Briefkasten finde. Zugegeben, manchmal verliere ich den Überblick über meine Bestellungen – nicht ohne darauffolgenden Überraschungseffekt. Auch diesmal staunte ich nicht schlecht, beherbergten die vier Kartonwände doch etwas anderes als ein Buch. Also schon ein Buch, aber doch kein richtiges. Einen sogenannten E-Book-Reader.
Gesehen hatte ich so etwas schon mal, bei meinem Liegestuhlnachbarn in der Therme. Kuhäugig und mit gerümpfter Nase linste ich hinüber und war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte. Praktisch – vielleicht, aber stilvoll – eher nein. Wie kam ich also zu solch einem Ding? Ganz einfach. Ich hatte Geburtstag, meine Eltern keine Fantasie, mein Ehemann den rettenden Tipp, den sie dankbar annahmen. Ein E-Book-Reader also. Aber nicht irgendeiner, ein Kindle musste es sein.
Innen hui, außen na ja
Schnell ausgepackt, sieht der Kindle – oder sagt man das Kindle? – erst einmal nicht besonders sexy aus. Grau, matt, wenig Knöpfe, keine Spielereien, kein Glitzern. Hat er auch nicht nötig. So ein E-Reader ist ja von Natur aus ein durch und durch praktisches Gerät, erfunden, um buchliebenden Menschen das Leben zu erleichtern.
Zwei Knöpfe und zwei Anschlüsse, mehr braucht der Kindle nicht, um die ihm auferlegten Bedürfnisse zu stillen. Drückt man einen davon, schaltet er sich ein und rät einem, sich das Benutzerhandbuch zu Gemüte zu führen. Dabei bekommt man schon eine Ahnung, mit welchen Tricks dieses Gerät versucht, ein Buch zu ersetzen. Der größte Vorteil: Es ersetzt nicht nur ein Buch, sondern bis zu 1400 Bücher. Das wären viele Bücherregale, die bis zur Decke reichen.
Buch sein oder nicht Buch sein ...
Dann ist da noch dieses 6-Zoll-Display, das sich ein wenig anders präsentiert als die Displays, die ich davor kennengelernt habe. Hier spiegelt nichts und die Helligkeit passt sich der Umgebung an. Rein optisch wird durch die bemerkenswerte E-Ink-Technik der Eindruck erweckt, als hätte man tatsächlich eine papierene, bedruckte Seite vor sich. Doch ein gravierender Nachteil geht damit einher: Nachtlesern bleibt die Leselampe nicht erspart! Tatsächlich war meine Enttäuschung groß, als ich abends voller Vorfreude den Kindle an- und die Lampe ausschaltete – denn es blieb finster. Kein beleuchteter Buchstabe. Nada. Niente.
Na gut, auch so ein Kindle der 4. Generation hat also Schwächen. Zu seinen Stärken zählt zweifelsfrei das sensationelle Gewicht. Mit 170 Gramm kann da kaum ein dünnes Taschenbuch mithalten und somit wird das Auf-dem-Rücken-Liegen und Mit-einer-Hand-Lesen auch für untrainierte Menschen möglich. Klein, leicht und praktisch verschwindet mein Kindle in den Untiefen meiner Handtasche. Allerdings nicht bevor er stilgerecht verpackt wurde. Für den schonenden Effekt sorgt eine Schutzhülle, die natürlich – genau wie der Netzstecker – separat erworben werden muss. Hier wiederum kann man seinem Geschmack freien Lauf lassen.
Bitte zur Kassa
So weit, so gut. Doch bis zu diesem Zeitpunkt habe ich noch kein Buch auf meinem Kindle. Laut Benutzerhandbuch funktioniert der Kauf mit nur einem Klick, vorausgesetzt, man hat ein Konto auf Amazon. Wow, ein Klick – wahrhaftig! Auch ein wenig unheimlich, und vor allem aus budgetären Gründen seeeeehr gefährlich.
Der Einkauf an sich ist ein wenig lustlos. Als haptischer Mensch bin ich es gewöhnt, ein Buch nicht nur zu beäugen, sondern es auch zu befühlen, um mir einen Gesamteindruck zu machen. Dicke, Format, Seitenstärke, Schriftgröße, Layout, Covergestaltung fallen als Kaufargumente bei E-Books weg. Was zählt, sind alleine Kundenrezensionen und Kurzbeschreibungen.
Da war er nun auf meinem Kindle, der erste Roman. „Ewig Dein” von Daniel Glattauer. Kostenpunkt: € 13,90. Da habe ich mich dann durchgetippt und durchgewischt. Seite um Seite bzw. Screen um Screen. Der Kindle stellte sich als Multifunktionstalent dar: acht verschiedene Schriftgrößen, drei Schriftarten, einstellbarer Zeilenabstand, integriertes Wörterbuch (auch Englisch), Platz für Anmerkungen, Notizen, Lesezeichen, riesiges Archiv, WLAN, automatische Synchronisation etc. Auf Fingertipp liefert der integrierte Duden auch sofort die Definition eines unbekannten Wortes. Schon toll. Dennoch: Noch nutze ich nur wenige dieser Features, aber das kann ja durchaus noch werden.
Rosinen picken
Des Öfteren musste ich über mich selbst schmunzeln, als ich Dödel tatsächlich versuchte, eine Buchseite physisch umzublättern. Unmöglich. Apropos umblättern: Statt Seitenzahlen lassen Prozentangaben erkennen, wie weit man im Text fortgeschritten ist. Gewöhnungsbedürftig, aber ich bin ja offen für Neues.
Letzen Endes bin ich froh, dass die Kaufentscheidung für den E-Book-Reader nicht in meiner Hand lag, sondern mir der Kindle quasi „in die Hände fiel”. Mit der nötigen Skepsis und meiner natürlichen Neugier nahm ich mich seiner an und lernte seine guten Seiten kennen und lieben. Ich gab ihm aber alsbald zu verstehen, dass er meine Liebe zum gedruckten Buch niemals untergraben wird können. So genieße ich es, mir die Rosinen herauszupicken.


