Schmuddelkinder der Jugendliteratur

Von: HAF

Heute gibt es immer noch die Auffassung, bei Comics handle es sich per se um minderwertige, triviale Literatur. Der Comic wird außerhalb der Buchkultur positioniert. Zu Unrecht, wie nicht nur wir meinen.

Reihe von Batman-Comics

Meine Begeisterung für das Lesen hat ursächlichen Zusammenhang mit Comics. Ihre etwa nicht? Waren Sie nie mit Donald Duck und seinen Neffen auf Abenteuerreisen, haben nie mit Charlie Browns Schicksalsschlägen gehadert, nie Lebensweisheiten von Calvin & Hobbes genossen? Vielleicht hatten Sie andere Comic-Helden oder sind in einer Zeit aufgewachsen, in der Comics als „Schundhefte“ galten.

Tatsache ist, dass Comics in ihrer lesefördernden Funktion lange die Anerkennung versagt blieb, sie teilweise heute noch darum kämpfen müssen. Mit der Bedeutungszunahme in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelte sich auch eine von Wissenschaftlern befürwortete Antibewegung, deren Höhepunkt in den Verbotsversuchen gipfelte.

Der Siegeszug

Der 1934 „geborene“ Donald Duck, der während des Zweiten Weltkrieges aufgrund seiner Popularität sogar für Kriegsfilmpropaganda missbraucht wurde, und Micky Maus, die 1928 erfunden wurde, konnte man aber nicht in ihre Schranken weisen. Sie waren die Hauptdarsteller des fulminanten Siegeszuges: Die Heftreihe „Micky Maus“ des Ehapa-Verlags erscheint seit 1951 und erfreut bis heute die Kinderherzen. Bald folgten Erfolgs-Comics wie „Tim und Struppi“ (1952), „Fix & Foxi“ (1953) und „Tom & Jerry“ (1959), und trotz einer schwierigen Phase in den 60ern, die für einige namhafte Verlage das Ende bedeutete, sind Comics bis heute aus der Literaturlandschaft nicht mehr wegzudenken.

Pädagogischer Wert von Comics

Dass ein Unterhaltungsmedium auch Bildung vermitteln kann, ist unbestritten – und dennoch wird der positive Einfluss des Comics auf die Lese- und Sprachfähigkeiten eines Kindes oftmals kaum anerkannt. Dabei gibt es viele Punkte, die den pädagogischen Wert von Comics unterstreichen.

Vom Bilderbuch zum Roman – der Comic bietet den idealen Übergang. Mehr Text und komplexere Handlungen als im Bilderbuch, mehr Bilder und Farben als im Roman. Ein guter Comic bietet eine interessante Geschichte, deren Handlungsverlauf gerade für Kinder leicht nachzuvollziehen ist.

Entspannung: Comics vermitteln einem Kind den Eindruck, dass Lesen auch ein Mittel zur Entspannung ist und nicht nur das Mittel zum Zweck, sich Wissen und Bildung aktiv anzueignen. Lesen wird als Unterhaltungsmittel begriffen – und wer Gefallen an einem Comic findet, greift früher oder später auch einmal zu einem Buch.

Fantasie und Ästhetik: Die wortwörtliche Bildhaftigkeit der Geschichten fördert die Fantasie von Kindern. Gute Comics sind ästhethisch wertvoll – bei längerer Betrachtung offenbaren sich dem Leser die winzigen, aber nicht unwesentlichen Details, die Comicartisten in ihren Geschichten verstecken. Viele Comics haben unterschiedliche Zeichner – Kindern fallen die Unterschiede beiläufig auf und es offenbart sich individueller Geschmack. Man merkt, was einem besonders gefällt, und lernt dabei etwas über sich selbst.

Emotionen: Comics bedienen sich in der Regel ausdrucksstarker Mimik und Gestik. Comicfiguren zeigen fast immer menschliche Züge, ob sie nun als Enten, Tiere oder Fantasiewesen auftreten. Ein großes Spektrum an verschiedenen, zutiefst menschlichen Verhaltensweisen offenbart sich dem Leser oder der Leserin.

Nicht nur „Brücke zur Literatur“

Wichtig ist es, Comics nicht in Konkurrenz zu Büchern zu sehen. Es ist sicher nicht falsch, Comics auch als „Brücke zur Literatur“ zu betrachten, wie es der Kindermedienforscher Horst Heidtmann formuliert. Das heißt aber nicht, dass das Lesen von Comics ausschließlich eine Art Übergangsphase zum „richtigen“ Lesen darstellt. Das Lesen von Comics ist mit Sicherheit ein guter Nährboden für ein weiterreichendes Literaturinteresse – aber Comic-Konsum an sich fördert bereits die sprachlichen Fähigkeiten eines Kindes in hohem Maße.

„Besonders für Erstleser/innen geeignet“

Tatsächlich lässt sich festhalten, dass Kriterien, die einen Text als „besonders für Erstleser/innen geeignet“ ausweisen, auch auf viele Comics zutreffen: Geralde Schmidt-Dumont nennt vor allem die sprachliche Komplexität als Kriterium für die Zugänglichkeit für Erstleser/innen. Diese zeigt sich u. a. in der Menge und Länge der Wörter, in der Länge der Absätze, in der Komplexität der Satzstrukturen. Was jedoch noch entscheidender ist, ist die Funktion der Bilder im Verlauf der Geschichte. Gerade beim Lesen schwieriger Wörter und beim Verstehen überraschender Wendungen im Handlungsverlauf sind sie für ungeübte Leser/innen wichtige Informationsträger. Nicht zuletzt, indem sie an schwierigen Stellen Unklarheiten mithilfe von Bildern beseitigen, schaffen auch viele (klassische) Erstlesebücher einen sanfteren Übergang von der Bilderbuch- zur Lesephase.

Zitat

„Das Einzige, was ich in meinem Leben bedaure, ist, keine Comics gezeichnet zu haben.“

Den hohen ästhetischen Wert des Comics erkannte auch Pablo Picasso an.

Geschichte des Comics

Wenngleich der Siegeszug der Comics im amerikanischen Raum erst in den späten 1930er-Jahren in die Gänge kam, gilt „The Yellow Kid“ von Richard Felton Outcault, der aus dem Jahre 1895 stammt, als einer der allerersten (und sicher als der erste populäre) Comic.

Der Strip, später namensgebend für die „yellow press“ (dt. Pendant: Boulevardzeitung, Sensationspresse), erschien in der Tageszeitung „New York World” und handelt von dem in ein gelbes Nachtkleid gehüllten Mickey Dugan, der sich in einer Art New York City Ghettoslang ausdrückt. Outcault benutzte bei den Äußerungen der Charaktere bereits Sprechblasen, die sich in der Folge als essenzielle Comicbestandteile erwiesen haben.

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