Die Quasi-Experten

Von Michael Achleitner

Grundsätzlich gilt, dass das Lesen und Schreiben in der Schule vermittelt wird. Die Lehrkräfte in der Volksschule sind dafür ausgebildet, sie sind die Expertinnen und Experten. Die Vermittlung von Literatur und Lesekompetenz ist aber mittlerweile nicht mehr allein Angelegenheit der Schule.

Scherenschnitt eines Mädchens beim Lesen eines Buches

Selbst wenn neugierige Kinder sich schon vor der Schule mit Lesen und Schreiben beschäftigen, sollte es das Kerngeschäft der Pädagoginnen und Pädagogen in der Volksschule bleiben, den Kids die Kunst des Lesens und Schreibens zu vermitteln. Umso wichtiger ist es, dass deren Qualifikation durch professionelle Aus- und Fortbildung gesichert und weiterentwickelt wird. Gerade wenn es darum geht, Kinder mit Schwierigkeiten beim Lesen zu fördern, bedarf es entsprechender Rahmenbedingungen und spezifischer Angebote – und auch die zeitliche Möglichkeit (etwa Freistellungen) für die Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer muss gewährleistet werden.

Dennoch bleibt zum Glück die Leseförderung nicht nur an den Lehrkräften hängen. Eltern, Medien, Bibliotheken und diverse Initiativen bemühen sich ebenso darum, Kindern und Jugendlichen das Lesen schmackhaft zu machen. Die Entwicklung von Standards und die Sicherung von Qualität gehören im Bildungsbereich seit PISA 2000 zum Credo von Fachleuten und Politik. Wie sieht es damit bei der Leseförderung – vor allem, wenn sie von Laien angeboten wird – aus?

Eckpfeiler Schulbibliotheken

Kenntnisse über die „richtige Literatur” sind wichtige Eckpfeiler, um Kinder fürs Lesen zu begeistern. Der Überblick über die aktuelle Kinder- und Jugendliteratur ist deshalb für eine gute Schul- und Klassenbibliothek Voraussetzung. Wenn es Schulen gelungen ist, sich diesen Überblick zu verschaffen und die finanziellen Mittel für die Bücher der Bibliothek aufzustellen, stellt sich die nächste Frage: Wer betreut die Bibliothek kompetent? Falls es überhaupt eine Finanzierung für den Schulbibliothekar bzw. die Schulbibliothekarin gibt, handelt es sich oft um einen Mini-Job, meist kommt das Ehrenamt ins Spiel. Bedenkt man den großen Anteil an ehrenamtlich Tätigen in Büchereien, aber auch in Kinderbetreuungseinrichtungen, unter Lesepaten und -patinnen, in der Pfarrarbeit, in Jugendzentren, eröffnet sich jede Menge Informationsbedarf, der medial noch kaum abgebildet wird.

Partizipative neue Medien

Dabei bietet gerade das Web 2.0 für Onlinemedien diverse Möglichkeiten der Leseförderung. Die Spielarten des „Mitmachnet” schaffen für Jugendliche ganz neue Formen, Literatur zu rezipieren und sich darüber miteinander auszutauschen. Nicht mehr der Leseclub im Kulturzentrum, sondern Fan-Fiction, Bücher-Blogs, Internetforen oder YouTube-Clips ermöglichen den Diskurs. Literacy.at versucht seit dem Bestehen der Site genau hier anzusetzen. Mit YouTube-Videos von Buchrezensionen, einer Facebook-Fanseite, die zum Mitdiskutieren einlädt oder dazu, eines der vorgestellten Bücher zu gewinnen, oder auch einem eigenen Smartphone-App für iPhone und Android, das spannende Spiele zum Lesen- und Schreiben-Üben bietet, versuchen wir Kinder und Jugendliche fürs Lesen zu begeistern bzw. Lehrkräften und Eltern Anregungen zu geben.

Eltern in der Verantwortung

Dass sich neben den Lehrerinnen und Lehrern nämlich auch die Eltern als Leseförderer ihrer Kinder betätigen können, ist heute wissenschaftlich bestätigt. Vorlesen ist ein Schlüssel. Um Eltern, speziell bildungsferne und solche mit Migrationshintergrund, möglichst früh in die Verantwortung zu nehmen, gibt es auch in Österreich diverse Initiativen (Buchstart, Wickelrucksack).

Eine repräsentative Umfrage in Deutschland ergab, dass – zwar unregelmäßig, aber doch – 90 Prozent der Kinder, die noch nicht im Schulalter sind, vorgelesen bekommen. Mit Eintritt in die Schule schieben die Eltern interessanterweise die Leseförderung an die Lehrerinnen und Lehrer ab. Nur mehr rund die Hälfte der Eltern lesen ihren Kindern dann weiterhin noch Geschichten vor.

Diverse Initiativen

Neben den staatlichen Projekten des Bundesministeriums gibt es auf lokaler Ebene unzählige Initiativen zur Leseförderung, die abseits der Schule stattfinden. Meist werden diese von Stiftungen oder Vereinen getragen. Diese Vielfalt ist ein Gewinn, weil die Startvoraussetzungen der Kinder auf dem Weg, ein guter Leser bzw. eine gute Leserin zu werden, recht unterschiedlich sind. Differenzierte, individuell angepasste Angebote versprechen dann den größten Erfolg.

Die Schulen sind zudem offener geworden und greifen auf AkteurInnen von außen zurück – etwa LesepartnerInnen. Problematisch wird dies laut Expertinnen und Experten dann, wenn ein Kind, das Schwierigkeiten mit dem Lesen hat, statt Zusatzunterricht durch besonders qualifizierte Lehrkräfte zu erhalten, einem ehrenamtlichen Lesepaten überlassen wird. Denn welche Anforderungen werden bei der Auswahl an die Qualifikation der LesepatInnen gestellt?

Dilettanten und Stümper

Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können aus einem pädagogischen Beruf kommen – viel haben sogar eine einschlägige Vorbildung. Es gibt aber auch viele DilettantInnen, die Leseförderung betreiben. Per Definition kann ein Dilettant ein Nichtfachmann sein, der sich als Liebhaber um eine Sache bemüht. Das ist ein Glücksfall. Er oder sie kann aber auch ein Stümper sein. Und Stümper dürfen wir unseren Kindern in der Leseförderung nicht zumuten.


Quellen: Regina Pantos: Leseförderung hat ihren Preis. In: JuLit 2/2012, Seite 3; Heidi Lexe: Vortrag im Rahmen des Symposiums Leseförderung auf dem Prüfstand des Arbeitskreises für Jugendliteratur im März 2012 auf der Leipziger Buchmesse.