Schräge Typen aus dem hohen Norden

Von Michael Achleitner

Die finnische Kinder- und Jugendliteratur erlaubt sich kuriose und schräge Typen, die aber zugleich nachdenklich und konstruktiv sind – so wie Mumin und seine Freunde.

Finnland ist das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse und damit in aller Munde. Zu Recht, hat doch das nur 5,4 Millionen Einwohner zählende Land eine mehr als lebendige Literaturszene. Die Gesamtzahl der publizierten Titel ist gewaltig. Nur in Island werden im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Bücher veröffentlicht. Und die Veröffentlichungen sind durchwegs erfolgreich – man denke nur an Sofi Oksanen, deren Weltbestseller „Fegefeuer“ sich allein in Finnland über 200.000 Mal verkaufte.

Die Lumikki-Trilogie

Aber nicht nur im Erwachsenensegment, auch im Kinder- und Jugendbuchbereich tut sich einiges im hohen Norden. Salla Simukka ist der Shootingstar der Jugendbuch-Szene. Mit der hochspannenden Lumikki-Trilogie landete sie den größten Publikumserfolg auf dem Gebiet des finnischen Jugendbuchs der letzten Jahre: Die Romane wurde bisher bereits in 43 Sprachen übersetzt.

In der Reihe ermittelt die 17-jährige Einzelgängerin Lumikki Andersson. Im ersten Teil der Serie „So rot wie Blut” (jetzt auf Deutsch erschienen, siehe Kasten rechts) entdeckt sie blutverschmierte Geldscheine auf einer Wäscheleine und wird in die gefährliche Welt des Drogenhandels hineingezogen. In „So weiß wie Schnee“ reist Lumikki nach Prag, wo sie ein geheimnisvolles Mädchen kennenlernt, das behauptet, Lumikkis Schwester zu sein. In „So schwarz wie Ebenholz“ schließlich muss Lumikki einem anonymen Verfasser von Drohnachrichten auf die Spur kommen, bevor das Ganze zum Blutbad eskaliert.

Zuerst waren die Mumins

Die Basis für diese Erfolge legt nicht zuletzt die Leseförderung, die in Finnland bereits früh in der Familie beginnt: Laut dem finnischen Statistikamt lesen 70 Prozent der Eltern ihren Kindern vor. Emma Aulanko, Kulturreferentin im Berliner Finnland-Institut, weiß zu berichten, dass regelmäßige Besuche von Schulklassen in den Stadtbibliotheken längst Alltag geworden sind. In Helsinki wird allen dritten Klassen ein Bibliotheksprogramm angeboten und alle siebenten Klassen bekommen eine Recherche-Beratung. Zudem fahren 154 Bibliotheksbusse zu festen Zeiten landauf, landab Schulen und Kindergärten an.

So lernen finnische Kinder nicht nur die global bekannten Disney-Charaktere lieben, sondern auch Figuren aus finnischen Büchern, wie Tove Janssons „Mumins“. Sie, die heuer ihren 100. Geburtstag feiern würde, hat als Erste das weltweite literarische Augenmerk auf Finnland gelenkt. Janssons Mumins wurden in mehr als 33 Sprachen übersetzt und für Kino, Hörspiel und Fernsehen bearbeitet.

Neue, typisch finnische Richtung

Ausgehend von den skurrilen Figuren von Tove Jansson hat sich eine neue und typisch finnische Richtung innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur etabliert: Die Charaktere wirken nicht nur realistisch, sondern sind oft schrullig und ironisch überzeichnet. Das schafft zum einen humorvolle Bücher, zum anderen wird mit der Überzeichnung die Realität karikiert, womit der junge Leser/die junge Leserin einen distanzierten Blick auf die Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen gewinnt.

Neben den genannten Shootingstars gibt es noch weitere, vielleicht sogar lesenswertere Beispiele für große finnische Jugendliteratur: Bei Leena Krohn geht es in „Emil und der Pelikanmann“ um das Thema Selbstfindung im Jugendalter. Ein Bub trifft in einem Lokal einen als Mensch verkleideten Pelikan. Dieser bittet Emil, ihm das Lesen und Schreiben und das Leben in der menschlichen Gesellschaft beizubringen. Das gelingt tatsächlich. Der Pelikan hat berufliche Erfolge, doch seine Identität wird aufgedeckt und er landet im Zoo. Emil befreit ihn und bringt ihn zum Meer, wo der Pelikan eine Rückverwandlung zum Vogel anstrebt.

Comic-Boom

Ein weiterer lesenswerter finnischer Jugendbuchautor ist im Comic-Genre zu Hause. Zwei der zehn kommerziell erfolgreichsten Bücher Finnlands im vergangenen Jahr waren Comics. Einer der erfolgreichsten Comicautoren ist Ville Tietäväinen. Für seine heuer auch auf Deutsch erschienene Graphic Novel „Unsichtbare Hände“ (siehe Buchtrailer rechts), in der er das Schicksal afrikanischer Flüchtlinge beleuchtet, wurde er mit dem Finlandia-Preis ausgezeichnet.

Aufgrund der heurigen Frankfurter Buchmesse blicken wir verstärkt auf die finnische (Jugend-)Literatur. Möge das so bleiben. Es gibt jede Menge zu entdecken.

Das Buch

Buchcover: So rot wie Blut

Salla Simukka
So rot wie Blut

Ab 15 Jahren
304 Seiten
Verlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60010-9
Preis: € 15,40
Leseprobe

Als Einzelgängerin hält sie sich aus allem raus – bis Lumikki die tropfnassen Geldscheine auf einer Wäscheleine entdeckt und in eine gefährliche Geschichte hineingezogen wird. Was für ihre Mitschüler als dummer Streich begann, entwickelt sich schnell zu einer Hetzjagd auf Leben und Tod. Die 17-Jährige muss sich im gnadenlosen Drogengeschäft zurechtfinden, in dem nur eine Währung zählt: Blut. Wem kann sie noch trauen?

Buchtrailer

Das Buch

Buchcover: Emil und der Pelikanmann

Leena Krohn
Emil und der Pelikanmann

Ab 10 Jahren
208 Seiten
Verlag: FISCHER KJB
ISBN: 978-3-596-85492-9
Preis: € 13,40
Leseprobe

Schuhe im Kühlschrank, Badewanne im Wohnzimmer, rohen Fisch zum Frühstück, Mittagessen und Nachtmahl: So lebt der als Mensch verkleidete Pelikan unbemerkt, bis ihm der zehnjährige Emil auf die Spur kommt und sich mit ihm anfreundet. Emil bringt ihm das Lesen bei und hilft ihm, sich in der Welt der Menschen zurechtzufinden. Wenn da nur nicht die Erwachsenen wären, die sich in alles einmischen müssen …

Buchtrailer