Frankensteins Erben

Von Michael Achleitner

Monster, Vampire, Hexen und Gespenster gehören zum festen Repertoire der Kinder- und Jugendliteratur. Welche Aufgabe haben sie? Führen solche fantastischen Wesen kindliche und jugendliche Leserinnen und Leser in die literarische Welt ein und helfen sie sogar Entwicklungsaufgaben und Unsicherheiten zu bewältigen? Oder sind sie einfach nur hässlich, angsterregend und ein Abbild des Bösen?

Frankenstein

Monster in der Literatur sind zumeist hässliche, große und furchteinflößende Wesen. Geprägt wurde dieses Bild bereits 1818 von Mary Shelley in ihrem Gothic-Roman „Frankenstein” (siehe Kasten rechts). Als Victor Frankenstein das von ihm geschaffene Monster trifft, heißt es: „Als die Gestalt nahe herangekommen war, musste ich voller Entsetzen erkennen, dass es das elende Ungeheuer war, dass ich geschaffen hatte. (...) Seine unirdische Hässlichkeit machte ihn fast unerträglich für menschliche Augen ...”

Vom Grauen in Märchen

Märchen sind die ersten an Kleinkinder gerichteten Texte. In jenen der Gebrüder Grimm sind es keine Monster, sondern Hexen oder Wölfe, die das Böse verkörpern und oft auch Kindern nach dem Leben trachten (Rotkäppchen, Hänsel und Gretel). Die Gefahr, sich in den Schrecken des Textes zu verlieren, wird durch eingeschobene, locker-leichte Kommentare geschmälert. Die Lust an der Angst gerät zur spielerischen Herausforderung.

In der Kinderliteratur spiegelt sich das Böse dann gerne in einer fantastischen, oft monströsen Gestalt wider. Die Figuren stehen für etwas Unterdrücktes, Verdrängtes oder auch Fremdes. In den späten 1960er-Jahren tauchten innerhalb der Kindermedien auch freundliche Monster auf. Dennoch lässt sich erkennen, dass die Monster eine derartige Runderneuerung, wie es etwa bei den Vampiren der Fall ist (von Dracula zu Edward), bislang nicht erlebten.

Angstbewältigung

Und das ist auch gut so. Kinder leben in einer aufregenden Welt. Vieles erleben sie zum ersten Mal. Jede Menge Neues und Unverständliches verunsichert und verängstigt sie. Deshalb haben Kinder auch viel mehr Angst als Jugendliche und Erwachsene. Sie haben aber auch viel mehr Möglichkeiten der Angstbewältigung, denn sie leben gleichzeitig in der Wirklichkeit und in ihrer Fantasiewelt. Wenn die Fantasie also Monster erschaffen kann, kann sie sie auch bekämpfen und besiegen.

Genüssliches Schaudern

Und genau dann, wenn nämlich angenommen wird, dass die Geschichte gut enden wird, setzen sich Kinder und Jugendliche auch gerne der Angst aus. Der Begriff „thrill” (Angstlust) stammt von Michael Balint. Kinder genießen die in ihnen aufsteigende Spannung, erleben ein Gefühl der Stärke, weil sie die Angst aushalten und sogar etwas dagegen tun können. Das lesende Kind wird dazu ermutigt, sich seinen Ängsten zu stellen. Es geht in der Regel gestärkt aus seiner literarischen Lektüre hervor, wenn es entweder erfährt, dass es  möglich ist, das Böse zu besiegen, oder weil es lernt, den äußeren Schein zu hinterfragen und das Monster zu enttarnen.

Monster in anderer Form

Später lernen Leserinnen und Leser mittels jugendliterarischer Texte, dass sich Romane aufeinander beziehen und sich bestimmte Figuren verändern können. Das ist hinsichtlich literarischer und kultureller Bildung wichtig. Der 2012 erschienene Roman von Keneth Oppel, „Düsteres Verlangen” (siehe Kasten rechts), etwa erzählt die Geschichte des jungen Victor Frankensteins, orientiert sich aber sehr stark an der literarischen Vorlage von Mary Shelley. Er geht der Frage nach, wie Frankenstein zu dem Mann werden konnte, der den Leserinnen und Lesern dann in Shelleys Roman begegnet.

Bösartig, garstig, gemeingefährlich – all diese Adjektive beschreiben nicht nur grausige Monster, sondern treffen auch auf das moderne und realistische Jugendbuch zu. Hier steht dann eine böse Tat im Mittelpunkt – aber eben nicht nur. Das Böse ist immer ein komplexes Gebilde, nie schwarz-weiß, sondern zeigt sich von unterschiedlichen Seiten und nimmt viele Gestalten an. In den wenigsten Fällen  allerdings die eines Monsters. Mehr dazu in einer der kommenden Ausgaben von literacy.at.


Sekundärliteratur: JuLit Heft 3/12. Arbeitskreis für Jugendliteratur e. V.

Buchtipp

Cover: Frankenstein

Mary Shelley
Frankenstein (Urfassung)

304 Seiten
dtv 2013
ISBN: 978-3423141840
Preis: € 8,20

Die Idee, Gott zu spielen, selbst zum Schöpfer zu werden, gestaltete Mary Shelley in ihrer ersten Fassung des berühmten Gruselklassikers am kunstvollsten. Im Mittelpunkt ihres genialen Romans steht nicht nur das legendäre Monster, sondern vor allem die Lebensgeschichte des besessenen Wissenschaftlers. Die Tragödie von Victor Frankenstein und seinem Geschöpf fasziniert bis heute, weil sie das Dilemma zwischen Erkenntnis und Moralität, zwischen Macht und Verzicht, insbesondere in den Naturwissenschaften, aufzeigt: visionär, aktuell und unheimlich spannend.

Buchtipp

Cover: Düsteres Verlangen

Kenneth Oppel
Düsteres Verlangen
Die wahre Geschichte des jungen Victor Frankenstein.

384 Seiten
Beltz & Gelberg 2012
ISBN: 978-3407811219
Preis: € 17,50

Die Zwillingsbrüder Frankenstein, vereint und zugleich entzweit in der Liebe zu einem Mädchen. Doch dann erkrankt der eine schwer. Dunkle Mächte sollen Rettung bringen – und stellen alles infrage, was je über das Leben, die Liebe und den Tod behauptet wurde ... Genf, um 1800: Victor und Konrad Frankenstein lieben einander so innig, wie es nur Zwillinge vermögen. Allein die schöne Elizabeth steht zwischen ihnen. Dann erkrankt Konrad plötzlich an einem lebensgefährlichen Fieber. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Victor, rasend vor Verzweiflung, ist bereit, alles für seinen Bruder zu tun. Im Chateau Frankenstein stößt er auf eine geheime Bibliothek, in der ein Buch das „Elixier des Lebens“ verspricht. Dessen Zutaten scheinen der Fantasiewelt eines kranken Geistes zu entstammen. Oder doch nicht? Zusammen mit Elizabeth macht sich Victor auf die Suche. Unvorstellbare Prüfungen erwarten die beiden – aber auch unerwartete Versuchungen. Was wird stärker sein: Bruderliebe oder Leidenschaft? Das größte Opfer seines bisherigen Lebens steht Victor bevor ... Wie wurde Victor Frankenstein zu dem, den wir kennen? In seinem originellen Prequel zu Mary Shelleys Frankenstein gibt Kenneth Oppel eine schaurig-romantische Antwort.