Digitale Verdummung?

Von: HAF

Digitale Medien machen süchtig, verursachen physische und psychische Erkrankungen und sind eine ernsthafte Bedrohung für die Gesellschaft. Der Hirnforscher Manfred Spitzer polemisiert in seinem Buch „Digitale Demenz“ gegen digitale Mediennutzung. Doch bewegt er sich dabei auf dünnem Eis.

Abbildung diverser digitaler Divices, Porträt von Manfred Spitzer

Was wir früher mit dem Kopf gemacht haben, wird heute von Computern erledigt“, lautet die Annahme des bekannten deutschen Hirnforschers, welche die Basis seiner Brandrede gegen die „digitale Verdummung“ bildet. Digitale Medien machen süchtig, sind Ursache für physische und psychische Erkrankungen und eine ernsthafte Bedrohung für die Gesellschaft.

Lernverhinderungsmaschine Computer

So bezeichnet der Autor den Computer als „Lernverhinderungsmaschine“. Er führt eine Studie an, bei der die Gehirnaktivität von Londoner Taxifahrern untersucht wurde – gemäß der Studie offenbarten jene Taxifahrer, die ein Navi nutzten, schlechtere Orientierungsfähigkeiten. Computer, so Spitzer, nehmen seinem Benutzer Arbeit ab – und machen ihn dadurch faul und dumm. Lernen verlange zwangsläufig eine intensive, aufmerksame Auseinandersetzung, die durch die Beteiligung eines Computers beeinträchtigt werde.

Kritik an der Kritik

Experten kritisieren unter anderem Spitzers einseitige und mitunter verzerrte Darstellung. Er blende die zahlreichen positiven Effekte, die digitale Medien haben können – u. a. eine Verbesserung von Gedächtnisleistungen, schnellere Auffassungsgabe, logisches Denken und Reaktionsfähigkeit – völlig aus. Viele Kommunikationswissenschaftler (wie der Münchner Martin Lindler) führen an, dass die Schlussfolgerungen Spitzers behavioristischen Ansätzen der Medienwirkungsforschung der 40er-Jahre entsprächen und längst überholt seien.

Thesen, die in wissenschaftlichen Kreisen höchst umstritten sind, werden als Fakten dargestellt: die These vom „Killerspiel“, das den User selbst zu aggressivem Verhalten motiviert; die Gegenüberstellung von Computersucht und stoffgebundenen Süchten wie Alkohol und Drogen; die Angepasstheit des Gehirns an eine „analoge“ Umwelt und die Unfähigkeit, sich an digitale Medien zu gewöhnen; dass jeder Tag ohne digitale Medien ein (für die Entwicklung des Gehirns) gewonnener sei. „Kompetenz wächst nicht dadurch, dass man der Technologie aus dem Weg geht, sondern dass man sich mit ihr auseinandersetzt“, meint etwa Prof. Klaus Peter Jantke, Abteilungsleiter Kindermedien des Fraunhofer-Instituts in Erfurt.

Abscheu gegenüber digitalen Medien

Spitzer macht keinen Hehl aus seinem Abscheu gegenüber digitalen Medien – seine Sprache ist für einen Wissenschaftler erstaunlich plakativ, einseitig und eindimensional in der Darstellung. Das macht es eigentlich leicht, das Buch in eine Reihe mit vielen anderen Angstmachern zu stellen, wegen Realitätsferne zu diskreditieren und ihm keine weitere Beachtung zu schenken – wären da nicht das immense Medienecho und die gar nicht so eindeutige Ablehnung seiner Leserschaft. Was sind die Gründe dafür?

Zum einen muss gesagt werden, dass Spitzer zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands zählt. Zum anderen führt Spitzer seine provokanten Thesen auf wissenschaftliche Studien und Untersuchungen zurück. Hinzu kommt, dass die zweifellos bedeutsame „digitale Revolution“ eine Vielzahl an Menschen überrumpelt und mit Ängsten und Sorgen zurücklässt. Viele Eltern fürchten Konsequenzen des Medienkonsums ihrer Kinder, der ihnen aus ihrer eigenen Kindheit völlig fremd ist.

Medienkompetenz statt Angst schüren

Wie viele andere populärwissenschaftliche Bestseller-Autoren gelingt es Spitzer, ein komplexes und aktuelles Thema leicht verständlich aufzubereiten und mit klaren Aussagen greifbarer zu machen. Dass Medienkonsum unser Leben beeinflusst und maßlose Nutzung verschiedene Probleme hervorrufen kann, ist unbestritten. Längst ist erkannt worden, dass die Vielzahl an Möglichkeiten, die uns das Internet eröffnet, eines verantwortungsbewussten Umgangs bedarf. Schlagworte wie Medienpädagogik und Medienkompetenz stehen für eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit neuen Fragestellungen der Wirkungsforschung interdisziplinär beschäftigt. Wie bei allen revolutionären Veränderungen des gesellschaftlichen Alltagslebens ist eine vielseitige und differenzierte Auseinandersetzung gefragt – populistische Panikmache ist unangebracht. Statt Angst zu schüren, sollte man den verantwortungsvollen Umgang mit den Medien in den Vordergrund rücken.

Das Buch

Cover: Digitale Demenz

Manfred Spitzer
Digitale Demenz.
Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen.

368 Seiten
Droemer
ISBN: 978-3426276037
Preis: € 20,60

Digitale Medien nehmen uns geistige Arbeit ab. Was wir früher einfach mit dem Kopf gemacht haben, wird heute von Computern, Smartphones, Organizern und Navis erledigt. Das birgt immense Gefahren, so der renommierte Gehirnforscher Manfred Spitzer.

Zur Person

Porträt: Manfred Spitzer

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer (*1958 in Lengfeld/Darmstadt) ist Psychiater, Lehrer und Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher. Seit 1998 ist er ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Bekannt wurde Spitzer durch seine wöchentliche Fernsehsendung „Geist und Gehirn“ (BR alpha) sowie als häufig zitierter Experte in deutschen Zeitungen.