Schwärmen für Hitler

Von Thomas Aistleitner

Ein provokanter und bewegender Jugendroman über die Hitler-Verehrung in der frühen NS-Zeit.

Buchausschnitt: Blumen für den Führer

Sommer 1936. Die 15-jährige Reni wird dazu auserwählt, Reichskanzler Hitler bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele pressewirksam einen Blumenstrauß zu überreichen. Reni ist überwältigt – verehrt sie Hitler doch glühend. Der „Führer“ scheint ihr der Inbegriff alles Guten und Gerechten, und nun soll sie – das Waisenkind – ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. Doch Reni ist gar kein Waisenkind, sondern die Tochter eines Grafen. Ihr Vater gehört zu den einflussreichsten Kreisen des aufstrebenden Nazi-Regimes und ist fest entschlossen, seine hübsche blonde und blauäugige Tochter künftig vorteilhaft einzusetzen. Reni kann ihr Glück kaum fassen – bis ihr Vater ihr rigoros den Umgang mit den sogenannten „Subjekten“ verbietet. Damit meint er zum Beispiel Jockel, den Jungen, in den sich Reni bis über beide Ohren verliebt hat. Verzweifelt versucht Reni zu leugnen, dass in ihrer Welt plötzlich nichts mehr so hoffnungsvoll ist, wie es schien.

Ungewöhnliche Perspektive

Noch ein NS-Jugendroman – wer braucht „Blumen für den Führer“? Doch dieses Buch überrascht mit einer ungewöhnlichen Perspektive: Reni und ihre Freundinnen wachsen in einem abgeschiedenen Heim auf. Die Backfische teilen die Leidenschaft für den „Führer“. Sie sammeln Gegenstände aus Hitlers Nähe wie Reliquien, sie sind Fans des „Führers“, der ihnen als Inbegriff eines guten Menschen erscheint.

„Mein Cousin hat sich hinter einer Litfasssäule versteckt“, erzählt das Mädel weiter, „und als der Führer oben auf der Treppe war, ist er schnell hingerannt. Diese Erde hat die Stiefelsohlen des Führers berührt.“

„Blumen für den Führer“ ist kein Buch über die Verbrechen der Nazizeit, kein Buch über die Judenverfolgung. Es ist vielmehr eine genaue Darstellung der „ganz normalen Deutschen“, die dem „Führer“ bereits in den frühen Dreißigerjahren vorbehaltlos folgten und Andersdenkende auf allen Ebenen schikanierten. Es war eine effiziente „Zero-Tolerance-Politik“ gegenüber allen Andersdenkenden, Zweiflern – ja gegen alle, die nicht laut genug für den „Führer“ schwärmten. Dieses Buch macht klar, dass das Dritte Reich nicht allein durch eine verbrecherische Machtclique ermöglicht wurde, sondern durch die vorbehaltlose, ja blinde Unterstützung weiter Teile der Bevölkerung, der „anständigen“ Leute. Waren diese Menschen „böse“, waren sie schlechter als wir, was war anders als heute? – Der Schlüssel zur Antwort liegt in der Erkenntnis, dass die wenigsten Menschen damals sich als „böse“ sahen. Sie waren vielmehr überzeugt, „Gutes“ zu tun und „das Richtige“ zu vertreten.

Dicke Empfehlung

Die Menschen, die im Dritten Reich lebten und die es trugen, waren keine anderen Menschen als wir. Sie wurden geschickt manipuliert – und viele, sehr viele ließen sich nur allzu leicht manipulieren. Das ist der Diskussionsansatz zu diesem Buch: Kann es nicht jederzeit wieder passieren, dass die „Anständigen“ zu Verbrechern werden?
Wer braucht „Blumen für den Führer“? – An dieser Stelle eine dicke Empfehlung für jede Schulbibliothek als stimmige Ergänzung zu anderen Jugendromanen über die NS-Zeit – als Literacy-Tipp aber auch für den Geschichteunterricht.

 

Das Buch

Buchcover: Blumen für den Führer

Jürgen Seidel
Blumen für den Führer


Ab 12 Jahren
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
432 Seiten
13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-570-13874-8
Verlag: cbj
Preis: € 17,50

Über den Autor

Porträt Jürgen Seidel

Jürgen Seidel wurde 1948 in Berlin geboren. Nach einer handwerklichen Ausbildung lebte er drei Jahre lang in Australien, Südostasien und Kanada, bevor er nach Deutschland zurückkehrte, das Abitur nachmachte und ein Studium der Germanistik und Anglistik mit der Promotion abschloss. Jürgen Seidel veröffentlichte Erzählungen, Hörspiele, Rundfunkbeiträge, literaturwissenschaftliche Publikationen und zahlreiche preisgekrönte Jugendromane. Er zählt zu den vielschichtigsten deutschen Jugendbuchautoren. Jürgen Seidel lebt mit seiner Familie in Neuss.