Zweisprachige Alphabetisierung

Von Elisabeth Furch

Zweisprachige Alphabetisierung bedeutet, dass Kindern, deren Muttersprache nicht mit der Unterrichtssprache ident ist, während der Schuleingangsphase – z. B. in der Phase der Buchstabenerarbeitung oder beim Erwerb der Lesetechnik – muttersprachliche Unterstützung angeboten wird.

Schülerin vor der Schultafel

Durch eine intensive Zusammenarbeit mit MuttersprachenlehrerInnen wird es möglich, dass Kinder mit einer anderen Erstsprache als der Unterrichtssprache beinahe gleichzeitig in ihrer Erstsprache den Buchstabenkanon und seine Eigenheiten kennenlernen als auch in der Zweitsprache Deutsch. Dadurch wird ein gewisses Maß an Vergleiche-Ziehen zwischen zwei Sprachen angebahnt, was beim Erlernen von weiteren Sprachen einen großen Vorteil darstellt. Problematisch dabei ist die differente Notwendigkeit der zu lehrenden Buchstabenfolge bezogen auf die Schwierigkeit der grafischen Umsetzbarkeit. Im Türkischen z. B. werden anfangs die Buchstaben Y und Ö notwendig zu erlernen sein, um einige Worte schreiben zu können, im Deutschen – wirft man einen kurzen Blick in gängige Schulfibeln – werden die Kinder erst sehr spät mit diesen Graphemen bekannt gemacht.Ein wesentlicher Aspekt im Alphabetisierungsprozess ist die Beachtung der Lautbildung und Lautschulung. Lese- und Schreiblehrgänge sollten geeignete Übungen zur Hör- und Lautschulung sowie zur Lauterarbeitung wie auch lesetechnische Übungen beinhalten. Günstig wären mehrsprachige Leselernmaterialien – ein Beispiel: TRIO, das dreisprachige Kindermagazin, entwickelt und erhältlich bei dem Verlag Info-Media und dem BMUKK, Referat für Migration und Schule.

Wie man zweisprachige Alphabetisierung in der Schule organisiert

Während des gesamten ersten Schuljahres ist die muttersprachliche Lehrperson täglich mindestens eine Stunde in der Klasse anwesend. Sie übernimmt es, den Kindern Arbeitsanweisungen und wesentliche Informationen zu geben, Unverstandenes zu erklären, wenn es die Kinder benötigen. Darüber hinaus macht sie mit den Kinder ihrer Sprachgruppe Hör- und Lautschulungsübungen und erarbeitet z. B. Buchstaben in der ihr eigenen Erstsprache. Da die betroffenen Kinder dabei den üblichen Ablauf einer Buchstabenerarbeitung und typische Arbeitsvorgänge zuerst mit muttersprachlicher Hilfe erleben können, fällt es ihnen relativ leicht, gleiche oder ähnliche Übungen anschließend in der deutschen Sprache zu machen (siehe auch Pflege der Erstsprache). Schreib- und Lesetexte werden von Anfang an in der Erstsprache und in der Zweitsprache angeboten.

Daraus ergibt sich folgendes Grundprinzip:

Neuerarbeitung eines Unterrichtsinhaltes immer zuerst in der Erstsprache des Kindes, danach erfolgt die Anwendung des Gelernten in der Zweitsprache.
Prinzipiell ist die Durchführung dieses Modells nicht an die Verwendung spezieller Methoden oder Unterrichtsformen gebunden, es erweist sich jedoch als günstig, einen sehr flexiblen, kind- und handlungsorientierten Unterricht anzuwenden, der sehr selten frontale Unterrichtsformen aufweist. Dieser unterstützt auch die in diesem Modell oftmals notwendigen Team-Teaching-Phasen. Zeitweilig arbeiten die Kinder in getrennten Gruppen und Räumen, eine gemeinsame Arbeit in mehreren Sprachen in einem Raum ist jedoch ebenso möglich.

Ziele

• Kindern die Schuleingangsphase erleichtern
• Sprach- und Kulturschock ersparen
• Überforderung durch ein Lernen in einer noch nicht ausreichend bekannten oder völlig unbekannten Sprache vermeiden
• Die Muttersprache soll parallel weiterentwickelt werden.
• Die sog. „Halbsprachigkeit“ soll weitgehend vermieden werden.
• Nach Abschluss der Grundschule sollen Kinder gesicherte Sprachkenntnisse in Wort und Schrift in Erst- und Zweitsprache besitzen.
• Verbesserung der Schulleistungen durch Beherrschen der Erstsprache = Basis für die Zweitsprache
• Entwicklung eines größeren Sprachverständnisses durch Transparenz und Interferenzverständnis
• Vermeidung von Analphabetismus in der Erstsprache
• Zweisprachigkeit als Lernziel für die Zukunft

 
Erstellt von: Lothar Bodingbauer am 12.02.2010 10:03 Antwort

Ich habe gerade einen Radiobeitrag zu diesem Thema gemacht und war dazu an der Volksschule Ortnergasse in Wien 15. Es ist unglaublich, wie gut das funktioniert, wenn die Muttersprachen der Kinder in den Unterricht eingebaut werden.

Sie sind stolz, kompetent, und das, was als Schwachpunkt empfunden wird - die vielen verschiedenen Herkunftsländer - wird zum unglaublichen Vorteil, sobald man sich aktiv damit beschäftigt. Meine Kinder würde ich sofort an diese Schule schicken.

Wer sich für den Radiobeitrag interessiert, über Google ist er durch die Suchbegriffe "apostrophe sprachlosigkeit migration" zu finden.

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ÜBER DIE AUTORIN

Porträt von Elisabeth Furch

Prof. Mag. Dr. Elisabeth Furch ist Professorin in der Lehrerausbildung in Wien, Fachbereich „Interkulturelle Erziehung”. In zwei Jahrzehnten Schulpraxis hat sie zahlreiche bilaterale und EU-Projekte betreut und Publikationen zum Thema Interkulturalität verfasst.

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