Literatur verbessert die sozialen Fähigkeiten

Besonders die sogenannte anspruchsvolle Literatur verbessert Forschern zufolge unsere sozialen Fähigkeiten – mehr noch als Sachbücher und Trivialromane das können. Sie nützt im echten Leben, da sie dazu beiträgt, sich besser in andere hineinversetzen zu können.

Mädchen liest ein Buch in der Wiese liegend

Lesekompetenz zu haben bedeutet auch die Welt und die Menschen besser verstehen zu können. Das zumindest behaupten die Forscher David C. Kidd und Emanuele Castano von der New School of Social Research in New York. Die anspruchsvolle Literatur fordert die Leser, so die Wissenschaftler. Weder erfüllt sie ihre Erwartungen noch bestätigt sie vorgefasste Meinungen. Vor allem kann sie nicht passiv konsumiert werden. Die Leser müssen unterschiedliche Perspektiven einnehmen und nach versteckten Bedeutungen suchen.

Das gilt den Autoren der Studie „Reading Literary Fiction Improves Theory of Mind“ zufolge aber nicht für alle fiktiven Texte in gleicher Weise, wie Eva Obermüller in ORF ON Science berichtet. Einfach gestrickte Krimis oder Trivialromane verwenden meist Stereotype und verlaufen mehr oder weniger erwartbar. Da gebe es nicht viel zu lernen.

Literatur ähnelt dem Leben

Gehobene Literatur ähnelt den Autoren zufolge dem Leben weitaus mehr, als Trivialromane dies tun: Die Figuren sind häufig komplex, widersprüchlich und ihr Handeln ist unvorhersehbar, genauso wie das Beziehungsgeflecht, in dem sie sich befinden – die anspruchsvolle Literatur ist somit ein idealer Übungsplatz, um die sozialen Fähigkeiten zu schulen.

Die Aussagen der Studie stützen sich auf fünf Untersuchungsreihen, in denen die Forscher den ProbandInnen Auszüge aus unterschiedlichen Textsorten zu lesen gaben: gehobene literarische Texte, einfache fiktive Texte und reine Sachtexte. Die Klassifizierung, was nun gehobene Literatur ist und was nicht, überließen Kidd und Castano externen Quellen. Für die literarischen Textproben wählten sie Stellen aus der Long- und Shortlist für den US-amerikanischen „National Book Award“. Für die einfache fiktive Kategorie wurden Textpassagen von Amazon-Bestsellern verwendet und Auszüge aus Sachtexten entnahmen sie dem „Smithsonian Magazin“.

Psychologische Tests

Die sozialen Fähigkeiten der Probanden wurden im Anschluss an die Lektüre mit anerkannten psychologischen Tests eingestuft. Bei allen Testreihen schnitten die TeilnehmerInnen aus der Literaturgruppe besser ab. Der statistische Effekt blieb auch erhalten, wenn Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildung und persönliche Einstellungen berücksichtigt wurden.

Den Autoren der Studie zufolge sind die Ergebnisse ein klarer Hinweis darauf, dass die Auseinandersetzung mit anspruchsvoller Literatur dazu beiträgt, sich besser in andere Menschen hineinversetzen zu können. Die Ergebnisse seien jedenfalls ein weiteres Argument dafür, dass Literatur ein fixer Bestandteil der Bildungsstandards bleiben muss.

Die Studie

Reading Literary Fiction Improves Theory of Mind von C. Kidd und E. Castano, erschien am 3. Oktober 2013.

Abstract zur Studie:
Understanding others’ mental states is a crucial skill that enables the complex social relationships that characterize human societies. Yet little research has investigated what fosters this skill, which is known as Theory of Mind (ToM), in adults. We present five experiments showing that reading literary fiction led to better performance on tests of affective ToM (experiments 1 to 5) and cognitive ToM (experiments 4 and 5) compared with reading nonfiction (experiments 1), popular fiction (experiments 2 to 5), or nothing at all (experiments 2 and 5). Specifically, these results show that reading literary fiction temporarily enhances ToM. More broadly, they suggest that ToM may be influenced by engagement with works of art.

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