Lesen in allen Unterrichtsgegenständen

Von Michael Achleitner

Die Förderung der Lesekompetenz muss aus dem „Deutschunterricht-Eck“ herausgeholt und das Bewusstsein geschärft werden, dass die Vermittlung von Lesekompetenz eine Aufgabe aller Lehrerinnen und Lehrer ist.

Frau mit Buch vor Tafel

Lesekompetenz erschöpft sich nicht darin, Romane oder Geschichten lesen zu können und sich an der Literatur zu erfreuen – so wichtig das auch ist. Sie ist heute viel mehr. Sie ist Voraussetzung dafür, die verschiedensten Medien als Informationslieferanten kompetent nutzen zu können, sie ermöglicht mir, mich individuell mit Themen auseinanderzusetzen, und sie eröffnet mir das breite Feld der Fort- und Weiterbildung in der Schule und später im Berufsleben“, fasst Hermann Pitzer in der Broschüre „Schlüsselkompetenz.Lesen” (siehe Kasten rechts) treffend zusammen.

Leseerziehung ist Unterrichtsprinzip

Die Förderung der Lesekompetenz ist demnach nicht allein die Aufgabe eines einzelnen Unterrichtsfaches, auch wenn dem Deutschunterricht eine besondere Verantwortung zukommt. Vielmehr ist die Leseerziehung im österreichischen Schulwesen als Unterrichtsprinzip verankert. Dies bedeutet, dass sie zu jenen Bildungs- und Erziehungsaufgaben zählt, die nicht nur einem Unterrichtsgegenstand, sondern allen zugeordnet ist.

„Als Lehrerin eines naturwissenschaftlichen Faches ging ich eigentlich immer davon aus, dass meine SchülerInnen – zumindest in der Sekundarstufe II – lesen können, in dem Sinn, dass sie in der Lage sind, dem Text eigenständig Bedeutung zu entnehmen. In der Praxis bin ich aber immer wieder erstaunt, welche zum Teil großen Schwierigkeiten auftreten, gerade wenn es um das eigenständige Erschließen von naturwissenschaftlichen Sachtexten geht“, bestätigt Chemielehrerin Elisabeth Kulnigg die Tatsache, dass das sinnerfassende Lesen im Zentrum der fächerübergreifenden Leseerziehung stehen muss.

Besondere Schwierigkeit: Fachtexte

Warum ist es für die SchülerInnen so schwierig, Fachtexte zu verstehen? Wo liegen die Ursachen? Und sind sich die Biologie-, Chemie-, Physik-, MathematiklehrerInnen dessen überhaupt bewusst?
Vor allem die Freude am Lesen und das Interesse, sich neues Wissen lesend zu erschließen, führen zu sinnerfassendem und kontinuierlichem Lesen. Sachtexte im naturwissenschaftlichen Unterricht sind aber oft schwer lesbar. Sie wecken auch nicht immer das Interesse der SchülerInnen, sondern provozieren eher Fragen wie „Warum müssen wir das eigentlich lesen?“ und „Wie sollen wir das schaffen?“. Auf diese Fragen sollten SchülerInnen auch eine Antwort bekommen. Sie müssen das Ziel der Leseaufgabe begreifen!

Unterschiedliche Lesestile

Je nach Leseziel stehen verschiedene Lesestile zur Auswahl, die auch in Kombination anwendbar sind. Lesestile wären z. B. das suchende Lesen (Scanning), bei dem gezielt nach zuvor festgelegten Informationen gesucht wird, oder das orientierende Lesen (Skimming), wobei man einem Text die wesentlichen Informationen entnehmen möchte. Will man einen Text möglichst vollständig verstehen, so liest man ihn detailliert (intensiv, total) oder zyklisch, wenn es sich um komplexere Textsorten handelt.

Von der richtigen Strategie

Ist man sich nun über das Ziel und den Stil im Klaren, braucht man noch eine Lesestrategie: Die richtige Strategie – bzw. das passende Bündel von Strategien – erleichtert das Erschließen von Texten und die Sinnentnahme. Hiervon gibt es viele und nicht wenige werden ohnehin im Unterricht angewendet: Man kann etwa Fragen stellen und beantworten, den Text neu strukturieren und gliedern, Schlüsselwörter und bestimmte Informationen farblich hervorheben, den Text in ein Bild oder ein Diagramm umsetzen, ihn zusammenfassen oder mit anderen Texten vergleichen.

Zeit nehmen

Das größte Hindernis beim sinnerfassenden Lesen ist sicherlich, wenn für die Beschäftigung mit dem Text nicht genügend Zeit zur Verfügung steht. Ein Erfolg versprechendes, systematisches Vorgehen bei der Textarbeit kostet Zeit. Diese Zeit ist allerdings gut investiert. „Zur mittel- bis langfristigen Erhöhung der Lesekompetenz gesellt sich auch ein relativ kurzfristiger Nutzen für die konkrete Unterrichtssituation: die Informationsvermittlung zwischen Text und SchülerInnen erfolgt nachhaltiger, LehrerInnen müssen weniger erklären, ordnen und korrigieren – durch die Sinnerfassung des Textes können schließlich die Unterrichtsziele besser erreicht werden“, weiß Lehrer und Literacy.at-Autor Stephan Waba.

Skriptum

Lesen im Chemieunterricht

Elisabeth Kulnigg hat sich mit diesem Thema eingehend beschäftigt und ein umfangreiches Skriptum mit Überlegungen zu Lesezielen, Lesestilen und Lesestrategien sowie praktischen Anwendungsbeispielen für den Chemieunterricht erstellt.

Download

Theorieteil mit grundlegenden Überlegungen zu Lesen in allen Fächern, Lesezielen, Lesestilen, Lesestrategien

Zehn Lesestrategien mit Beispielen für den Chemieunterricht

1: Beantworten von Fragen zum Text
2: Formulieren und Beantworten von Fragen
3: Text strukturieren
4: Text mit dem Bild lesen
5: Farborientiert markieren
6: Text in eine andere Darstellungsform übertragen
7: Text expandieren
8: Verschiedene Texte zum Thema vergleichen
9: Schlüsselwörter suchen und den Text zusammenfassen
10: „Fünf und mehr Phasen“-Schemata

Lesen in allen Fächern (vollständiges Skriptum)

Wissenswertes