„Literacy beginnt in der Familie“

Interview: Michael Achleitner, Thomas Aistleitner

Das Senken des Anteils der illiteraten Bevölkerung ist ein Ziel der EU. Mit ELINET gibt es eine Einrichtung, die Maßnahmen dafür entwickeln soll. ELINET-Koordinatorin Prof. Dr. Christine Garbe unterstreicht, dass bildungsferne Familien besser durch Kindergärten, Schulen und andere gesellschaftliche Einrichtungen unterstützt werden müssen.

Prof. Christine Garbe

Literacy.at: Frau Prof. Garbe, erinnern Sie sich noch daran, wie Sie lesen gelernt haben?
Christine Garbe: In der Schule, wie fast alle Kinder.

Ist es Ihnen schwergefallen?
Ich bin noch in den 1950er-Jahren eingeschult worden, in einer ganz kleinen Schule. Dort habe ich auf einer Schiefertafel noch mit einem Griffel schreiben gelernt. Wir mussten die Schiefertafel immer mit einem einzigen Buchstaben vollschreiben. Dann kam der nächste dran. Das Lesenlernen ist mir aber leichtgefallen.

Fällt es Kindern heute schwerer, Lesen zu lernen?
So generell würde ich das nicht sagen. Es gibt nach wie vor Kinder, denen das leichtfällt. Worum es geht, sind die Bedingungen für den Schriftspracherwerb.

Welche Bedingungen sind günstig für das Lesenlernen?
Wir wissen heute viel besser als vor 50 Jahren, wie komplex die Anforderungen für den Schriftspracherwerb an das Gehirn sind. Es sind enorme kognitive Herausforderungen, die eine  umfassende Reorganisation des Gehirns erfordern. Wir wissen auch besser, welche Voraussetzungen den Schriftspracherwerb unterstützen. Dazu gehört eine schriftreiche Lebenswelt, und da steht die Familie an erster Stelle. Lesenlernen beginnt im Prinzip mit der Geburt.

Mit der Geburt?
Ja, sobald mit dem Kind gesprochen wird. Wir wissen aus Untersuchungen, mit welch unterschiedlichem Wortschatz Kinder in die Schule eintreten. Eine mündlich kommunikationsreiche Umgebung begünstigt die Bildung dieses Wortschatzes. Wenn Erwachsene einen reichhaltigen Wortschatz haben und differenziert kommunizieren, dann wird das Kind das annehmen – nicht nur den Wortschatz, auch die Syntax.

Wie wichtig ist Vorlesen?
Das ist ein entscheidender Faktor: Vorlesen, erzählen, reimen, singen – also situationsabstrakte Sprache, die nicht nur auf Alltagshandlungen basiert, das sind Welten, die man sich sprachlich erschließt. Sie sind die Brücken zum Schriftspracherwerb. Der Unterschied zwischen Eltern, die vorlesen, und Eltern, die das nicht tun, ist für das Kind gewaltig.

Wie bringt man Eltern zum Vorlesen?
Unser Netzwerk arbeitet sehr viel am Thema Family Literacy, schon mit ganz kleinen Kindern. Es ist eine schwierige Aufgabe, Kinder zu erreichen, die noch in keiner Bildungseinrichtung sind.

Kann man sagen, dass Kindern das Lesenlernen nicht schwerer oder leichter fällt als früher, dass es aber ein gesteigertes Problembewusstsein gibt, dass man heute mit mehr Nachdruck Kindern helfen will, Rückstände aufzuholen und auszugleichen?
Ja, das stimmt. Wir haben aber zusätzlich heute auch objektiv andere Problemgruppen. Die schriftfernen Lebenswelten – früher sagte man Unterschicht – gab es ja immer, auch in der deutschstämmigen Bevölkerung. Aber inzwischen hat in Deutschland rund ein Drittel der Bevölkerung Migrationshintergrund, und das ist ja in Österreich ähnlich. Das sind neue Problemgruppen, die in einer anderen Sprache sozialisiert wurden, die das Problem der Zweisprachigkeit haben ...

Ist Zweisprachigkeit ein Problem – oder nicht auch ein Vorteil?
Wenn die Unterrichtssprache nicht die Familiensprache ist, besteht jedenfalls ein Problem, wenn der Unterricht nicht an diese speziellen Anforderungen angepasst ist. Deutsch als Zweitsprache erfordert einen anderen Unterricht als Deutsch als Erstsprache. Da treten Schwierigkeiten auf.

Ist es nicht so, dass Kinder, wenn man die neuen Medien mitrechnet, heute mehr lesen als früher?
Das muss man differenzierter sehen. Es gibt einige Untersuchungen, noch nicht sehr viele, über das Medienverhalten von Jugendlichen. Aus quantitativen Untersuchungen erfahren wir, dass sie eigentlich alle im Internet sind – keine große Überraschung. Aber die viel interessantere Frage ist doch: Was machen die da mit ihren Smartphones und Tablets und Notebooks?

Sie spielen damit, aber ist das so schlimm?
Es gibt tolles Entertainment, das auch fordert, keine Frage. Aber wir reden hier von den 20 bis 25 Prozent, die unter den minimalen Standards von Literalität liegen ...

... und auch als Erwachsene darunter bleiben ...
Ja, wir haben diesen Anteil auch bei den Erwachsenen, wenn nicht sogar mehr. Die geben das an die nächste Generation weiter, und da liegt das Problem. Die nützen nicht so sehr die schriftlichen Möglichkeiten des Internets zur Kommunikation, sondern die reinen Unterhaltungsangebote.

Gemessen an den Fernsehkindern der 1970er-Jahre ist der Aufenthalt im Internet aber immer noch vergleichsweise aktiver und fordernder.
Ja, das ist richtig. Auch mit Computerspielen kann man sich eine Menge aneignen. Bücher machen schlau, und Computerspiele machen dumm – das ist ein dichotomischer Ansatz, der überhaupt nicht stimmt. Das war auch beim Fernsehen so. Ein gutes Fernsehprogramm kann auch fordernd und bereichernd sein. Wenn sich das Kind mit einer erwachsenen Bezugsperson über das Gesehene austauscht, wird es davon ganz anders profitieren, als wenn es damit alleingelassen wird. Es geht immer darum, in welcher Umgebung es stattfindet, in welchem Kontext man es nutzt, ob man kommuniziert – und da sind wir wieder bei der schriftreichen Umgebung.

Was kann man tun?
Wir brauchen ein ganzheitliches Modell der Leseförderung, das auf der Sozialisationsforschung basiert. Diesen Forschungsansatz habe  ich in meinem Schlussvortrag auf der ELINET-Veranstaltung in Wien erläutert. Es beginnt mit der Kommunikation.

Wessen Aufgabe ist es, dass Kinder gefördert werden, die diese Umgebung nicht haben?
Leseförderung ist die Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Diesen Gedanken wollen wir mit ELINET verbreiten, angefangen bei der Familie. Leider sind die Versäumnisse aus den ersten drei oder sechs Jahren, also vor dem Eintritt in Bildungseinrichtungen, fast nicht mehr aufzuholen. Aber nur fast – ich bin davon überzeugt, dass man alle Lücken schließen kann.

Welche Rolle spielt die Schule?
Die Schule kann so viel mehr machen, als sie heute tut. In vielen Ländern ist es so, dass in den Grundschulen schon gut gearbeitet wird, dass Grundschullehrkräfte darauf vorbereitet sind, beim Schriftspracherwerb zu unterstützen. Der große Einbruch erfolgt in vielen Ländern in der Sekundarstufe. Bei den 15-Jährigen haben wir in Deutschland schlechtere Ergebnisse als bei den Zehnjährigen. Das hat verschiedene Ursachen, eine davon ist, dass die Lehrkräfte in der Sekundarstufe oft davon ausgehen, dass die Kinder Lesen und Schreiben können. Die Kinder haben auf einmal sechs, sieben, acht verschiedene Lehrkräfte, die nicht darauf vorbereitet sind, Lesen und Schreiben zu vermitteln, und darauf vertrauen, dass das die Deutschlehrer machen. Das ist aber falsch.

Nach der Primarstufe verliert man noch einmal Kinder?
Ja.

Die nicht zurückkommen?
Eher nein, wenn die Schule nicht gegensteuert.

Die Schule kann also etwas tun?
Ja, die Schule kann sehr viel tun. Wir wollen ein Problembewusstsein für das Thema Illateralität schaffen. Jeder Lehrer muss ein Lehrer von Literacy sein und das auch als seine Verantwortung betrachten. Viele Schulbücher sind auch sehr komplex geschrieben, weil sie von Fachkräften geschrieben wurden. Wir versuchen, Lehrern klarzumachen, wie schwierig diese Texte sind und welche Kompetenzen sie erfordern.

Was kann ELINET in dieser Sache tun?
Wir können versuchen, die Bildungspolitik in den Teilnehmerländern zu beeinflussen, wir können öffentliche Debatten anstoßen. Wir sind daran interessiert, mit den Bildungsministerien und mit politischen Entscheidungsträgern ins Gespräch zu kommen und unsere Ideen publik zu machen. Wir wollen Kampagnen organisieren und Gelder mobilisieren.

Kann ELINET als europäisches Projekt auch europäische Standards einführen und verbreiten?
Wir sind nicht in der Lage, einheitliche europäische Bildungsstandards einzuführen. Bildungspolitik ist Sache der Mitgliedsstaaten. Die Europäische Kommission hat da einen begrenzten Einfluss. Die Europäische Kommission kann nur Anregungen und Empfehlungen geben. Wir sind ein Netzwerk, das von der Kommission gefördert wird, das heißt, auch wir können nur auf dieser Ebene Einfluss nehmen.

Ist das nicht schon zu Beginn ein Motivationsdämpfer?
Nein, wir sind sehr ambitioniert. Die Literacy-Politik ist seit über zehn Jahren eine klare Präferenz der Europäischen Kommission. Da ist die EU weiter als viele einzelne Teilnehmerstaaten. Und ein Netzwerk zu etablieren, in das so viele Organisationen eingebunden sind, die in diesem Bereich arbeiten, halte ich für eine kluge Idee. Wir werden die Expertisen dieser Einrichtungen bündeln und auswerten. Wir werden 28 Länderreports erstellen. Die vorhandenen Daten sollen sortiert, gewichtet und interpretiert werden. Dann werden wir Kriterien erstellen, anhand derer wir sagen können, welche Initiativen wir für absolut vorbildlich halten. Etwa zehn solcher Beispiele für jede Altersgruppen werden europaweit zugänglich gemacht.

Die Wertigkeit von Leseförderung ist in den EU-Ländern sehr unterschiedlich. Wie wollen Sie die europäischen PISA-Schlusslichter wie zum Beispiel Rumänien und Bulgarien für das Thema begeistern?
Natürlich muss man versuchen, die politische Ebene zu adressieren, aber zugleich muss man mit Partnern an der Basis vor Ort zusammenarbeiten. Ich glaube, dass das gelingen kann. Wenn man ein Netzwerk im Rücken hat, kann man ganz anders auftreten. In  Rumänien haben wir vier starke Partner und auch bereits Kontakt zur politischen Ebene in Bukarest. In Bulgarien sind wir noch nicht so gut vernetzt, haben aber auch dort einen Partner im Netzwerk. Ich bin zuversichtlich, dass wir für diese Länder zusammen mit unseren Partnern vor Ort passende Angebote entwickeln werden.

Wie wird man das Erreichen bzw. Nichterreichen der gesetzten Zeile messen?
Die Idee ist, dass wir im ersten Jahr 28 Länderreports erstellen. Diese sind die Arbeitsgrundlage für das zweite Jahr. Wir wollen in einigen Pilot-Ländern sogenannte  „Awareness-Raising“- und „Fundraising“-Aktivitäten ausprobieren. Am Ende müssen diese ausgewertet und die eigenen Instrumente überarbeitet werden. Wir glauben, dass wir in zwei Jahren (Anm.: Ende der Projektlaufzeit) wirklich gute Ergebnisse haben werden – und auch eine klare Vorstellung davon, wie es weitergehen soll.

In den vergangenen Jahren sind viele Millionen Euro für Lese- und Schreibförderung verschwunden oder zumindest ineffizient eingesetzt worden. ELINET soll hier Kontrolle ausüben. Welche Instrumente stehen Ihnen zur Verfügung?
Es geht für uns eher um Monitoring und Evaluation als um „Kontrolle“. Ich sehe Evaluation als wissenschaftliche Begleitung von Programmen. Eines meiner Anliegen ist es, ein partnerschaftliches Verständnis von Evaluation zu entwickeln – zwischen denen, die das Programm durchführen, und denen, die es evaluieren. Mit dem Schaffen einer Vertrauensbasis kann man auch Einfluss nehmen. Natürlich müssen wir auch die Ergebnisse von Programmen kritisch prüfen. Wenn sich 80 Organisationen auf gemeinsame Standards für Evaluation verständigen, wird das Gewicht haben.

Wie zufrieden sind Sie mit der Auftaktveranstaltung?
Ich bin sehr zufrieden. Ich finde, dass unsere österreichischen Kolleginnen und Kollegen vom Buchklub einen fantastischen Job gemacht haben, die Veranstaltung war sehr gut organisiert. Wir haben es, glaube ich, geschafft, viel Enthusiasmus unter den 120 anwesenden Mitgliedern unserer Partner zu erzeugen. Wir haben ein sehr gut funktionierendes Management-Board und eine gute Struktur entwickelt. Ich sehe der Arbeit mit viel Zuversicht entgegen.

Zur Person

Porträt Prof. Garbe

Prof. Dr. Christine Garbe zählt zu den bedeutendsten LeseexpertInnen im deutschsprachigen Raum. Sie studierte Germanistik, Geschichte, Sozial- und Erziehungswissenschaften an der Universität Hannover. Neben ihrer publizistischen Tätigkeit war sie von 1996 bis 2010 Professorin für Literaturwissenschaft und -didaktik an der Universität Lüneburg (Lehre im Institut für Deutsche Sprache und Literatur und am Fachbereich Kulturwissenschaften). Seit 2010 hat Prof. Garbe einen Lehrstuhl für Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik (Schwerpunkt „Lese- und Mediensozialisation“) an der Universität zu Köln.

Ihre Arbeitsschwerpunkte in Lehre und Forschung sind: literarische Sozialisation und Leseforschung, Mediensozialisation und empirische Rezeptionsforschung; Kinder- und Jugendliteraturforschung; literaturwissenschaftliche Frauen- und Genderforschung zum 18. bis 21. Jh.

ELINET

Das Anfang Februar gegründete European Literacy Policy Network (ELINET) soll Standards und Modelle für erfolgreiche Lese- und Schreibförderung in allen Altersgruppen entwickeln und mit ihren 80 Netzwerk-Organisationen aus 28 Ländern die Umsetzung vor Ort begleiten. Das mit vier Millionen Euro geförderte Projekt ist vorerst auf zwei Jahre angesetzt. Ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsprogramms wird der Aufbau einer europäischen Literacy-Plattform sein, auf der die Arbeitsergebnisse von ELINET dokumentiert und die Wirksamkeit des Netzwerkes im europäischen Raum ausgeweitet werden soll. Diese Plattform wird in den kommenden Monaten online gehen.