Online zum Wahlsieg

Von Michael Achleitner

Der letzte US-Wahlkampf um das Präsidentenamt machte es deutlich: Das Internet ist die Wahlkampf-Plattform der Zukunft. Obama punktete vor allem damit, die UnterstützerInnen mitwirken zu lassen!

Screenshot von US-Präsident Obamas Website

Dafür nutzten die WahlkampfstrategInnen Obamas vor allem konsequent sogenannte Web-2.0-Applikationen. Durch sie waren die UnterstützerInnen nicht nur BeobachterInnen, sondern konnten beispielsweise selbstständig als WahlkampfhelferInnen fungieren. „Indem sie die auf Obamas Online-Portal http://my.barackobama.com (derzeit nur noch Spendenaufrufe) angebotenen Tools nutzten, um Veranstaltungen zu planen oder unentschlossene Wähler zu kontaktieren, brachten sie sich auch emotional in den Wahlkampf ein, identifizierten sich mit den Zielen Obamas und entwickelten vorher ungeahnte Aktivitätslevels", so Julian Knauf vom Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden.

7,3 Millionen „Freunde”

Informationen über den Wahlkampf wurden per E-Mail, RSS-Feeds, Twitter oder direkt per SMS über Handy ausgetauscht und verbreitet. Zudem war und ist der heutige US-Präsident in vielen sozialen Netzwerken wie z. B. „Facebook“ vertreten. Im Laufe des Jahres 2008 trugen sich dort Woche für Woche Zehntausende als seine „Freunde“ ein. Heute hat der Präsident auf Facebook 7,3 Millionen „Friends“.

Per SMS auf dem neuesten Stand: neue Form des Wahlkampfs
Per SMS auf dem neuesten Stand: neue Form des Wahlkampfs

Obama ließ alle, die es wollten, an seinem Wahlkampf teilhaben. Politisch gesehen war Obama etwa auf der Videobörse „YouTube“ der unbestrittene König. Obamas Rede zur Rassenfrage kurz vor der Vorwahl in Pennsylvania wurde millionenfach angeklickt. Wahlkampfreden, Statements zu innen- und außenpolitischen Fragen – nichts konnte nicht auch via Videoclip nachgelesen oder vielmehr nachgeschaut werden. Und nicht nur Obama selbst war in den Clips der Hauptdarsteller. Auch hier kreierten die UserInnen ihre eigenen Web-Inhalte. Der etwas anzügliche Videosong „Crush on Obama“ („Verknallt in Obama”, siehe Videoclip rechts), bei dem sich eine kurvige Schönheit in Sehnsucht nach dem „besten aller Kandidaten“ an dessen Plakate schmiegt, schlug bereits 2007 Hillary Clintons Versuche, die „YouTube“-NutzerInnen über ihre Wahlkampfhymne abstimmen zu lassen, um Längen.

Internet als Primärquelle

Das Internet hat sich in den USA in den letzten Jahren zur fünftwichtigsten Primärquelle für politische Informationen entwickelt. Ein Grund dafür ist, dass politische Information im Web zumindest die Möglichkeit der Interaktion einschließt. Menschen, die sich im Web informieren, suchen aktiv nach Informationen. US-BloggerInnen schwärmten davon, dass Web-News über den Wahlkampf eben auch mit Debatten verbunden seien. Es wird diskutiert und gestritten.

Die primären Quellen für Informationen über den US-Wahlkampf, AmerikanerInnen 18–29 Jahre
Die primären Quellen für Informationen über den US-Wahlkampf, AmerikanerInnen 18–29 Jahre

Alle großen Webmarken – von Facebook über Yahoo bis hin zu YouTube – leisten sich eigene Wahl-Nachrichtenseiten. Die eigentlichen News kommen von Nachrichtenagenturen, in dieser Hinsicht hat sich also wenig gegenüber klassischen News-Portalen geändert. Neu ist, dass die eigentlichen Nachrichten nicht im Mittelpunkt stehen: Wichtiger sind bei Facebook die Debatten in den Diskussionsforen.

Die Wahlkämpfe der Zukunft mögen durchaus im Web entschieden werden, ist doch die Frage des medialen Einflusses eine Generationenfrage. Betrachtet man die Altersgruppe der 18- bis 29-jährigen AmerikanerInnen gesondert, dann ist bei ihnen das Web längst Primärquelle Nummer 1 für politische Informationen. Ganz oben auf der Liste stehen Webmarken, MySpace ist eine wichtigere Quelle als die „New York Times“ und die Wahl-Werbeseiten der PolitikerInnen sind den webaffinen JungwählerInnen als Quelle doppelt so wichtig wie die „Washington Post“.

Yes, we can?

Ist eine Internet-Kampagne wie die von Barack Obama auch in Österreich möglich? Die Antwort ist einfach: Ja und Nein.
Zuerst muss man den Unterschied im politischen System berücksichtigen. In den USA gibt es keine europäischen Parteistrukturen. Dort ist man eher ideologisch in einem Spektrum (Demokraten/Republikaner/Dritte) verwurzelt. Die Kandidatinnen und Kandidaten müssen vor jeder Wahl ihr eigenes politisches Spektrum mobilisieren. Und zur Mobilisierung sind Web-2.0-Applikationen besser geeignet als zur reinen Vermittlung von Wahlprogrammen.
Für Obamas Kampagne arbeiteten mehr als 90 Internet-Fachleute Vollzeit. Dabei konnte er viele der Besten ins Team holen. Dieses Aufgebot an Brainpower wird mit hiesigen Wahlkampf-Budgets schwer zu bezahlen sein.
Und nicht zuletzt setzt der Datenschutz der Nachahmung Grenzen. Die Vorschriften in den USA sind viel weniger streng als in Österreich. In den USA darf man Datenbanken mit E-Mail-Adressen und Handynummern anlegen, sofern die Menschen sie irgendwann – zu welchem Zweck auch immer – freiwillig herausgegeben haben. Man braucht in weiterer Folge keine Genehmigung mehr einzuholen, um sie für politische Zwecke (beispielsweise für SMS oder E-Mails im Zuge einer Kampagne) zu nutzen.

Nichtsdestotrotz setzen auch in unseren Breiten PolitikerInnen verstärkt auf das Web 2.0. Jede/r halbwegs motivierte Kandidat/in wird in einem der kommenden Wahlkämpfe einen Account bei Facebook und Twitter haben und gelegentlich bei YouTube Videobotschaften veröffentlichen. Einige werden sich hervortun, indem sie die Werkzeuge dialogorientierter nutzen als ihre Konkurrentinnen und Konkurrenten. Spannend ist die Frage, wie weit sich ein Wahlkampf á la Obama, also jenseits der Parteizentralen im Internet entwickeln wird – von Mitgliedern und Sympathisanten – ohne Zustimmung der taktierenden Apparate, die jeden Schritt sorgsam abwägen.

 
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BUCHTIPP

Buchcover: Der Internet-Wahlkampf von Barack Obama

Anna Kuhn-Osius
Der Internet-Wahlkampf von Barack Obama: Wie der US-Präsident die jungen amerikanischen Wähler begeistert hat


328 Seiten
ISBN-13: 978-3639168228
VDM Verlag (3. Juli 2009)
Preis: € 81,30

Dieses Buch beschreibt, wie es Obama schaffte, mit einer perfekt organisierten und umfassenden Nutzung des Internets vor allem junge AmerikanerInnen zu überzeugen – und sie zu seinen Wählerinnen und Wählern zu machen.

CRUSH ON OBAMA

Wenn Präsident Obama „twittert“
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