Großes Daumenkino

Von Simone Kremsberger

E-Reader, Netbooks, Tablets: Immer mehr Möglichkeiten zum elektronischen Lesen machen einander Konkurrenz und immer mehr Anbieter feilschen um die Leserschaft. Ein Lesegerät haben mittlerweile fast alle: ihr Handy. In Japan sind Handybücher schon lange im Trend, und auch in Europa ist das Lesen am Handy vor allem unter Jugendlichen in Mode gekommen.

Mädchen liest Handyroman

Sie ist ganz schön hip: Sie heißt Lucy Luder, wohnt in einer Berliner WG, studiert Jus und ist ganz nebenbei Privatdetektivin. Lucy Luder ist die Protagonistin der Handyroman-Serie des Schweizer Wirtschaftsinformatikers und Autors Oliver Bendel. Der erste Band, „Lucy Luder und der Mord im studiVZ“, erschien 2007 und war ein Experiment. Heuer kommt bereits der dritte Band auf die Handydisplays.

Jung, hip und weiblich

Jung, hip und weiblich sind meist nicht nur die Protagonistinnen von Handybüchern, sondern auch die Leserinnen. In Japan ist das Handybuch schon seit 2000 im Trend: Der Tokioter Yoshi verteilte Visitenkarten an Schulmädchen und vertrieb über seine Homepage seinen Handyroman „Deep Love“, die Geschichte einer jugendlichen Prostituierten. Aus dem Geheimtipp wurde ein Bestseller, ein Film und ein Manga folgten. Immer mehr mobile Romane fanden Eingang in die japanischen Bestsellerlisten. Während sich zu Beginn vor allem junge Laienautorinnen und -autoren hervorgetan haben, schreiben mittlerweile auch etablierte SchriftstellerInnen fürs Handy.

Einfach, mobil und günstig

Die Handhabung der Handybücher ist einfach. Der Text wird meist per SMS bestellt und kommt im Ganzen oder als Abo in Fortsetzungen aufs Handy, wo er direkt am Display gelesen wird: in der U-Bahn, in der Schulpause oder wenn die Vorlesung gerade langweilig ist. Die Vorteile: Man braucht weder ein Buch noch ein spezifisches Lesegerät, und ihr Handy haben die meisten ohnehin stets dabei. Die Kosten sind mit rund zwei bis fünf Euro pro Handybuch überschaubar. Und die Hemmschwelle zum Handylesen ist auch für Bücherscheue gering.

Kurz und schräg

Für die mobilen Texte seien „kurze, einfache Sätze typisch“, sagt Oliver Bendel. Schließlich sollen die Bücher am Handydisplay leicht konsumierbar sein. Er schöpft die Möglichkeiten des Mediums aus und baut Links und Emoticons in seine Texte ein. Die Sprache ist schlicht, die Geschichte soll fesseln: „Die Plots sind meistens temporeich und schräg und drehen sich oft um Liebe und Leidenschaft.“ Zwei bis vier Wochen schreibt Bendel an einem Band.

Fantasy und Ratgeber

„Underground Mainstream“ nennt er seine Handybücher, die im auf „Mobilebooks“ spezialisierten Wiener Verlag Blackbetty erscheinen. Hier gibt‘s eine breite Palette an Handylesestoff: von „Yo-Books“ für Jugendliche bis „Heavy Stuff“, wo sich etwa Nietzsches „Zarathustra“ findet. Zuletzt hat der Fantasy-Bestsellerautor Wolfgang Hohlbein mit einem Autorenteam den Handyroman „WYRM“ vorgelegt. Derzeit ist der Verlag auf der Suche nach frischen Autorinnen und Autoren. Besonders gefragt: urbane Geschichten und Ratgeberliteratur.

Kafka am Handy

Doch auch die Klassiker wurden bereits fürs Handy entdeckt. Nur ein Java-fähiges Handy ist nötig, um darauf zu verfolgen, wie sich Gregor Samsa in einen Käfer verwandelt. Kafkas „Verwandlung“ und andere ausgewählte Werke fürs Handy bietet etwa das Projekt Gutenberg-DE. Um diese genießen zu können, spielt wohl auch die Größe des Handydisplays eine Rolle. Denn die kafkaesken Sätze halten sich nicht gerade an die neuen Regeln für mobile Texte.

„Einstiegsdroge für Literatur“

Die junge Zielgruppe wird sich vermutlich eher „Lucy Luder“ oder „Handygirl“, die Heldin von Oliver Bendels zweiter Handyroman-Serie, aufs Smartphone laden. Handygirl ist ein Avatar, der im Handy der vierzehnjährigen Liza wohnt und sich als Superheldin entpuppt. Eine Verwandlung der anderen Art – jedenfalls ein Zeitvertreib für Teenies oder vielleicht auch, wie es sich Bendel wünscht, eine „Einstiegsdroge für Literatur“.  

Literatur fürs Handy

Handybook

Handybücher für Teenies

Verlag für Mobilebooks

Klassiker fürs Handy

  • Projekt Gutenberg-DE mobil
    Ausgewählte Titel aus dem Projekt Gutenberg zum Download um 1,99 Euro. Tipp: Holen Sie sich „Die Verwandlung“ von Franz Kafka kostenlos aufs Handy! (siehe Kasten unten)
  • Die Handybibliothek
    Deutsch- und englischsprachige Handybücher zum kostenlosen Download

Zur Person

Porträt Oliver Bendel

Oliver Bendel wurde 1968 in Ulm an der Donau geboren. Nach dem Studium der Philosophie und Germanistik (M.A.) sowie der Informationswissenschaft (Dipl.-Inf.-Wiss.) an der Universität Konstanz und ersten beruflichen Stationen erfolgte die Promotion im Bereich Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen (Dr. oec.). Bendel arbeitete in Deutschland und in der Schweiz als Projektleiter im Bereich Neue Medien und leitete technische und wissenschaftliche Einrichtungen an Hochschulen. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Zürich und arbeitet als Professor an der Hochschule für Wirtschaft in Basel.

Zur Website von Oliver Bendel