Wir lesen jetzt sozial ...

Von Michael Achleitner

Mit der Digitalisierung von Medieninhalten, in diesem Fall von Büchern, und der Entstehung von „Social Media“, also dem Austausch von Inhalten über das Internet (z. B. Facebook, Twitter, ...), kam „Social Reading“: Digitale Texte werden öffentlich gelesen, kommentiert und diskutiert. Das Lesen von Büchern wird zu einem sozialen Prozess.

Unterschiedliche Online-Devices mit Social-Reading-Programmen

Lesen gilt allgemein als kultivierte Einsamkeit – als stille, in sich gekehrte Tätigkeit. Mit einem Buch beschäftigt man sich alleine. Und doch hat man sich immer schon über das Gelesene ausgetauscht. Das Buch war lange vor dem Social-Media-Hype eines der wichtigsten „Filesharing-Objekte“. Bücher wurden immer schon gerne verliehen. Und mit dem Verleihen und Empfehlen eines Buches per E-Mail oder über soziale Netzwerke beginnt auch der Prozess des Social Reading. Genau genommen bezieht sich dieser Begriff auf technische Entwicklungen, die ein gemeinsames Lesen und Kommentieren von Büchern ermöglichen. In einer virtuellen Lesegruppe finden gleichgesinnte Leserinnen und Leser zusammen, um sich über ihre Lieblingsliteratur auszutauschen. Dies geschieht heute nicht mehr nur über Online-Plattformen, sondern auch per Smartphone oder gleich direkt über die elektronischen Lesegeräte wie Kindle oder iPad.

Erweitertes Leseerlebnis

Beim Social Reading entwickeln sich spannende Diskussionen, Lesermeinungen werden ausgetauscht, Fans finden sich, Neuigkeiten und Lesungstermine werden bekannt gegeben, eventuell meldet sich die Autorin oder der Autor auch selbst zu Wort. All das erweitert das persönliche Leseerlebnis. Das Internet und die sozialen Medien durchdringen immer mehr den Alltag und sind für die junge Generation längst selbstverständlich, weiß Mirjam Mieschendahl von Lovelybooks, das ein Social Reading Widget anbietet (siehe Kasten). „Schon jetzt informieren sich viele Leserinnen und Leser online über Bücher. Mit Social Reading rückt diese Art der Kommunikation näher an das Buch selbst“, meint die Projektleiterin der Online-Community.

Diese Services sind für den Nutzer zwar kostenlos, aber dahinter stecken natürlich ausgefeilte Geschäftsmodelle: Verlage können Anzeigen schalten, um für ihre Novitäten zu werben, und erhoffen sich sich ein gewisses mediales Grundrauschen, einen buzz, und bestenfalls die virale Verbreitung möglichst positiver Äußerungen über ihre Bücher – im Falle von Lovely Books die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, zu der unter anderem der Rowohlt und der S. Fischer Verlag gehören.

Interaktive Diskussionen

Noch spannender sind innovative Formen des Social Reading, die den Lesevorgang mit der Diskussion über Literatur verschmelzen. Textmarkierungen in E-Books sind für alle anderen Nutzer derselben Plattform sichtbar, sie können wahlweise ein- und ausgeblendet und natürlich auch in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter geteilt werden. Das Berliner Start-up-Unternehmen Readmill, das sich an diesem Geschäftsmodell versuchte, scheiterte allerdings. Ist die Zeit für Social Reading im deutschsprachigen Raum noch nicht reif?

Big Brother is watching you

Allerdings gibt es auch weniger erfreuliche Dinge, die mit dem Phänomen des Social Reading einhergehen. Während man nämlich mit diesen technischen Apps ein Buch liest, schauen einem die Verlage dabei quasi über die Schulter und erhalten ein genaues Abbild des Leseverhaltens ihrer Kunden: Wie lange braucht ein durchschnittlicher Leser für den neuen Grisham-Krimi, welche Kapitel überspringen die Jugendlichen bei der „Bücherdiebin”, welche Begriffe werden besonders häufig im Spanien-Reiseführer gesucht?

Orden für Vielleser

Social Reading kann aber auch spielerische Komponenten enthalten (gamification): Für durchlesene Nächte, möglichst viele abgeschlossene Lektüren oder auch das Lesen zur Frühstückszeit wird man bei einigen Plattform-Anbietern mit virtuellen Abzeichen belohnt und kann sich so mit seinen Freunden messen.

Schülerinnen und Schüler sowie Studierende können Texte auch jenseits von Klassen- und Seminarräumen diskutieren, wahlweise mit oder ohne Einbindung des Lehrers. Die Möglichkeit, bestimmte Textstellen zu diskutieren und die Markierungen und Notizen für die Klassenkameraden anzeigen zu lassen, führt unter Umständen zu fokussierterem Arbeiten.

Lovelybooks

Lovelybooks.de bietet ein „Social Reading Widget“ an. Dieses lässt sich auf der eigenen Website integrieren, um dort einen Lesezirkel und Diskussionen zu starten.
www.lovelybooks.de

Facebook-Fanpage

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