Alles Messe

Von Michael Achleitner

Vergangene Woche war Buchmesse-Woche in Österreich. Wir besuchten neben der Buch Wien die Interpädagogica und Bookolino. Welche Neuigkeiten sind zu berichten, was hat uns überrascht?

Impressionen von der Buch Wien, Interpädagogica und der Bookolino

Die Buch Wien hat sich gemausert. Schön langsam, denkt man als BesucherIn, ist sie angekommen. Eine „erwachsene“ Buchmesse, die diesen Namen verdient. Der Besucherandrang war enorm. Mit 38.000 Bücherfreunden stellte die siebente Buch Wien einen neuen Rekord auf. Die erste Lange Nacht der Bücher lockte mehr als 2.500 BesucherInnen an, die bereits am Vorabend Messeluft schnupperten. Über 300 Aussteller aus zwölf Nationen waren gekommen, um ihre Neuerscheinungen zu präsentieren.

Die üblichen Verdächtigen

Aber gerade die Buchpräsentationen an den Ständen der Aussteller lassen noch zu wünschen übrig. „Vegan backen“, „Vegan kochen“, „Vegane Glückseligkeit“ – von jedem zweiten Stand lacht dem Besucher/der Besucherin ein veganes Kochbuch entgegen; in Reih und Glied sind die neuesten Bücher diverser Besteseller-AutorInnen der ausstellenden Verlage – von Donna Leon bis hin zu Ken Follett – aufgereiht. Deshalb braucht niemand auf eine Buchmesse zu gehen. Bei jedem Besuch der Buchhandlung seines Vertrauens findet man die gleichen aktuellen Bücher, kann in ihnen schmökern und sie auch gleich erwerben. Positiv: Zumindest dieses Manko mancher Buchmessen wurde auf der Buch Wien beseitigt. Die meisten der ausgestellten Bücher kann man auch gleich käuflich erwerben. Gut so. Negativ: Enttäuschend war das ausgestellte Angebot an digitalem Lesestoff. Ein einziger Stand eines E-Book-Herstellers ist mir aufgefallen.

Saskia Jungnikl im Gespräch mit Alexandra Föderl-Schmid
Saskia Jungnikl im Gespräch mit Alexandra Föderl-Schmid

Lesungen machen den Unterschied

Was den Besuch der Buch Wien aber sehr wohl zu einem besonderen Erlebnis macht, sind die Veranstaltungen sowie die Lesungen der Autorinnen und Autoren. Ob Marlene Streeruwitz, die über ihr neues Werk „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“ sprach, Monika Czernin, die die jüdische Gesellschaft im Sacher im Buch „Das letzte Fest des alten Europa – Anna Sacher und ihr Hotel“ unter die Lupe nahm, oder Saskia Jungnikl, die aus ihrem bemerkenswertem Buch „Papa hat sich erschossen“ (siehe auch die Literacy.at-Rezension und Kasten rechts) vorlas und mit Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid über ihre Motivation, vom Selbstmord des Vaters zu berichten, sprach – man konnte nicht anders, als stehen zu bleiben (freie Sitzplätze gab es meist ohnehin keine mehr) und den Ausführungen zu lauschen.

Die größte Bildungsfachmesse

Gleich nebenan, in Halle C, fand die Interpädagogica, die größte Bildungsfachmesse Österreichs, statt. Hier war der BesucherInnenandrang, zumindest im vorderen Bereich, fast noch größer als auf der Buchmesse. Die Interpädagogica richtet sich an PädagogInnen aller Schultypen und Kinderbetreuungsstätten, an Personen, die in der Jugendarbeit tätig sind, an Studierende pädagogischer Fachrichtungen sowie an Eltern und an alle, die sich für Weiterbildung interessieren.

Neben verschiedenen Schulbuchverlagen stellten sich Anbieter von aktuellen Lehr-, Lern- und Arbeitsmitteln, Ausstatter von Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen, Organisatoren von Landschul- und Sportwochen, das Bundesministerium für Bildung und Frauen mit seinen diversen Angeboten, aber auch so kuriose Aussteller wie Massagespezialisten vor.

Digitale Medien kamen hier nicht zu kurz: Einblicke in den Unterricht mit dem iPad etwa gab der Aussteller McWERK. Wie man sich gegen „Datenklau am Smartphone“ wirksam schützt, präsentierte IT Security Trends in einem nur 30 Sekunden dauernden Blitzseminar.

Ein Ausstellungsraum auf der Bookolino
Ein Ausstellungsraum auf der Bookolino

Kuscheliges Bücherschmökern in Graz

Weit weniger Gedränge herrschte bei der Buchausstellung Bookolino in Graz, die noch bis 19. November geöffnet ist. Im Literaturhaus werden die ausgestellten Bücher nicht geordnet, wie uns Lena Stückler berichtete. Die Kinder sollen Bücher selbst entdecken, sollen stöbern und wühlen können. Dazu gibt es verschieden dekorierte Räume, die zum Verweilen und Schmökern einladen. In diesen Lesezimmern findet man Bücher zum Lesen, Geschichten zum Sammeln, Bilder zum Träumen, Sofas zum Lümmeln, Gelegenheit zum Tratschen und immer wieder AutorInnen, die ihre Geschichten vorlesen. Zudem wurde das „bookocafé” integriert.

Auch bei der Bookolino kann man Workshops besuchen. „Workshops werden für Klassen abgehalten“, so Stückler, „und sind unterschiedlich aufgebaut. Einmal werden Buchstaben ausgeschnitten, zu denen Wörter gebildet werden müssen. Ein anderes Mal wird zu den Inhalten der Bücher gezeichnet oder gebastelt.”

Die vorgelesenen Bücher können auch hier käuflich erworben werden. „Sobald eine Lesung vorbei ist, laufen selbst die kleinsten Kinder ganz rasch zum Store, kaufen das Buch und laufen wieder zurück, um es sich vom Autor/von der Autorin signieren zu lassen“, schmunzelt Lena Stückler. Da soll noch jemand sagen, Buchmessen würden nicht zum Lesen motivieren ...

Das Buch

Buchcover: Papa hat sich erschossen

Saskia Jungnikl
Papa hat sich erschossen

256 Seiten
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-5960-307-29
Preis: € 15,50
Leseprobe

„Am 6. Juli 2008 kritzelt mein Vater etwas auf einen mintgrünen Post-it-Zettel. Er steigt die Wendeltreppe hinunter in die Bibliothek und holt seinen Revolver. Dann geht er durch den schmalen Gang hinaus aus unserem Haus in den Hof. Dort legt er sich unter unseren alten großen Nussbaum. Ich weiß nicht, ob er dabei irgendwann gezögert hat. Ich glaube, er wird noch einmal tief eingeatmet haben, als er da lag. Vielleicht hat er sich noch kurz die Sterne angesehen und der Stille gelauscht. Dann schießt er sich in den Hinterkopf. Sein Tod teilt mein Leben in ein Vorher und Nachher.“

Hautnah und unsentimental erzählt Saskia Jungnikl über den Freitod ihres Vaters. Sie schreibt über die Ohnmacht, die ein solch gewaltvoller Tod hinterlässt, und wie ihre Familie es schafft, damit umzugehen, über Schuldgefühle, Wut und das Entsetzen, das nachlässt, aber nie verschwindet.