The Ne(x)t Generation

Von Harald Gordon

Ohne Web 2.0 gibt es im schulischen Bereich (fast) keine Kommunikation, keine Information, kein Lernen und keinen sozialen Prozess mehr. Das wurde auch am 30. Bibliothekartag in der Grazer Stadthalle vom 15. bis 19. September bestätigt. Auf diesen Trend reagieren nämlich auch die Schulbibliotheken. Eine Fülle von medialen, virtuellen und pädagogischen Entwicklungen ist zu erwarten oder besser zu fördern.

Studentin beim Arbeiten in der Bibliothek

Ob Weblog, Wiki, Mashup, Pod­cast, Facebook, Twitter oder viele andere Anwendungen – sie alle gehen von einer demokratisierten Haltung und Selbstverantwortung in sozialen Netzwerken aus – das bedeutet einen Wechsel von passivem Surfen und Konsumieren hin zu interaktivem Gestalten, Produzieren und Präsentieren von Webseiten und Wissensinhalten.In Graz hat man sich mit Fragen zur e-konformen Gestaltung der Bibliothekslandschaft, mit der Rolle und dem neuem Selbstverständnis der BibliothekarInnen, mit Lernsetting und Lernklima befasst. Dabei wurde sichtbar, wie vernetzt die einzelnen Informationsanbieter sind. Umso notwendiger ist es, die Zusammenarbeit aller Wissensspeicher zu verstärken.

Teaching Library

Die Fähigkeit, Bibliotheken erfolgreich zu nutzen, gehört zu den Kernaufgaben: Informationskompetenz in diesem Sinn heißt, Kataloge und Datenbanken mit e-Learning-Anwendungen zu verknüpfen, was Bibliotheken besser positioniert. Schulbibliotheken bilden die Schnittstelle zwischen höheren Schulen und Hochschulen beim Erwerb von Informations- und Medienkompetenz. Dazu passend realisiert die künftige Matura-Reform in Form der  Facharbeiten bereits eine grundsätzliche wissenschaftliche Haltung, die im Basismodul der Grazer Universitätsbibliothek vertieft wird.

Auf anderer Ebene bietet das Lernzentrum LeWis (Lernen im Wissensturm/Linz) völlig neue Lernerfahrungen mit neuen Techniken und Medien. Auch Christine Gläser verknüpft dynamische Kompetenzen mit aktivierenden Lernformen in einer völlig neuen Lernumgebung. Mit ICT (Information Communication Technology-Literacy) erweitert sie den Begriff der Informationskompetenz um die Entwicklung kritischen Bewusstseins im Recherche- und Bewertungsprozess und Medienerfahrenheit bzw. technische Versiertheit. Für die Schulbib­liotheken bedeutet dies eine Beschäftigung mit den Fragen Ressourcenfindung, Dokumentation, Peeraufgaben, Schulung, multimediales Angebot (Hardware und Software), technischer Support, Web 2.0 sowie Medienproduktion.

Schließlich präsentierte Detlev Dannenberg (Hamburg) am Bibliothekartag zehn Schritte zur Teaching Library. Sein Bemühen war es, definierte Standards in der Praxis anwendbar zu machen.

Studygroup relaxing in beanbags while doing school work.

Virtuelle Bibliotheken

Die Möglichkeit, Online-Bibliotheken mit e-Learning auch über Schulbibliotheken nutzbar zu machen, zeigt die eBücherhalle (Hamburg) genau so auf wie das vorgestellte Konzept der Stadtbibliothek Graz – ein neuer Online-Service „Bibliothek digital“, der den BenutzerInnen digitale Medien verschiedenster Art (eBook, eAudio, eVideo, eMusic, ePaper) ohne Zusatzkosten unkompliziert zum Downloaden anbietet.

KIM und JIM

Im Zentrum der Überlegungen zur KIM- und JIM-Studie (siehe Kasten) steht die Frage nach nötigen Veränderungen im Bibliotheksbereich und im Bereich Lernen. Welche Tätigkeiten werden während der Computer/Internetnutzung ausgeübt? Von welcher Nutzungsdauer bei Computer/Konsolenspielen ist auszugehen? Was sind die bevorzugten Internetaktivitäten? Wie sind Web-2.0-Aktivitäten nach Geschlecht und Alter verteilt? Wer nutzt warum Communities? Welche Handy-Funktionen werden genutzt? Welche Rolle können Computerspiele beim Lernen übernehmen?
Medienvielfalt zu nutzen und die SchülerInnen in der Medienwelt abzuholen ist das Ziel von Christian Swertz, Professor für Medienpädagogik an der Universität Wien. Sein Fazit: Medienkompetenz und Informationskompetenz sollen als unterrichtsbezogene und bibliothekarische Aufgaben betrachtet und betrieben werden.

Resümee

Für die SchulbibliothekarInnen und sicher auch für alle LehrerInnen könnte die Tagung Symbol- und Impulscharakter haben. Ausgehend von den  TeilnehmerInnen und ihren Erfahrungsberichten ist wohl die Sensibilisierung der Schuldirektionen und der übergeordneten Schulbehörden besonders wichtig.
Die digitale Wende in unseren Bibliotheken muss dringend vollzogen werden. Dafür brauchen wir die entsprechenden Ressourcen, Konzepte und Personen. Die Idee von Literacy (siehe Kasten) ist kein Trend und keine Modeerscheinung. Sie entspricht einem ganzheitlichen Ansatz mit zeitgemäßen Möglichkeiten. Dabei geht nichts verloren, schon gar nicht das Buch. Dennoch ist eines klar: netbib ist (auch) next bib.

KIM und JIM

Cover: KIM-Studie 08

Thomas Rathgeb erläuterte Ergebnisse der KIM-Studie 2008 (Kinder + Medien, Computer + Internet) sowie der JIM-Studie 2008 (Jugend, Information, (Multi-)Media). Im Kern geht es um Mediennutzung der 6- bis 13-Jährigen bzw. 12- bis 19-Jährigen in Deutschland. Dabei werden unterschiedliche Entwicklungen und Vorlieben von Burschen und Mädchen genauso sichtbar wie die Rolle traditioneller Medien im Vergleich zu neuen – mit einer Reihe von Differenzierungen in den Trends der beiden Altersgruppen. Einerseits orientieren sich Jugendliche anfangs an der Mediennutzung der Eltern, andererseits bleibt die Buchnutzung über die Jahre gleich (40 %), während die Internetnutzung gestiegen ist. Während die Nutzung des PCs vor dem des Fernsehers liegt und MP3 zum Standard zählt, besteht eine Konstante klassischer Medien (Radio, Tageszeitung) aufgrund ihrer Multifunktionalität weiterhin. Ein eigenes Kapitel ist den Computerspielen mit Fragen der Altersbeschränkung, Elterninformation und Jugendschutz gewidmet.

Literacy ...

... betrifft im bibliothekarischen Zusammenhang Lesen, Informa­tion, Medien, Lernen, Web, Transkulturalität, aber auch visuelle, historische, wirtschaftliche und staatsbürgerkundliche Fähigkeiten, die dazu führen, dass zum selbstständigen Lernen die Bibliotheken neu erfunden und der Unterricht in einer neuen Dimension professionalisiert wird.

Eine Schulbibliothek 2.0 braucht gut entwickelte Ressourcen, eine Einbettung ins schulische Curriculum, eine neue Qualifikation der SchulbibliothekarInnen und LehrerInnen. Denn die Schulbibliothek ist Lebensort, real und virtuell, eine „integrierte“ Bibliothek. Die in Wien neu gegründete „Koordinationsstelle Literacy“ beginnt mit Diskussion und Modellentwicklung für Österreich.
Siehe dazu: eduweb.schule.at//wp/schulbib (Schulbibliothek der Zukunft)! In diesem Blog wird als Nachklang zur Tagung die Diskussion eröffnet.

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