Papa hat sich erschossen

Von Michael Achleitner

Suizid ist eines der großen Tabus unserer Gesellschaft. Es gibt wenig Literatur zu diesem Thema, vor allem von Betroffenen. Saskia Jungnikls Vater hat sich 2008 das Leben genommen. Über ihre Erinnerungen, Reflexionen und Recherchen hat sie nun ein Buch geschrieben.

Porträt von Saskia Jungnikl

Der 6. Juli 2008 scheint zunächst ein guter Tag zu sein im Leben von Saskia Jungnikl. Sie ist glücklich. Zum ersten Mal seit dem Tod ihres Bruders vor vier Jahren bleibt ihr Handy in der Nacht abgeschaltet. Zum ersten Mal seit diesem Tag denkt sie nicht daran, dass sie ständig erreichbar sein sollte, weil jemand vielleicht eine schlimme Nachricht überbringen muss. Erst am Morgen sieht sie, dass ihre Mutter versucht hat, sie zu erreichen. Ihr Papa hat sich erschossen.

„Er steigt die Wendeltreppe hinunter in die Bibliothek und holt seinen Revolver. Dann geht er durch den schmalen Gang hinaus aus unserem Haus in den Hof. Dort legt er sich unter unseren alten großen Nussbaum. Ich weiß nicht, ob er dabei irgendwann gezögert hat. Ich glaube, er wird noch einmal tief eingeatmet haben, als er da lag. Vielleicht hat er sich noch kurz die Sterne angesehen und der Stille gelauscht. Dann schießt er sich in den Hinterkopf.“

Vorher und Nachher

Der Tod ihres Vaters teilte das Leben der damals 27-Jährigen in ein Vorher und Nachher und veränderte alles. „Wenn eine der wichtigsten Bezugspersonen einem so eine schmerzhafte Wunde zufügt, zieht das einem nicht nur den Boden unter den Füßen weg, sondern prägt einen auch im weiteren Verhalten – so war das bei mir, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon erwachsen war. Es macht auf besondere Weise hilflos, weil derjenige, der einen beschützen sollte, zum Verursacher des Schmerzes wird und nicht mehr da ist, um einen zu trösten“, sagt Jungnikl in einem Interview mit dem Falter.

„Papa hat sich erschossen“ lautete der Titel des Artikels, unter dem Jungnikl ihre Gedanken im März 2013 erstmals im „Album“ des „Standard“ veröffentlichte. Die positive Resonanz auf den Artikel und der Wille, mehr über ihren Vater und seinen Tod zu erfahren, führten zu noch mehr Recherchen und Reflexionen, die schlussendlich zu einem Buch verarbeitet wurden. Ebenso wie Kurzgeschichten und Gedichte aus dem Nachlass des Vaters sowie ein Interview mit der Mutter.

Beeindruckendes, kluges Buch

Es ist ein beeindruckendes, ein kluges Buch, das sprachlich mit voller Absicht sehr sachlich gehalten ist. „Das Thema an sich ist schon so unfassbar entsetzlich, da musste ich in der Sprache so gut es geht sachlich bleiben. Was dem Ganzen aber nicht den Schrecken nimmt“, erklärt Jungnikl auf ihrer Website.

Es ist ein Buch, das berührt und schockiert. Ein Buch, in dem Jungnikl ihre Ängste, ihre Hilflosigkeit, ihre Wut, Trauer und Verzweiflung ausdrückt. Das Veröffentlichen dieser Gefühle hilft Jungnikl mit Sicherheit bei der Aufarbeitung der tragischen Ereignisse. Ein weiteres zentrales Anliegen, das die Autorin mit dem Buch verfolgt, ist es, das gesellschaftlich nach wie vor tabuisierte Thema Suizid zum Gesprächsthema zu machen.

Das Buch

Buchcover: Papa hat sich erschossen

Saskia Jungnikl
Papa hat sich erschossen

256 Seiten
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-5960-3072-9
Preis: € 15,50
Leseprobe

Hautnah und unsentimental erzählt Saskia Jungnikl über den Freitod ihres Vaters. Sie schreibt über die Ohnmacht, die ein solch gewaltvoller Tod hinterlässt und wie ihre Familie es schafft, damit umzugehen, über Schuldgefühle, Wut und das Entsetzen, das nachlässt, aber nie verschwindet.

Über die Autorin

Porträt von Saskia Jungnikl

Der Artikel über den Suizid ihres Vaters, den Saskia Jungnikl in der Tageszeitung „Der Standard“ veröffentlichte, löste eine riesige Resonanz aus und wurde mit der Ehrenden Anerkennung des Leopold-Ungar-Journalismuspreises und dem Claus-Gatterer-Anerkennungspreis ausgezeichnet. Seit 2007 schreibt die 1981 im Burgenland geborene Journalistin als Redakteurin unter anderem für die Stadtzeitung „Falter“, die Österreich-Ausgabe der „Zeit“, das Monatsmagazin „Datum“ und den „Standard“.

Buchtrailer