Schreibschrift ade?

Von Michael Achleitner

Seit etwa zehn Jahren wird die Schreibschrift unter Vorreiterschaft der USA zunehmend aus den Schulen verdrängt. Finnland will die Schreibschrift 2016 streichen. Jetzt wird ihre Abschaffung auch in Österreich diskutiert.

Kinderhand schreibt auf einen Zettel

Ausgerechnet PISA-Sieger Finnland bastelt an einer Revolution im Unterricht: Schülerinnen und Schüler sollen ihre Texte nicht mehr in Schreibschrift verfassen – sondern vor allem mithilfe der Tastatur. „Flüssiges Tippen auf der Tastatur ist eine wichtige Fähigkeit“, zitiert die „Helsinki Times“ Minna Harmanen, die im finnischen Bildungsministerium die Richtlinien zum Schreibenlernen reformiert. Das sei natürlich eine große kulturelle Neuerung, räumt Harmanen ein, aber für die im täglichen Leben benötigten Fähigkeiten werde der Umgang mit einer Tastatur eben immer wichtiger. Im Übrigen sei es den LehrerInnen freigestellt, auch weiterhin Schreibschrift zu vermitteln – nur eben zusätzlich zum Tastaturschreiben.

Vorreiter USA

Neu ist das nicht. Vor allem in den USA wird die Schreibschrift seit Jahren mehr und mehr aus den Schulen verdrängt. Die Common Core Standards, nach denen sich die meisten US-Bundesstaaten richten, sehen vor, dass das handschriftliche Schreiben im Kindergarten und in der ersten Klasse unterrichtet wird – danach rückt das Tastaturschreiben schnell in den Vordergrund.

In der Schweiz und in Deutschland ist es den Lehrkräften überlassen, Kindern die Schreibschrift, also die zusammenhängende Handschrift, beizubringen oder nicht. Bis jetzt gibt es in Deutschland keine empirischen Untersuchungen zu den Folgen eines Schriftwechsels.

Situation in Österreich

Die Vorstöße anderer Länder entfachen nun auch in Österreich die Diskussion erneut. Bisher lernen die Schülerinnen und Schüler in Österreich drei verschiedene Formen der Handschrift: Blockbuchstaben, Druckschrift und die zusammenhängende Schreibschrift. Nur um die Beibehaltung oder Abschaffung der Letzteren geht es bei dem Disput, der hierzulande ohnehin nur auf nichtministerieller Ebene geführt wird. Denn in den österreichischen Lehrplänen wird die Abschaffung der Schreibschrift derzeit nicht einmal diskutiert.

Wissenschaft ist sich uneinig

Ob sich die Abschaffung der Schreibschrift auf die Lese- und Lernkompetenz auswirkt, ist unter WissenschaftlerInnen umstritten. Einig ist man sich weitgehend darüber, dass die motorische Tätigkeit des Schreibens das Erlernen der Schrift fördert. Diskutiert wird darüber, ob für die Gehirnentwicklung das Tastaturschreiben ausreicht oder das Handschreiben vorzuziehen ist. Wäre das Ende der Schreibschrift also das Ende einer überholten Kulturtechnik oder ist Schreiben mit der Hand doch mehr, nämlich der Schlüssel zu Konzentration und Denkfähigkeit?

Schreiben mit der Hand fördert die Lese- und Schreibfertigkeit

Gerade in den ersten Schuljahren empfinden Kinder das Lernen der Schreibschrift als  meist „sehr mühsam“. Wäre es also nicht eine Entlastung für die Schülerinnen und Schüler, die Schreibschrift abzuschaffen? Die an der Universität Wien tätige Sprachwissenschafterin Nadja Kerschhofer-Puhalo verneint dies in einem Gespräch mit der Tageszeitung „Der Standard“: „Schreiben am Computer ist für Kinder sehr attraktiv. Dennoch ist das Schreiben mit der Hand – egal ob in Druckschrift oder einer Verbundschrift – förderlich für die Entwicklung von Lese- und Schreibfertigkeiten.“ Allerdings zeigen die ihr bekannten Studien hier keinen Unterschied zwischen dem Schreiben in Druckschrift oder einer Schreibschrift.

Verlust einer Kulturtechnik

Doch auch wenn die Abschaffung der verbundenen Schreibschrift keinerlei Auswirkungen auf Lese- und Schreibfertigkeiten sowie Hirnleistung haben sollte, sehen viele Kritikerinnen und Kritiker schlicht und einfach die Kulturtechnik des Schreibens in Gefahr. Wenn nur mehr Druckschrift geschrieben wird, so das Argument, und jede/r die Buchstaben verbindet (oder nicht), wie er oder sie will, wird die Fähigkeit, eine allen gemeinsame lesbare Schrift zu schreiben, aufs Spiel gesetzt. Eine Förderung des Analphabetismus wird schwarzgemalt.

My Literacies

In diesem Forschungsprojekt, das vom Wissenschaftsministerium im Rahmen des Schulprogramms Sparkling Science finanziert wurde, untersuchen Sprachwissenschaftler/innen gemeinsam mit Schüler/innen die vielfältigen Formen von Schrift und literalen Praktiken in einer multimedialen und mehrsprachigen Gesellschaft.

Ziel des Projekts ist die Beschreibung kindlicher Zugänge zur außerschulischen Verwendung von Schrift und Sprache und der Vielfalt, Variabilität, Multimedialität und Multimodalität literaler Praktiken in der Welt von Kindern und Jugendlichen, ihren Familien und Communitys.

Ein weiteres Ziel ist die Erweiterung des Methodenrepertoires der Leseforschung durch soziolinguistische Zugänge wie Linguistic Landscape und Social Semiotics, Diskursanalyse, Videografie und Bildanalyse.

www.sparklingscience.at