„Bibliothekare als Pädagogen sehen“

Interview: Thomas Aistleitner

Die Servicestelle für Schulbibliotheken bietet Beratung vom Aufbau bis zur Verwaltung der Schulbibliothek. Leiterin Barbara Pitzer über die Rolle der Schulbibliotheken im Literacy-Begriff.

BSI Barbara Pitzer
Porträt Barbara Pitzer

Literacy.at: Frau Pitzer, welche Aufgaben hat die Servicestelle für Schulbibliotheken?
Barbara Pitzer: Es geht um gesetzliche Grundlagen, um Standards und um Kompetenzen der Schulbibliotheken, um die Servicierung der Pflichtschulbibliotheken. Wir wollen den Bibliotheken helfen, auf dem neuesten Stand zu bleiben. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass wir den Schulbibliothekar als Pädagogen sehen und nicht bloß als Verwalter eines Medienbestands.

Welche Leistungen bietet die Servicestelle?

Die Schulbibliotheken bekommen Aufklärung über die gesetzlichen Grundlagen, über die neuesten Entwicklungen bei Einrichtungen, Medienbestand und technischer Ausstattung. Dazu kommt didaktisches Material: Wie führe ich eine Schulbibliothek? Wie kann ich Leseschwächen erkennen, wie mit ihnen umgehen? Natürlich kommen von uns auch Buchtipps und Rezensionen geeigneter Bücher.

Eine Rundumbetreuung für die Schulbibliothek also ...

Sogar mehr als das, denn unsere Beratung beginnt, bevor die Bibliothek existiert. Wenn eine Schule eine neue Bibliothek bekommen soll, bieten wir die gesamte Planung kostenlos an. Wenn es nötig ist, fahren wir auch hin und sehen uns die Bedürfnisse an Ort und Stelle an.

Welche Rolle spielen Schulbibliotheken in der Literacy?

Das kommt darauf an, was man unter Literacy versteht. Definiere ich Literacy als Haltung, dann sehe ich es als Aufgabe der Schulbibliothek, Kinder zu einer positiven Haltung zum Lesen und zur Literatur zu erziehen. Einer Haltung, die sie zum Umgang mit Büchern, mit Texten, mit verschiedenen Lesearten und Textsorten befähigt.

Welchen Literaturbegriff kann eine Schulbibliothek abdecken?

Einen sehr breiten, bis hin zu Sachtexten und dem Trainieren von Lern- und Arbeitstechniken – einfach das ganze Know-how, das eine Schnittstelle zwischen Unterricht und eigener Arbeit braucht. Der moderne Literacy-Begriff geht davon aus, dass der Umgang mit Sprache und Schrift ja nicht nur das Lesen fördert, sondern auch den Zugang zur Kunst und zu den Naturwissenschaften.

Wie viele Klassensätze eines Buches sollte ein Schulbibliothek haben?

Klassenlektüre in dem Sinn, dass die ganze Klasse an einem Buch liest, finde ich nicht sehr lesefördernd. Wenn gemeinsam ein Thema behandelt werden soll, können die Kinder ruhig verschiedene Bücher zu diesem Themen lesen und besprechen. Oder man teilt die Kinder in zusammenpassende Gruppen ein, die jeweils ein Buch lesen und den anderen vorstellen. Die klassische Klassenlektüre, dass alle gemeinsam ein Buch, womöglich noch ein historisches, lesen, ist aus meiner Sicht überholt.

Was also tun mit den Büchern, die als Klassensätze vorliegen?

Warum nicht an alle SchülerInnen ausgeben und nach zwei Wochen gemeinsam im Unterricht darüber reden und arbeiten?

Wie sieht es mit aktueller Jugendliteratur aus? Manche Schulbibliotheken sind sehr engagiert und bieten neue Titel zu angesagten Themen. Im Unterricht werden aber Bücher gelesen, die älter sind als die Kinder, oft auch älter als die Unterrichtenden ... Werden die Unterrichtenden in ihrer Ausbildung darauf vorbereitet, mit aktueller Jugendliteratur zu arbeiten? Für den AHS-Bereich scheint es nicht so zu sein (Literacy berichtete)
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Im HS-Bereich werden sie nicht ausreichend darauf vorbereitet. Man kann hier nur auf Fortbildung setzen. Dort merkt man dann, dass die Lehrerinnen und Lehrer sehr interessiert wären, mit modernen Büchern zu arbeiten. Sie sind da total offen und wollen selbst raus aus dieser alten Form der Literaturvermittlung.

Literaturvermittlung ist auch im Literacy-Konzept Sache des Deutschunterrichts?

Nein, Lesen ist definitiv nicht nur Sache des Deutschlehrers. Auch im Biologieunterricht können spannende Jugendbücher und auch Sachliteratur zu gewissen Themen vermittelt werden.

Haben Schulbiliothekarinnen und Schulbibliothekare einen Überblick über die Jugendliteratur? Verlage wie cbj leisten sich inzwischen schon drei Programme mit Neuerscheinungen pro Jahr.

Die ausgebildeten Bibliothekare haben das im Griff, die wissen, wie sie sich einen Überblick verschaffen können. Wir haben in Oberösterreich gemeinsam mit Thalia eine eigene Website für Schulbibliotheken gestaltet, die sich an der Systematik der Schulbibliotheken orientiert.

Soll die Schulbibliothek auch Bücher anbieten, die nicht sehr „literarisch“ sind?

Wir kennen das alle: Die Kinder greifen dann trotz kompetenter Auswahl und interessanten Titeln immer wieder zu Büchern, wo man sich die Haare rauft, dass sie ausgerechnet das lesen wollen. Aber die Großzügigkeit muss eine Schulbibliothek haben. Wenn man Kinder lehrt, im Supermarkt des Lesens auswählen zu dürfen, denn werden sie sich einerseits Trash reinziehen, aber irgendwann auch einmal richtig gute Sachen lesen. Ich selbst habe auch mit Leidenschaft Enid Blyton gelesen – das hat mich zum Lesen gebracht. Besser ist es natürlich, wenn Kinder schon ein Fundament haben und seit dem Kindergarten mit dem Instrument Bibliothek umgehen können.

Ist die Arbeit der SchulbibliothekarInnen schwerer oder leichter geworden? Man hört immer wieder, dass die Kinder heute nicht mehr so gut lesen können.

Also wenn jemand liest in Österreich, dann sind es die Kinder. Ich behaupte, dass Kinder heute eine höhere Lesekompetenz haben als zu meiner Schulzeit. Für all die pessimistischen Einschätzungen gibt es keine Belege. Die Arbeit des Schulbibliothekars wird von Jahr zu Jahr schöner.

Zur Person

LSI BARBARA PITZER
ist Hauptschullehrerin; Deutschlehrerin im Tiroler Auswandererdorf Pozuzo in Peru; Bezirksschulinspektorin im Bezirk Wels-Stadt.
Schulbibliothekarin; Leitung der Servicestelle für Schulbibliotheken mit Hermann Pitzer und Wolfgang Lanzinger; Mitorganisatorin der „Lesetopia“ Wels; Landesreferentin für Oberösterreich im Österreichischen Buchklub der Jugend.

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