Das Tagebuch der Éva Heyman

Von Hafka

An ihrem 13. Geburtstag, dem 13. Februar 1944, beginnt das jüdische Mädchen Éva Heyman Tagebuch zu schreiben. Der letzte Eintrag stammt vom 30. Mai 1944. Éva Heyman wird nach Auschwitz deportiert und stirbt dort.

Éva führt in ihrer Kindheit ein „bürgerliches“ Leben in bescheidenem Wohlstand, lebt bei den Großeltern in Nagyvárad (Oradea im heutigen Rumänien), besucht ein Gymnasium und leidet – zumindest manchmal – an der weitgehenden Absenz ihrer geschiedenen Eltern. Ihre Mutter Agnes „Agi“ Zsolt hat inzwischen den berühmten Publizisten Bela Zsolt geheiratet und lebt mit ihm in Budapest, der leibliche Vater, ein Architekt namens Bela Heyman, lebt am anderen Ende der Stadt – Kontakt besteht jedoch nur in geringem Ausmaß. 

Der Holocaust aus der Sicht einer 13-Jährigen

Während die Beschreibungen des 13. Geburtstags noch die kindliche Unbeschwertheit zeigen („Und vierzehn Bücher habe ich auch noch zum Geburtstag bekommen, außerdem Schokolade, Orangen und von Mariska Honigkuchen vom Jahrmarkt …“), ändert sich das mit der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen am 19. März 1944. Sind bisher in Ungarn die Deportationen trotz diskriminierender Rassengesetze weitgehend ausgeblieben, beginnt nun unter der neuen „Marionettenregierung“ von Döme Sztójay (März bis August 1944) die aktive Beteiligung am Holocaust. Innerhalb von mehr als zwei Monaten werden ca. 435.000 ungarische Jüdinnen und Juden deportiert.

Mit erstaunlicher Beobachtungsgabe und sprachlicher Sensibilität beschreibt Éva die immer bedrohlicher werdenden Lebensumstände der jüdischen Bevölkerung:

„Heute Morgen, als wir von Anikó heimgekommen sind, habe ich auf der Straße gar nicht darauf geachtet oder vielleicht war es auch noch zu früh, jedenfalls sind mir keine gelben Sterne aufgefallen. Doch dann am Nachmittag, auf dem Weg zu Lujza-Oma, bin ich vielen mit dem Stern begegnet. Sie gingen alle schnell und mit gesenkten Köpfen. Mich hat Mariska wie ein kleines Kind an der Hand geführt, auch wir hatten es eilig. Trotzdem habe ich Pista Vadas gesehen, er nahm mich nicht wahr, also grüßte ich ihn. Ja, ich weiß, es ist gegen die Regeln, wenn ein Mädchen zuerst grüßt. Aber bestimmt stört es keinen mehr, wenn ein Mädchen mit gelbem Stern sich nicht um solche Regeln kümmert. Hallo Eva, entschuldige, ich habe dich gar nicht gesehen. Dein Stern ist ja fast größer als du, versuchte er einen Scherz zu machen. Gelacht hat er dabei aber nicht, er machte nur ein trauriges Gesicht.“ (S. 81)

Die Repressalien nehmen zu, Wertgegenstände, aber auch Dinge des täglichen Lebens, wie Geschirr und Wäsche, werden beschlagnahmt. Am 7. April wird Evas Fahrrad abgeholt:

„Einer der Polizisten hat sich furchtbar aufgeregt. Das fehlte gerade noch, dass dieses närrische Judenmädchen ihm wegen dem Rad so einen Zirkus macht. Ihr Juden habt lange genug alles gehabt und unsere Soldaten müssen an der Front hungern und frieren. Du kannst dir denken, liebes Tagebuch, wie mir zumute war, als der Polizist mir das ins Gesicht sagte. So etwas hat bisher nur in den deutschen Zeitungen gestanden oder war im Radio zu hören. Es ist schon etwas anderes, wenn dir jemand das so direkt sagt. Und gerade dann, wenn er dir dein Fahrrad wegnimmt.“ (S. 84)

Die „ungarische Anne Frank“

Der letzte Eintrag stammt vom 30. Mai 1944. Éva Heyman wird nach Auschwitz deportiert und stirbt dort am 17. Oktober 1944. Agnes Zsolt und ihrem Mann Bela gelingt die Flucht in die Schweiz. Nach dem Krieg veröffentlicht die Mutter unter ihrem Namen das Tagebuch ihrer Tochter. „Éva lányom“ (Meine Tochter Eva) wurde trotz der offenen Fragen zur Autorenschaft  2012 im Nischen-Verlag wieder aufgelegt und erfuhr als Werk der „ungarischen Anne Frank“ große Aufmerksamkeit.

Zweifaches Drama

Auch die aktuellen Rezensionen schließen nicht aus, dass hier eine verzweifelte Mutter den Text ihrer Tochter bearbeitet haben könnte, um damit eigene Schuldgefühle zu verarbeiten bzw. der Tochter eine Form von „Unsterblichkeit“ zu verleihen. Ebenso herrscht aber auch Einigkeit, dass dieses Buch ein hohes Maß an Betroffenheit auslöst, aufgrund der Tagebucheintragungen, aber auch des „zweifachen Dramas“, wie Gábor Murányi im Nachwort schreibt: 1951 begeht Agnes Zsolt nach einem langen Leidensweg Selbstmord.

Das Buch

Agnes Zsolt
Das rote Fahrrad

Ab 13 Jahren
160 Seiten
Verlag: Nischen
ISBN: 978-3-9503345-0-0
Preis: € 19,80

Ungarische Gendarmen verschleppten das 13-jährige ungarische Mädchen Éva 1944 aus dem Ghetto von Nagyvárad in Siebenbürgen. Sie wurde in Auschwitz ermordet. Ihre Mutter, die Journalistin Ágnes Zsolt, hat Évas heimlich geführtes Tagebuch entdeckt und als Buch herausgegeben.

Buchtrailer