Lies mal etwas langsamer

Von Michael Achleitner

Nach Slow Food und Slow Travel nun also Slow Reading – das langsame Lesen. Die Rückbesinnung auf das gedruckte Buch? Eine Mischung aus Entschleunigung und digitaler Entgiftung?

Zwei Frauen und ein Mann beim Slow Reading

Auf der englischen Wikipedia-Seite (siehe Kasten rechts) ist es bereits seit einigen Jahren mit einem Artikel vertreten – nun wird dem bewusst langsamen Lesen auch hierzulande mediales Interesse entgegengebracht und auf die Anfänge der „Slow Reading“-Bewegung in Neuseeland hingewiesen. Die Gründerin Meg Williams beschreibt sich selbst auf ihrem Blog als eine „begeisterte Leserin“, die sich aber irgendwann nicht mehr daran erinnern konnte, wann sie das letzte Mal ein Buch von vorne bis hinten durchgelesen hatte – zu beschäftigt war sie damit, ihre E-Mails zu checken oder auf Facebook zu surfen, wie Focus online berichtete. Deshalb traf sie sich mit Gleichgesinnten im Kaffeehaus, schaltete das Handy ab und konzentrierte sich nur aufs Lesen.

Genussfaktor Lesen

Es geht also darum, sich Zeit fürs Lesen zu nehmen. Ein Buch zu genießen, es gerne auch zweimal zu lesen, um tiefer in die Details der Handlung, die Charaktere und die verwendete Sprache einzutauchen. Schnelles Lesen, so Leseforscher, geht nicht zwingend zulasten des Textverständnisses. Langsames und somit bewusstes Lesen erhöht aber – wie beim Essen – den Genuss.

Reading Party vs. in sich gekehrte Tätigkeit

Die neuseeländische Gruppe hat bereits einige wenige Ableger, vor allem in Nordamerika. In den USA sind ähnliche Projekte etwa unter dem Namen „Silent Reading Party“ entstanden. In Österreich ist allerdings noch kein solcher Klub bekannt. Das mag auch daran liegen, dass nicht ganz schlüssig ist, warum man sich zum konzentrierten, genussvollen Lesen mit anderen im Kaffeehaus treffen bzw. einen Club gründen muss und dies nicht einfach zu Hause und ganz allein macht. Gilt Lesen doch als kultivierte Einsamkeit – als stille, in sich gekehrte Tätigkeit. Mit einem Buch beschäftigt man sich alleine. Sobald man sich darüber austauscht (siehe etwa Social Reading, Literacy.at berichtete) widerspricht dies ja schon wieder dem Slow-Gedanken.

Vielleicht brauchen manche aber den sozialen „Druck“, die Gemeinschaft, um sich nicht doch vom eigenen Handy oder vom Fernseher ablenken zu lassen. Oder man braucht einfach nur ein neues trendiges Ding, bei dem man eben auch dabei sein muss. Und wenn das Lesen ist – dann nehmen wir es eben mit.

 

Definition

„Slow reading is the intentional reduction in the speed of reading, carried out to increase comprehension or pleasure. The concept appears to have originated in the study of philosophy and literature as a technique to more fully comprehend and appreciate a complex text. More recently, there has been increased interest in slow reading as result of the slow movement and its focus on decelerating the pace of modern life.“

Wikipedia