„Ich kann mir nichts Verletzlicheres vorstellen als einen Ich-Erzähler“

Von Martin Peichl

Die Berliner Twitter-Poetin Sarah Berger zu Gast in der Wiener AHS Zirkusgasse.

Sarah Berger
Twitter-Poetin Sarah Berger

Anfang April kam die Berliner Autorin, Bloggerin und Twitter-Poetin Sarah Berger („milchhonig“) auf Besuch in die AHS Zirkusgasse, um Schüler/innen  der 5. und 8. Klassen mit Online-Literatur in Kontakt zu bringen. Die zweistündige Veranstaltung, die mit einer Lesung der Autorin begann, war als Workshop konzipiert, der Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit eröffnete, selbst zu Schreibenden zu werden, und schloss mit einer Gesprächsrunde zum Thema Literaturproduktion und Online-Literatur.

Mehr Informationen zur Autorin sowie ihre Texte findet man online:

Blog: milchhonig.net
Twitter: @milch_honig
Klischeeanstalt: http://www.klischeeanstalt.net/g%C3%A4ste-2015/sarah-berger/
54Stories: http://54stories.de/vii-24/

Teil 1: Lesung

Nach einer kurzen Vorstellung las Sarah Berger drei ihrer Texte vor. Der erste, „Generation Kracht“, ist die spannende Verschmelzung von zwei älteren Texten der Autorin. Unter anderem wirft er die Fragen auf, ob wir schlechtere Menschen sind, wenn wir noch nie am Meer geweint haben, und was wir mit dem ganzen „Datenmüllschwachsinn“, den wir in Form von Screenshots mit uns herumtragen, machen sollen.

Text 1: Generation Kracht

Der zweite Text behandelt ein sehr ernstes Thema: Abschiedsbriefe. 2015 hatte es sich die Autorin zum Ziel gesetzt, jeden Tag einen Abschiedsbrief zu verfassen. Der Brief vom 22. 6. 2015 beschreibt eindrucksvoll das Gefühl, sich einmal „komplett umstülpen zu müssen, nur um zu wissen, ob da irgendwo vielleicht doch ein Mensch ist“. Der dritte Text, „Es ist anstrengend“, handelt wiederum von der Angst, nie zu genügen.

Text 2 und 3: Abschiedsbrief / Es ist anstrengend

Teil 2: Textproduktion

Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden die Schüler/innen aufgefordert, eigene Texte zu produzieren. Ausgangsmaterial dafür waren sieben Tweets der Autorin. Diese konnten als Inspiration für das eigene Schreiben herangezogen oder geremixed werden. Die Schüler/innen hatten außerdem die Möglichkeit, Feedback für ihre Texte einzuholen. Einige der Ergebnisse wurden im Anschluss vorgelesen.

Hier zwei der dabei entstandenen Texte:

Leonard Paar

Unfälle der Inspiration (von Leonard Paar, 5B)
Ich habe gerade spontan beschlossen, Bloggen lustig zu finden. Denn es sind verdächtig viele der Tweets ziemlich früh am Tag passiert. Es gibt also offensichtlich Tweets, die vor dem Schlafengehen „passieren“. (Ich schreibe „passieren“, weil mir das am realistischsten vorkommt. Man hat eine Eingebung, man tweetet und es ist passiert.) Dann scheint es noch Tweets zu geben, die nach dem Aufstehen passieren. Ein Unfall passiert, ein Blog auch. So stelle ich mir Bloggen vor und finde es lustig. Man schreibt vor dem Einschlafen (so um 4:00 Uhr) oder nach dem Aufstehen (so um 13:00 Uhr). Wirkt, als hätten Blogger ein lustiges Leben. Das zumindest entnehme ich diesen Tweets, also diesen Unfällen der Inspiration, diesen Massenkarambolagen an Intellektuellsein.

Ohne Titel (Swati Joshi, 8A)
Ich habe dich aus Versehen mit Liebe verwechselt. Dich gesehen und aus Versehen mit Liebe auf den ersten Blick verwechselt. Die Realität aus Versehen mit einem Traum verwechselt. Habe Verlangen aus Versehen mit Liebe verwechselt. Den Schmerz aus Versehen mit Schmetterlingen im Bauch verwechselt. Und dich und mich aus Versehen mit einem „Uns“ verwechselt. Ich habe dich aus Versehen mit Liebe verwechselt. Aus Versehen? Nein. Bewusst.

Teil 3: Gespräch

Im Anschluss an die Lesung ging es in einem moderierten Gespräch darum, wie sich Literaturproduktion im Netz von Offline-Literatur unterscheidet, woher Sarah Berger ihre Ideen nimmt, wie unzuverlässig Kreativät funktioniert und inwiefern eine Trennung von Autoren-Ich und Erzähler-Ich (bzw. lyrischem Ich) überhaupt möglich ist.