Bemüht, aber misslungen

Von Michael Achleitner

Ein passionierter Oldtimer-Fan erinnert sich beim Kauf eines besonders schönen Exemplars an eine Geschichte, die er als Schulkind geschrieben hat. Nun, 52 Jahre später, hat er diese als Kinderbuch im Eigenverlag veröffentlicht. Hätte nicht sein müssen.

Illustration des Little Ben

Alles fing so vielversprechend an: der Stand auf der Buch Wien, ein echter Eyecatcher. Im Zentrum ein wunderschöner GM-Oldtimer – die Vorlage für das hier vorgestellte Kinderbuch „Little Ben. Das unglaubliche Polizeiauto“. Auf den Regalen und dem Schreibtisch im Retrodesign lagen und hingen zig Merchandise-Produkte. Man hätte meinen können, hier würde das fünfte Buch der „Little Ben“-Reihe vorgestellt, und alle Vorgänger wären weltweite Bestseller. Mitnichten. Was hier tatsächlich präsentiert wurde, ist das erste Kinderbuch des 64-jährigen Hermann Beyeler, der im Eigenverlag und mit Hilfe einer Werbeagentur versucht, mittels Marketing- und Merchandise-Maßnahmen auf sein Buch aufmerksam zu machen (Literacy.at berichtete). Das hat funktioniert.

Ein Buch mit 52-jähriger Geschichte

Doch selbst hinter dem besten Marketing muss für den langfristigen Erfolg ein gutes Produkt stehen. Die Geschichte von Hermann Beyeler ist eigentlich schon 52 Jahre alt. Als Schulkind schrieb der damals 12-Jährige einen Aufsatz über das kleine Polizeiauto. Als der Oldtimer-Fan heuer dann ein besonders schönes Exemplar, Baujahr 1939, kaufte, erinnerte er sich wieder an seine Geschichte und machte daraus ein Kinderbuch. Beyeler empfiehlt sein Buch für Kinder ab acht Jahren, es sei aber auch ein Vorlesebuch, ja eigentlich ein Generationenbuch, also für 8- bis 80-Jährige bestens geeignet, so der Schweizer.

Das Buch handelt von „Little Ben“, einem sehr kleinen Polizeiauto, Baujahr 1939. Dieses wird zum Dienstfahrzeug von „Big Ben“, einem besonders groß geratenen Polizisten. Gemeinsam bilden die beiden ein Ermittlerteam, das den ein oder anderen Fall löst. Die Geschichte, die im ersten Buch über Little Ben erzählt wird (zwei weitere Bände sollen 2017 veröffentlicht werden), beginnt im Geburtsjahr des Autos und zieht sich bis in die Jetztzeit. Es endet – so viel sei verraten –, ohne dass der junge Leser bzw. die junge Leserin wirklich darauf vorbereitet wird, als der Polizist im Alter von 71 Jahren plötzlich verstirbt. Auf der letzten Doppelseite. Man wird den Eindruck nicht los, als hätte der Autor noch rasch ein Ende für das Buch benötigt.

Einige Mängel

Es ist nicht das einzig Verstörende an diesem Kinderbuch. Neben dem nicht sehr sorgfältigen Lektorat und den nicht sonderlich schön herausgearbeiteten Charakteren und Plots ist es vor allem der Erzählstil des Autors, der es einem schwerfallen lässt, das Buch überhaupt zu Ende zu lesen:

Das arme Wägelchen ächzte gewaltig und von aussen konnte man sehen, wie es unter der Last von Big Ben gefährlich nach rechts abzukippen drohte. Tja, 150 Kilo waren eben keine Kleinigkeit. Aber Big Ben, dieses Schwergewicht, strahlte jetzt wie ein Honigkuchenpferd aus dem Wagen, obwohl jeder, der ihn so glücklich in seinem neuen Auto sitzen sah, unschwer erkennen konnte, wie wenig er dort hineinpasste. (Seite 9)

Dort sahen sie, dass sich vor der Kirche bereits eine riesige Menschentraube gebildet hatte, die aber leider die Sicht auf das Unglück versperrte. Vorsichtig schob sich Little Ben durch die aufgeregte Menge und hupte nur, wenn es unbedingt sein musste. Vorsicht war bekanntlich oberstes Polizistengebot, und sie wussten ja auch nicht, was sie am Ort des Geschehens alles erwarten würde. Schliesslich mussten sie mit allem rechnen und die Erfahrung hat sie gelehrt, dass es auch gefährlich werden könnte – sehr gefährlich sogar! (Seite 39)

Eine Idee macht noch kein gutes Kinderbuch

Es ist vollkommen egal, welche Passage man aus dem 48-seitigen Buch herausnimmt – was man zu lesen bekommt, erinnert an eine spontan erfundene Geschichte eines Großvaters, die er seinem Enkelkind beim Schlafengehen erzählt. Eine Idee allein macht eben noch kein gutes Buch. Schon die grundlegenden Schreibregeln für Kinderbücher wurden nicht eingehalten: immer im Präsens schreiben, keine Schachtelsätze, sondern kurze Sätze und einfache Wörter verwenden. Auch die Illustrationen sind mehrheitlich wenig kindgerecht. Es macht einen enormen Unterschied, ob das Buch für Kinder geschrieben und illustriert ist oder für Erwachsene. Der Versuch eines Spagats scheitert meist.

„Little Ben“ ist das Werk eines mit Sicherheit sehr ambitionierten und passionierten Menschen, der die Schriftstellerei für sich entdeckt und die finanziellen Möglichkeiten hat, seine Bücher im Eigenverlag zu veröffentlichen und mittels Marketingmaschinerie zu bewerben. Am Ende ist „Little Ben“ aber das, was es immer war: ein Schüleraufsatz.

Das Buch

Coverabbildung: Little Ben

Hermann Beyeler (Text), Pascal Blaser (Illustrationen)
Little Ben. Ein unglaubliches Polizeiauto

48 Seiten
Brinkhaus Verlag
ISBN: 978-3-906900-00-1

„Ein besonders großes Polizeiauto für einen besonders großen Polizisten.“ So lautete die Bestellung. Der Schreck ist groß, als die Lieferung dann auf der Polizeistation eintrifft. Irgendjemand hat da wohl nicht richtig aufgepasst!

Das Polizeiauto ist leider nicht „besonders groß“, sondern „besonders klein“ geraten. Aber für Mensch und Auto ist diese Begegnung so etwas wie „Liebe auf den ersten Blick“. Damit ist ein völlig neues schlag- und tatkräftiges Ermittlerteam geboren: Little Ben & Big Ben.

Über den Autor

Porträt Hermann Alexander Beyeler

Hermann Alexander Beyeler wurde 1952 in der Schweiz geboren. Er ist gelernter Autolackierer und Karosseriespengler. Nachdem er mit Immobilien ein Vermögen gemacht hat, widmet er sich mittlerweile der Schriftstellerei und veröffentlichte heuer die Bücher „Bozzetto“ und „Little Ben“. Beyeler lebt bei Luzern am Vierwaldstättersee.